Die 1946 in Ramallah geborene Hanan Mikhail Aschrawi ist Dozentin, Wissenschaftlerin und Autorin. Sie promovierte in den USA. Seit Mitte der 1970er Jahre ist Aschrawi politisch aktiv. International bekannt wurde sie durch ihre Rolle als Sprecherin der palästinensischen Delegation während der Madrider Friedenskonferenz 1991. Fünf Jahre später wurde sie in den palästinensischen Legislativrat gewählt und zur Erziehungsministerin ernannt. 1998 trat sie aus Protest gegen die vorherrschende Korruption innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde unter dem damaligen Präsidenten Jassir Arafat von ihrem Amt zurück. Im selben Jahr gründete sie die pro-demokratische Organisation MIFTAH. Sie ist heute Abgeordnete der progressiven "Mubadara"-Bewegung im Palästinensischen Parlament.

ZEIT Online: Frau Aschrawi, könnten Sie kurz die derzeitige Situation im Gazastreifen beschreiben?

Hanan ASCHRAWI: Die Lage in Gaza ist extrem unbeständig. Zur Zeit herrscht eine Phase der Ruhe, die von Ägypten vermittelte Waffenruhe scheint zu halten.

ZEIT Online: Warum ist ein innerpalästinensischer Frieden so schwierig?

Aschrawi: Wir haben hier eine sehr komplizierte und extrem polarisierte politische Situation zwischen Hamas und Fatah. Hamas ist ideologisch dem politischen Islam verbunden und Fatah ist eine nationalistische, säkulare Organisation, die trotz des Wahlsieges der Hamas bei der Parlamentswahl 2006 den größeren Teil der Bevölkerung repräsentiert. Fatah war bislang immer an der Macht, während Hamas stets außerhalb der Regierung stand. Beide Seiten haben Schwierigkeiten mit der neuen Situation: Fatah mit ihrer Rolle als Opposition, Hamas mit der Macht.

ZEIT Online: Ist die Hamas regierungsfähig?

Aschrawi: Die Hamas ist nicht in der Lage, eine verantwortungsvolle Regierungsführung aufrecht zu erhalten. Die Sanktionen und der internationale Boykott der Hamas-Regierung haben dazu die Lage noch erschwert. Die Bevölkerung wirft der internationalen Gemeinschaft in diesem Zusammenhang Heuchelei vor: sie will Demokratie, aber nur wenn das Ergebnis der Wahl stimmt. Wenn aber Leute gewählt werden, die nicht ins Konzept passen, dann werden Strafen verhängt. Diese Entwicklung hat die demokratischen und moderaten Kräfte in Palästina sehr geschwächt.

ZEIT Online: Was sind die konkreten Probleme zwischen Hamas und Fatah?