Korrekt sparen Kein Komplize sein
Norwegens Pensionsfonds investiert nur in ethisch korrekte Firmen. Sünder fliegen in aller Öffentlichkeit aus dem Portfolio, zum Beispiel Wal-Mart. Das sorgt für Aufsehen.
Im staatlichen norwegischen Pensionsfonds stecken rund 200 Milliarden Euro an Vermögen. Er ist der zweitgrößte Pensionsfonds der Welt. Seine Gelder sollen, so will es die norwegische Regierung, nach ethischen Kriterien angelegt werden. Das versucht sie auf zwei Wegen und durch zwei voneinander unabhängige Gremien zu erreichen.
Eines dieser Gremien ist das sogenannte CSR-Team der Zentralbank. CSR steht für Corporate Social Responsibility, die soziale Verantwortung von Unternehmen. Seine Mitglieder sollen Firmen dazu bringen, nachhaltiger zu wirtschaften. Dabei geht es ihnen jedoch nicht darum, die aus ökologischer oder sozialer Perspektive besten Titel fürs Portfolio auszuwählen, ein Verfahren, das beispielsweise der Schweizer Vermögensverwalter SAM , die Ratingagentur Oekom und die Brüsseler Großbank Dexia anwenden. Nein, die Norweger mischen sich in die Geschäfte der Unternehmen ein, sie suchen den Kontakt und den Dialog mit den Managern und versuchen so, aktiv Einfluss zu nehmen. Engagement wird das in der Sprache der Finanzmärkte auch genannt.
Das zweite Gremium ist der Ethikrat, der im Auftrag des Finanzministeriums arbeitet. Seine Leitlinien und Beschlüsse begrenzen das Anlageuniversum der Pensionsfonds-Verwalter, das heißt, sie schränken ihre Auswahlmöglichkeiten ein. Abgesehen davon arbeiten beide Gremien völlig selbstständig, was für große institutionelle Investoren eher unüblich ist.
Der Ethikrat soll vor allem dafür sorgen, dass Anteile von Unternehmen, die aus ethischer Sicht unverantwortlich handeln, identifiziert und verkauft werden. Negativ-Screening heißt so etwas auch. Unsere Aufgabe ist es, das Bewusstsein der Norweger zu schärfen und dafür zu sorgen, dass der Pensionsfonds kein Komplize unethischen Verhaltens wird. Die schlimmsten Unternehmen sollen herausgefiltert werden, erklärt Gro Nystuen, die Vorsitzende des Rats .
Den Anstoß dazu erlebten die Norweger Ende der neunziger Jahre. Damals kam heraus, dass ihr Pensionsfonds in ein Unternehmen investierte, das Landminen herstellte zwei Jahre, nachdem sich das Land so aktiv für die Anti-Landminen-Konvention engagiert hatte. Der Ethikrat sollte zunächst prüfen, inwieweit Investitionen den internationalen Verpflichtungen Norwegens widersprächen. Der Landminenvertrag beispielsweise verbietet jede Art von Beihilfe zur Produktion oder Verbreitung solcher Waffen, deshalb konnte ein Investment sehr wohl gegen ihn verstoßen. Daneben sollte die Frage geklärt werden, ob ein Unternehmen die Menschenrechte nicht achte.
Doch eine von Gro Nystuen geleitete Recherche kam zu einem eher ernüchternden Ergebnis. Rein rechtlich waren solche Verstöße kaum zu erkennen, selbst wenn ethische Ansprüche nicht eingehalten wurden. Daraufhin wurde klar, dass ein Ethikrat, der nur Rechtsverstößen vorbeugt, nicht ausreichend ist, erinnert sich Nystuen. Das Finanzministerium reagierte, indem es eine Kommission von Fachleuten zusammenrief, welche ethische Investitions-Leitlinien formulieren sollte. Später wurden diese Leitlinien vom Parlament beschlossen. Sehr streng sind sie nicht, eher geben sie den kleinsten gemeinsamen Nenner der ethischen Maßstäbe der Norweger wieder. So ist die Geldanlage in Tabak oder Pornografie nicht ausgeschlossen.
Auf Basis der Arbeit des Ethikrats hat der Pensionsfonds schon 20 Beteiligungen abgestoßen. Als erster Großinvestor veröffentlicht er alle Veräußerungen und begründet sie ausführlich. Bis heute macht das den Norwegern kaum jemand nach. Im Juni vergangenen Jahres zum Beispiel verkauften die Fondsmanager ihre Anteile am weltgrößten Einzelhandelskonzern Wal Mart. Der Konzern missachte Menschen- und Arbeitnehmerrechte, argumentierten sie. Auch die Aktien der Bergbaugesellschaft Freeport McMoRan Copper and Gold Inc. flogen aus dem Portfolio, weil eine Kupfermine des Unternehmens, eine der größten der Welt, in Indonesien ein ganzes Flusswassersystem verseuchte.
Seit 2006 arbeitet der Rat intensiv mit dem britischen Researchhaus Eiris zusammen. Die Eiris-Analysten durchforsten regelmäßig alle ihnen zugänglichen Informationen über die Unternehmen, in die der norwegische Pensionsfonds investiert, auf kontroverse Themen. Kritische Fälle werden gekennzeichnet, den schlimmsten widmet sich der Ethikrat dann in aller Ausführlichkeit. Viele Hinweise erhält er auch direkt von Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, Privatleuten oder Journalisten aus der ganzen Welt.
An welchem Fall die Mitglieder des Ethikrats gerade arbeiten, ist stets geheim. Weil seine Entscheidungen, sobald sie gefallen sind, veröffentlicht werden, sollten sie unanfechtbar sein. Alleine mit der Untersuchung Wal Marts war der Rat ein Jahr lang beschäftigt. Kurz bevor ein Beschluss fest steht, erhält die Zentralbank eine Rohfassung samt Begründung. Die Unternehmen erhalten die Möglichkeit, sich zu äußern. Zuweilen können sie die Vorwürfe entkräften, dann bleiben sie im Portfolio. Überzeugt ihre Reaktion aber nicht, wie im Fall der Bergbaufirma Freeport, und ist die Sache klar, kommt es zum Ausschluss.
In der Finanzwirtschaft und unter den Unternehmen sorgen solche Entscheidungen für Aufsehen, denn der Pensionsfonds hält teilweise umfangreiche Beteiligungen. Bis zu fünf Prozent eines Unternehmens kann er im Depot haben. Durch ihr öffentlichkeitswirksames Vorgehen wollen die Norweger einen stärkeren Einfluss auf die Wirtschaft ausüben als Investoren, die im Stillen entscheiden.
Nachahmer haben sie schon gefunden. Mehrere skandinavische Großinvestoren, unter ihnen der Oslo Pension Fund, die große norwegische Versicherungsgruppe KLP (Kommunal Landspensjonkasse) und der zweite schwedische Pensionsfonds Allmänna Pensionsfonden (AP 2), folgten 2006 ihren Entscheidungen. Nachdem KLP schon vor längerem ethische Richtlinien erlassen hat, haben vergangenen Februar auch alle vier schwedischen Pensionsfonds einen gemeinsamen Ethikrat gegründet. Er soll die 3500 Unternehmen, an denen die Fonds Anteile halten, nach Umwelt- und Sozialstandards durchleuchten.
- Datum 05.06.2009 - 14:44 Uhr
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- Serie Nachhaltigkeit
- Quelle ZEIT online, 25.5.2007 - 02:50 Uhr
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