Das Leiden liege "irgendwie in unseren Genen", sagt Müntefering der ZEIT zur derzeitigen Stimmungslage in seiner Partei. "Dem dürfen wir aber nicht nachgeben." Das Land gehöre nicht den Konservativen, "sondern bei Wahlen gleicherweise uns. Wir haben Verantwortung für das Ganze. Wir sind nicht die geborenen Zweiten, sondern gleichberechtigte Erste."

Gleichzeitig forderte Müntefering seine Partei auf, mehr Stolz auf die eigene Reformpolitik zu zeigen. Die Agenda 2010 sei "eine Entscheidung von großer Bedeutung". Gerhard Schröder habe damit das Land sozial modernisieren wollen, um es nicht einer rein wirtschaftlichen Modernisierung zu überlassen. Das sei "eine sehr freiheitsorientierte, ursozialdemokratische" Politik gewesen. "Und sie gilt weiter." Auch nach Schröders Regierungszeit wünsche er sich "mehr Zuversicht und noch mehr Fortschrittswillen".

Eine sozialliberale Koalition nach der nächsten Bundestagswahl hält Müntefering für möglich. Die FDP sei in jungen Jahren seine "Zweitpartei" gewesen, sagte der Vizekanzler der ZEIT . "Ich finde, dass die FDP – wie die Grünen – im Bereich der Menschenrechte eine überzeugende Position einnimmt. Damit könnte ich arbeiten. Insofern gibt es Schnittmengen: gegen Diskriminierung, für Toleranz, gegen die Verhunzung liberaler Ideen. Dazu gehört auch der Abstand zu reaktionär-konservativem Gedankengut." Zu einer möglichen Koalition 2009 sagt der Vizekanzler: "Außer mit der PDS/ML, also: mit Lafontaine, sind im Bund alle Bündnisse prinzipiell möglich. Aber das ist jetzt kein Thema."

Zur Großen Koalition sagte Müntefering: "Viele empfinden diese Koalition als Strapaze. Das verstehe ich irgendwie. Ich habe 1966 auch einmal gegen eine Große Koalition angeredet. Daran hat man sich aber zu Recht nicht gestört. Und auch jetzt gilt: In dieser Koalition steckt viel sozialdemokratische Perspektive. Nur Mut."

Das vollständige Gespräch finden Sie in der neuen Ausgabe der ZEIT, die bereits an diesem Mittwoch erscheint