Paul Gulda , geboren 1961 in Wienals zweiter Sohn Friedrich Guldas aus der Ehe mit Paola Loew, begann im Alter von neun Jahren Klavier bei Roland Batik zu studieren. Später folgte Unterricht bei seinem Vater, bei Leonid Brumberg und zuletzt bei Rudolf Serkin in Vermont/ USA. Zu Beginn seiner Karriere spielte er viele Duo-Konzerte mit Roland Batik, sie schlugen Brücken zwischen klassischer Musik und Improvisation. Aber Gulda gab auch ganz traditionelle klassische Konzerte mit bedeutenden Orchestern und Dirigenten wie Yehudi Menuhin, Kurt Masur und Sándor Vegh und widmete sich ausgiebig der Kammermusik. 1997 debütierte er als Dirigent.

Paul Gulda widmet sich grenzüberschreitenden Projekten, ganz im Sinne seines Vaters. Besonders erfolgreich war der inszenierte Culture Clash von "Haydn alla Zingarese", bei dem klassische Musiker auf eine Roma banda trafen. Heute betätigt sich der Musiker als Organisator (Gulda-Tage), Universitätslehrer, Bühnenkomponist und Wanderer zwischen verschiedenen musikalischen Welten.

Paul Gulda ist seit vielen Jahren auch in die Neu-Editionsprojekte der Musik seines Vaters eingebunden und war maßgeblich an der Wiederveröffentlichung der Debussy-Einspielung der "Préludes" aus dem Jahr 1969 beteiligt.

ZEIT online: Herr Gulda, Sie haben die Wiederveröffentlichung von Claude Debussys Préludes in der Einspielung Ihres Vaters aus dem Jahr 1969 betreut. Friedrich Gulda hatte gerade kurz zuvor beim deutschen Jazzlabel MPS (Musikproduktion Schwarzwald) unterschrieben. Da war es doch eine ungewöhnliche Entscheidung, als erste Aufnahme einen Zyklus aus dem klassischen Kernrepertoire herauszubringen. Wenn man sich allerdings daran erinnert, dass wenig später die romantisierenden Soloklavieraufnahmen von Keith Jarrett oder Chick Corea, die in mancherlei Hinsicht an die impressionistische Klangwelt erinnern, eine Riesensensation waren, dann liegt darin vielleicht doch eine gewisse Logik.

Paul Gulda: Die „romantische“ Jazzklaviertradition reicht natürlich noch weiter zurück: Lennie Tristano im Cool Jazz der vierziger Jahre, später dann Bill Evans. Aber man darf auch nicht vergessen, dass von der anderen, der klassischen Seite her schon lange Zeit Versuche gemacht wurden, Elemente des Jazz zu integrieren. Das ist bei Debussy zu finden und noch mehr bei Ravel, wenn man an das G-Dur-Klavierkonzert mit seinen gershwinesken Anklängen denkt. Gerade auch bei den Préludes gibt es zwei Beispiele, wo sich der Jazzeinfluss ganz klar bemerkbar macht. Das eine ist General Lavine – Eccentric, Dans le style et le mouvement d`un cakewalk , das andere Minstrels . Debussy hat also schon 1914 die amerikanischen Minstrel-Shows gekannt, bei denen sich Weiße zum Gaudium des Publikums schwarz schminkten, und gleich kompositorisch darauf geantwortet.

ZEIT online: Kann man somit sagen, dass die Veröffentlichung der Préludes auf einem Jazzlabel für Friedrich Gulda, den ewigen Querkopf und Grenzüberschreiter, Manifestcharakter hatte? Dass er zeigen wollte, wo und wie sich zwei vermeintlich fremde Welten berühren? Es war ja immerhin schon die dritte Einspielung dieses Zyklus' durch Ihren Vater. Die anderen beiden sind aus den fünfziger Jahren. Und in der dazwischen liegenden Zeit hatte er sehr viele Erfahrungen mit Jazz gesammelt.

Gulda: Friedrich Gulda hat ja bei der LP-Veröffentlichung der Préludes im Jahr 1969 auf dem Cover angemerkt: Tribute to the past. Er wollte damit andeuten, dass er sich in einer der zahlreichen Wendephasen seines musikalischen Lebens befand. Wie Sie sagen: Es lag zu diesem Zeitpunkt schon viel Jazz aus der Hand meines Vaters vor. Die ganzen großen Kompositionen für Bigband und Piano wurden in den sechziger Jahren veröffentlicht. Und man muss sagen, dass zum Zeitpunkt der MPS-Platte bereits eine Abwendung vom Jazz im traditionellen Sinne begann. Ab 1967 war Friedrich Gulda ja maßgeblich an der Konzeption der Musikforen in Ossiach/ Kärnten beteiligt, die den Blick weit über die Horizonte des Jazz hinaus richteten. Da machte ein Chor aus Rumänien mit, arabische Gruppen, und einmal haben sogar Pink Floyd dort gespielt. In Ossiach ist Gulda auch erstmals Paul und Limpe Fuchs begegnet, einem musizierenden Ehepaar, das einer völlig freien, unreglementierten Improvisationsmusik auf selbst gebauten Instrumenten verpflichtet war. Er hat dann in den siebziger Jahren unter dem Projektnamen Anima viele Konzerte mit ihnen gespielt und auch einige Platten aufgenommen. Das war der Beginn seiner freien Improvisationsphase.

Was Sie vorhin über den Manifestcharakter der Préludes gesagt haben, scheint mir allerdings etwas übertrieben zu sein. Friedrich Gulda hat nie in den Clubs versucht, die Jazzer zur Klassik zu bekehren. Das war nicht programmatisch, sondern stimmungsabhängig. Alfred Brendel hat einmal gesagt, dass er in einer Bar hörte wie Gulda Ravels Gaspard De La Nuit spielte. Aber das war mehr so after hours und weil er es eben konnte. Die Klassikhörer hat er hingegen ganz bewusst mit Jazz konfrontiert. Da stand Mozart oder Beethoven auf dem Programm und danach kam unweigerlich eine Klavierimprovisation. Man muss da schon bei der Aussage Tribute to the past bleiben: Die Préludes auf MPS waren für meinen Vater ein Sprungbrett in eine neue Welt. Und wenn man diese Aufnahme mit den früheren vergleicht, dann ist er hier einfach freier.

ZEIT online: In welcher Hinsicht? In den Tempi, den Klangfarben, der Dynamik?

Gulda: Auch in der Atmosphäre.

ZEIT online: Die Musik ist sehr klar und trennscharf aufgenommen, obwohl viel Hall darüber liegt. Es gibt ja dieses Impressionismus-Klischee: formlose Klangwolken, in denen die Einzeltöne zu vagen Stimmungsmustern verschwimmen. Musik, die einen vorsprachlichen Gefühlskult bedient und nicht streng und genau gedacht ist. Ich finde, dass Friedrich Guldas Debussy-Deutung hingegen von einer unglaublichen analytischen Schärfe ist und fast mit dem Seziermesser in die Eingeweide der Kompositionen hineingeht. Das kann bis an die Grenzen der Stille reichen, um wenige Takte später im Bassbereich ganz ordentlich zu rumpeln.

Gulda: Da spielt natürlich auch das Remastering der Originalaufnahme für die CD eine Rolle. Beim Transformationsprozess von analog zu digital ist uns aufgefallen, wie nahe und präsent das Klavier ist. Mein Vater liebte es ja, je später desto mehr, die Mikrofone ganz nahe heranzurücken – das sogenannte close miking .