Tourismus Urlaub wie bei Mamma
In der Toskana hat TUI Land gekauft, um das größte Tourismusprojekt des Unternehmens zu verwirklichen. Zum Lieferumfang gehört auch ein Dorf samt Burg, Weinbergen und Olivenhainen. Michael Allmaier hat sich schon mal um einen Job beworben
Soso, junger Mann. Sie möchten also bei der TUI anfangen. Wie sind denn die Italienischkenntnisse? Schon mal Oliven geerntet? Trüffeln gesucht? Wenigstens Wein gekeltert? Ja, was wollen Sie denn dann bei uns - auf der Piazza Bratwurst verkaufen?
Selbstverständlich sind wir ein deutscher Reiseveranstalter. Aber sehen Sie, in Deutschland läuft es für uns gerade suboptimal; fragen Sie mal unsere Aktionäre. Die 300 Arbeitsplätze, von denen Sie gehört haben, die entstehen in der Toskana. Wir haben da nämlich... nein, wir haben kein Dorf gekauft. Lief zwar so in den Nachrichten, aber das wollen wir mal gleich richtigstellen. Also: Wir haben 11 Quadratkilometer Grund in der Nähe von Siena erworben, mit einer Burg, Hügeln, Rebstöcken, Zypressen, was die da eben so haben. Und im Lieferumfang inbegriffen ist nun einmal auch dieses Dorf. Heißt übrigens Castelfalfi. Demnächst dann Toscana Resort Castelfalfi.
Ohne das Dorf wären wir besser dran, jedenfalls in der öffentlichen Meinung. So sind die Deutschen. Wenn man ihnen sagte: Die Japaner kaufen Berlin, hieße es: Toll, ein Problem weniger. Aber wenn ein deutscher Konzern ein Fleckchen ihrer geliebten Toskana anrührt, dann wittern sie gleich Kulturimperialismus. Natürlich zu Unrecht. Wir kaufen den Leuten doch nicht das Heim unter dem Hintern weg. Uns gehört nicht einmal die Kirche. Die soll man im Dorf lassen, genau. Ihre Renovierung bezahlen wir übrigens trotzdem. Man weiß nie, wofür es gut ist.
Klar, ein paar Leute da unten machen sich Sorgen. In der Ortszeitung stand was von „deutscher Eroberung“. Die sollen sich abregen. Schöner als jetzt wird es allemal. Glauben Sie denn, unsere Kunden wollen, dass wir Betonklötze hochziehen? Wollen sie natürlich schon, aber nicht in der Toskana. Da wollen sie unberührte Landschaft. Mal unter uns: Die Italiener, ganz liebe Menschen, superherzlich. Aber ihr eigenes Land unberührt lassen, das kriegen sie einfach nicht hin. Bauen mitten ins schönste Panorama Fabriken, die kurz danach Konkurs anmelden. Lassen uralte Katen verfallen, nur weil man nicht mehr drin wohnen kann. Kippen ihren Müll gottweißwohin. Aber nicht in unserem Dorf. Das bringen wir auf Vordermann. Italienische Lebensart plus deutsche Ordnung! Von wegen „...oder umgekehrt“. Warten Sie nur ab, bald sieht’s da aus wie im Tessin.
Sie sagten, Sie sind aus der Gastronomie? Ach so, Türsteher. Auch nicht schlecht. Durchsetzungsstarke Leute können wir gebrauchen. Sehen Sie, die Destination Toskana hat ein Problem: Touristen. Nicht unsere Kunden, wo denken Sie hin? Touristen sind immer die anderen. Die, die aussehen wie Gerhard Polt, wenn er im Dienst ist: Schmerbauch, Shorts und immer „Bringse birra“.
Italiener, wie gesagt, ganz liebe Menschen, supergastfreundlich. Aber das ist ja gerade der Haken. Kommt einer und will
birra
, kriegt er
birra
. Bloß an dem
birra
verdienen wir nichts. Umsatz bringt der
vino
. Und das Menü zum
vino
. Samt Übernachtung im restaurierten Herrenhaus und Ayurveda am nächsten Morgen. Mit einem Wort: Qualitätstourismus! Wir wollen mehr von den Gästen, die den halben Tag unter der Pergola hocken und Landschaften zeichnen oder wenigstens Goethe lesen. Aber die gehen uns stiften, wenn am Nebentisch ein Kegelclub
Die Wacht am Rhein
anstimmt.
Und hier kommen Sie ins Spiel. Wir haben ja in Casteldingsbums gewissermaßen das Hausrecht. Da müssen wir nicht tatenlos zusehen, wie Nicht-Kunden sich TUI-Dienstleistungen erschleichen. Na, in der von uns renovierten Kirche Kerzen anzünden zum Beispiel. Oder in unserer authentischen Trattoria „Bei Mamma“ subventionierte Pasta verdrücken. Was glauben Sie denn, was wir Mamma zahlen müssen, damit sie das Zeug nicht mehr im Supermarkt kauft?
Darum denken wir darüber nach, die historische Stadtmauer wieder stärker ins Ortsbild zu integrieren. Ganz recht, da beziehen Sie Posten. Wenn einer rein will, der deutsch aussieht und nicht gebucht hat, dann fragen Sie: Kennst du das Land, wo die Zitronen blühen? Und wer da rumdruckst, kann gleich den Weiterflug buchen. Auf Mallorca blühen sie auch.
- Datum 21.05.2007 - 12:45 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Hervorragend!!!
Mann könnte im Text Toskana mit Mani oder Pilion ersetzen! keiner würde es merken....
Nur ein Teutone kann so trefflich objektiv aber nicht herablassend, Zustände und Emotionen in den seinem Landsleuten beliebten Länder des "mare nostrum"........wiedergeben.
AUGEZEICHNET!
Ich glaube nicht, dass ich da Urlaub mache. Dann muesste ich ja vorher noch deutsch lernen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren