New York Bärlauch-Picknick im Central Park

Steve Brill nimmt Hobbyköche, Naturfreunde und Abenteurer mit auf einen geschmackvollen Spaziergang durch Manhattans Central Park. "Wild Food" heißt die Tour, auf der der selbst ernannte "Wildman" den Teilnehmern New Yorks wilde Kräuter, Pilze, Wurzeln und Gewürze zeigt und schmackhaft macht. Gekostet werden die Wildpflanzen schon unterwegs

"Moment mal, junger Mann! Das ist jetzt aber keine Vogelmiere, was Sie da essen", ruft der "Wildman". Der Angesprochene mit der Yankees-Kappe erschrickt, hört sofort auf zu kauen, nimmt schnell den grünen Stängel aus dem Mund. Er streckt ihn dem "Wildman" entgegen. Steve Brill nimmt den angekauten Halm vorsichtig mit zwei Fingern und hält ihn sich nah vor das Gesicht. "Mysteriöses Grünzeug", urteilt er und lacht. "Nicht giftig." Der junge Mann ist erleichtert. Glück gehabt. Beim Weiterpflücken schaut er nun aber sehr genau hin, ob das Gewächs, das er da in sein Plastiktütchen packt, auch tatsächlich kleine spitze, eiförmige Blätter hat und ob die Sprossen ganz oben am Stängel wirklich ein bisschen behaart sind. Nur dann ist es nämlich die Vogelmiere. So hat das "Wildman" Steve gerade erklärt. Und nur dann ist es auch jenes gute und gesunde Kraut, das aufgrund seines hohen Vitamin-C-Gehalts eine heilende Wirkung hat und von den Ureinwohnern Amerikas als "Fieberpflanze" gegen die Grippe eingesetzt wurde. Auch das hat Steve gerade erzählt.

Erst nachdem alle Teilnehmer dieses etwas anderen Sonntagsspaziergangs ihre Tüten ausreichend mit Vogelmiere gefüllt haben - denn Vogelmiere ist unglaublich vielseitig verwendbar, hat Steve gesagt, schmeckt toll frisch und roh, macht sich aber auch gut im Salat und ist lecker als Tee -, zieht die Gruppe weiter. Die rund 40 Naturinteressierten wandern weiter durch den Central Park, vorbei am Shakespeare Theater und dem Belvedere Castle, den See entlang und über die große Liegewiese im südlichen Central Park, auf der an einem warmen Maisonntag wie diesem die Menschen dicht an dicht in der Sonne liegen, picknicken und Football spielen. Doch die Gefolgschaft des "Wildmans" Steve sieht irgendwie anders aus als die üblichen Sonntagsausflügler im Central Park: Wanderstiefel und Trekkinghosen statt teuren Pumps und eleganten Sommerkleidern, Outdoorhüte und große Rucksäcke statt Gucci-Sonnenbrillen und Einkaufstüten, Notizbücher und Vergrößerungsgläser statt Blackberrys und Coffee to go. So folgen sie Steve Brill, dem Mann aus Queens mit Safarihut, grauem Vollbart und runder Silberrandbrille, seines Zeichens "Naturalist" und "Umweltlehrer", Buchautor, Fernsehkoch, Veganer, Jazzmusiker und studierter Psychologe. Mit ihm entdecken sie heute, während einer vierstündigen Tour durch den Central Park, essbare Pilze, Wildblumen, Gräser, Moose und Wurzeln. Steve zeigt ihnen Blüten, aus denen er Eiscreme herstellt, wilden Wein und Meerrettich.

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Jeder darf von allem so viel mitnehmen, wie er selbst verzehren kann und möchte, das hat Steve zu Beginn der Tour gesagt. Alle Teilnehmer waren aufgefordert, Stoffbeutel mitzubringen, um die Ernte nach Hause tragen zu können, ebenso eine Lupe, eine kleine Schaufel und Gartenhandschuhe. "Hoffentlich habt ihr auch Papiertüten dabei", sagt Steve. "Ich habe nämlich das Gefühl, dass wir heute auch ein paar ganz besonders leckere Pilze finden werden!"

Er behält natürlich recht: An einem Baum im Schatten eines Hügels entdeckt Steve einen riesigen, gelben Pilz. "Nach welcher Frucht duftet der Schuppige Stielporling, mit dem wir es hier zu tun haben?", fragt Steve in die Runde. Alle schnuppern: Birne, Avocado, Erdnuss. Aber Steve überhört es gelassen und fragt noch einmal: "Welche Frucht?" Wassermelone! Endlich! Eine ältere Dame mit Strohhut hat richtig geraten. Jetzt darf jeder den Stielporling einmal anfassen und sich auch ein Stück davon abbrechen, um ihn zu Hause zu kochen. Steve weist darauf hin, dass der Schuppige Stielporling mariniert am besten schmecke. In Traubenkernöl eingelegt und mit ein bisschen Bärlauch. Steve rollt mit den Augen: "Das Beste, was es gibt. Danach werden Ihnen die Pilze aus dem Supermarkt nie mehr schmecken. Denn Wildpilze mit Bärlauch … mmmh." Bärlauch! Genau! Steve fällt ein: Es ist genau die richtige Jahreszeit, Bärlauch zu ernten! Also weiter, er kennt da nämlich eine Stelle im Central Park, da wächst gerade jetzt der kräftigste und würzigste Bärlauch ganz Manhattans.

Der gute Bärlauch wächst unterhalb von Central Park West, irgendwo zwischen dem Museum of Natural History und dem Dakota Building. Spaziergänger bleiben verwundert stehen und schauen, was diese Leute machen, die dort im Gras hocken und tief in das Gebüsch und Unterholz kriechen. Ein junges Mädchen mit einer weißen Bärlauchblüte zwischen den Zähnen lacht über die verwunderten Passanten. "Was die wohl denken", fragt sie. Ihr Freund säbelt mit einem kleinen Schweizer Taschenmesser an einem besonders großen und störrischen Bärlauchstrunk herum: "Das ist New York. Die haben sicher schon Verrückteres gesehen."

"In Tomatensoße oder in gekochten Reis mischen oder mit etwas handelsüblichem Knoblauch und kalt gepresstem Olivenöl ein Pesto daraus machen …" - Steve Brill hat eine ganze Menge Rezeptvorschläge für den Bärlauch. In den mehr als 30 Jahren, in denen er sich mit dem "Wild Cooking" - also dem Kochen mit allem, was die Natur hervorbringt: Wildpflanzen, Pilze und Gewürze - beschäftigt hat, hat Steve viele Ideen gesammelt. Nicht nur Führungen bietet er an, er hält auch Vorträge zum Thema "Wild Food", gibt "Wild Cooking"-Kochkurse und hat ein Kochbuch geschrieben, The Wild Vegetarian Cookbook .

Die meisten Zutaten für Steves Gerichte wachsen auf Feldern, Wiesen und in Wäldern - oder eben in städtischen Grünanlagen wie dem Central Park in Manhattan, Prospect Park, Brooklyn, oder im Forest Park in Queens. Dort und in weiteren Parks in New York, Connecticut, New Jersey und Pennsylvania geht der "Wildman" seit mehr als 25 Jahren regelmäßig auf Tour und teilt sein Wissen gern mit anderen.

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