Lernen Zauberworte der Bildung
Der Choreograf Royston Maldoom zeigt, worauf es in der Bildung ankommt: Leidenschaft, Vertrauen und Schönheit.
„Fokus, Konzentration, Stille“, verlangt der 64-Jährige mit leiser Stimme in einer Turnhalle vor fast 100 Grundschülern und es ist, als hätte dieser Mann den richtigen Ton und die magischen Worte gefunden. Royston Maldoom ist für viele Deutsche eine Offenbarung, seit sie den englischen Choreografen in dem Film Rhythm is it gesehen haben. Er hat ein schier unumstößliches Vertrauen in Kinder und scheut sich nicht, von ihnen Anstrengung und Disziplin zu verlangen. Eine für die meisten Deutschen ungewöhnliche Mischung. Man hat ihn auch schon den „Kinderflüsterer“ genannt. Und tatsächlich läuft er flüsternd durch die Turnhalle der Ganztagsgrundschule St. Pauli in Hamburg, lobt die Kinder dafür, wie aufmerksam sie selbst und wie genau inzwischen ihre Bewegungen sind. Fast beschwörend wiederholt er diese Worte: „Fokus, Konzentration, Stille.“
Die Szene mit den St. Pauli-Kindern wird auf zwei Leinwände im großen Festsaal des Hamburger Rathauses gebeamt. An einem warmen Maiabend sind 260 Hanseaten dorthin zum Stiftermahl gekommen. Jeder hat 555 Euro gezahlt, damit das von Maldoom geleitete Tanzprojekt „Can do can dance “ in diesem Sommer fortgesetzt werden kann. „Es geht mir um Kunst und Leidenschaft“, erklärt er den Hamburger Honoratioren, „es geht mir nicht um Erziehung, Schule oder Unterricht.“ Mit letzterem kann er nicht viel anfangen. Die Kinder, Jugendlichen und auch die Erwachsenen, mit denen er in seinen „Community Dance“-Projekten arbeitet, erkennt er vorbehaltlos als Künstler an. Sie erfahren dabei die Besonderheit ihrer Person, wie sie es zumeist noch nicht erlebt haben. Gleichzeitig genießen sie, was Individuen ebenso brauchen, die Gesellschaft der anderen. Der Tanz bietet beides, einzigartig sein und das Zusammenspiel.
Das feine Publikum im Hamburger Rathaus ahnt wohl, dass Maldooms Bestehen auf Kunst und Leidenschaft am Ende auch zu besseren Leistungen und vor allem zu einer ganz anderen Haltung, auch zu einer anderen Arbeitshaltung führt, als es die übliche Schule vermag. Sie versagt offenbar desto mehr, je direkter sie ihre Leistungsziele anstrebt, abprüft und dann dem Verfall überlässt.
Es war wie eine Fügung auf dem Weg zum Bankett, zwei Schülern in der U-Bahn zuzuhören. Der eine erzählte von einem Fach, in dem keine Klausuren geschrieben werden. Der andere fragte verwundert zurück. „Äh, warum hast du dann überhaupt dieses Fach, wenn es da gar keine Punkte gibt?“
Beim Tanzen werden keine Klausuren geschrieben und es gibt auch keine Punkte, aber neben den großen Zielen gibt es auch ein ganz nahes, die Aufführung. Dass es ein starkes Verlangen eines jedes Menschen ist, von anderen gesehen zu werden und sich zu exponieren, muss Maldoom der feinen Abendgesellschaft nicht weiter begründen. Natürlich ist für die Herrschaften das Parkett die eigentliche Bühne, wenn auch eine ziemlich risikolose. Aber Maldoom durchdringt selbst die dicke Haut der Eitlen.
- Datum 25.05.2007 - 06:58 Uhr
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Ich kann das nur bestätigen. Ich bilde als externe Trainerin Schueler zu Lernmentoren aus. Ich bin drei Tage in einer Gruppe an einer Schule, die Schüler haben mich noch nie gesehen, wir sind uns fremd.
Und nach drei Tagen ist es immer für Beide für uns schwer sich wieder zu trennen, ich werde so oft gefragt: "Warum gibt es nicht mehr wie Sie an unserer Schule?"
Das einzige was ich tue, ich vertraue den Schülern und zeige es ihnen. Ich traue ihnen etwas zu und ich vertraue auf uns.
Heidi Krüger
info@lernkonferenz.de
Jeden einzelnen Satz kann ich unterstreichen: Ja, so ist es – und bei allem, was Sie so inspirierend als wünschenswert beschreiben: so soll es sein! Als ich vor ein paar Monaten bemerkte, dass die Schüler einer Schulklasse, die sich diesen Film ansah (ansehen musste???), mit einer Checkliste in der Hand in das Kino kamen, die sie nach dem Film ausfüllen sollten und ich dann erfuhr, dass sie im Unterricht vorher bereits bestens darüber instruiert waren, worauf sie besonders achten sollten und warum dieser Film "wertvoll" sei, bin ich gleichzeitig traurig und wütend geworden. Können Lehrerinnen und Lehrer denn nicht mal darauf vertrauen, dass sich Kinder einen derartigen Film ohne VOR- und NACHBEREITUNG ANSCHAUEN KÖNNEN UND AUS DEM ERLEBNIS IHRE GANZ EIGENEN FRAGEN UND ANTWORTEN FINDEN?
Wir haben damals, 2004, bevor und kurz nachdem der Film in die Kinos kam, über etliche Wochen hinweg mit Royston Maldoom darüber nachgedacht, wie einerseits seine Arbeit mehr Menschen zugänglich werden könnte andererseits jeder Verschulungseffekt vermieden werden kann. Jetzt, nachdem so viele Menschen berührt worden sind und weiter angerührt werden, sind die mahnenden Sätze in Ihrer Kolumne umso wichtiger: Wir müssen sehr, sehr achtsam bleiben, dass – und wenn es noch so gut gemeint ist – nie aus Kunst Erziehung wird. R. M. weiss das und passt höllisch darauf auf. Mögen auch alle, die ihn so toll finden, zumindest in diesem Grundverständnis bei ihm bleiben. Vielleicht kann das, was (mit diesem fürchterlichen Wort) Erziehung genannt wird, doch einmal wieder zur Kunst werden. Es gibt ermutigende Beispiele von einer ganzen Reihe von (leider viel zu wenigen) Lehrerinnen und Lehrern, für die der Beruf Berufung und ihre Arbeit Kunst ist.
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