Frühpädagogik Kinder können mehrSeite 2/2

Vielleicht erklärt die gelungene Selbstorganisation diese kaum zu glaubende Gelassenheit im Wald. Von Singer stammt das Bonmot "Das Gehirn hat keinen Vorstandsvorsitzenden". Es braucht keine Anweisungen. Auch intern ist es nicht nach dem Prinzip Kommando und Ausführen, etwa nach dem Modell eines souveränen Ichs, konstruiert, das sich selbst gewissermaßen an Marionettenfäden führt. Im Gehirn findet ein dauerndes Gespräch der unterschiedlichen Zentren miteinander statt, und die größte Leistung seiner Selbstorganisation ist, all diese Stimmen zu synchronisieren. Werde der Informationshunger des Gehirns adäquat gestillt, so Singer, "dann antwortet das Kind mit Lächeln, Freude und Wohlbefinden, wird ihm die Anregung vorenthalten oder zu viel hinein gestopft, zeigt es seine Frustration".

Wie lange galt doch Eltern und Erziehern diese Lust der Kinder als verdächtig und der Widerstand als Herausforderung an die Erzieher, ihn zu brechen? Die Hirnforschung argumentiert fast leidenschaftslos: Man kann nicht gegen das Gehirn anarbeiten. "Man kann in ein sich entwickelndes Gehirn nichts hinein programmieren, wofür es noch keine offenen Fenster gibt." Neben Freude ist die Aufmerksamkeit eine zweites Kriterium: "Wenn keine Aufmerksamkeit für etwas aufgebracht wird, dann kann man auch nichts lernen", sagt Wolf Singer.

Professor Gerd Schäfer von der Universität Köln leitet in Mülheim ein ähnliches Projekt, eine Lernwerkstatt für Kindergärten. Hier sollen Kinder zum ersten Forscherpraktikum ihres Lebens kommen. Er entdeckt, wie wichtig der reiche Alltag für Kinder ist und wie nachhaltig seine Wirkung. Während der Forschungsexpeditionen der Kinder in den Wald und der anschließenden Beschäftigungen in der Lernwerkstatt, sagt Schäfer, entwickeln die Kinder ihre eigene Zeitorientierung. "Das Kind findet hinein, kommt in eine Phase hoher Konzentration und irgendwann sagt es, es ist genug. Schon die Kleinsten suchen etwas, das sich lohnt überwunden zu werden. Sie wollen eine Herausforderung." Das beginnt schon bei den allerkleinsten in der Wiege. "Sie halten regelrecht Ausschau nach Neuem, und wenn sie es erforscht haben, suchen sie weiter."

Der Physiker und Philosoph Marco Wehr schlägt deshalb in seinem neuen Buch Welche Farbe hat die Zeit - Wie Kinder uns zum Denken bringen (Eichborn Verlag) vor, das irreführende Wort "Neugier" zu streichen und von "Neulust" zu sprechen. Diese Forscherhaltung müssten viele Erwachsene wieder von den Kindern lernen. Es gibt Gründe, die überkommene Lehr- und Lernordnung zu überdenken. Sie wurde immer als Kommunikation in eine Richtung gedacht. Von den lehrenden Erwachsenden hin zu den lernenden Kindern. In Wahrheit ist sie doch wohl eher eine Wechselwirkung, ein gegenseitiges Anstecken mit der Neulust.

Kindheitsforscher Gerd Schäfer wird zornig, wenn er in Kindergärten hört, na ja, nun müssten die Kinder etwas Naturwissenschaft lernen, dann machen wir es halt spielerisch. "Das finde ich eine Entwürdigung des Spiels, weil es nämlich den ganzen Ernst des Spieles missachtet und es als trojanisches Pferd missbraucht." Die Kinder spürten diesen Betrug. Wenn hingegen beim Entdecken und Forschen ihre Freude erregt wird, überraschen die Kinder mit ihren Beobachtungen und Hypothesen. Erstaunlich noch eine weitere Beobachtung von Schäfer und seinen Mitarbeitern: Die Kinder sind ruhig. Sie können sich konzentrieren, selbst zappelige Kinder bleiben an ihrer Arbeit. Schäfers Kollegin Gisela Lück von der Universität Bielefeld fand bei Grundschülern heraus, dass 70 Prozent freiwillig und mit Freude an Experimenten teilnehmen. "Noch nach Monaten können sie sich an Einzelheiten und an die Deutung erinnern."

Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie stimmt zu. Naturwissenschaftliche Curricula im Kindergarten hält sie schlicht für Quatsch. Wenn sie an ihre Kindheit denkt, fällt ihr die Mutter ein, eine begeisterte Kindergärtnerin, die alle Pflanzen, die sie auf den Spaziergängen im Wald fanden, kannte. Was würde sie einem Kindergarten außer Spaziergängen in den Wald vorschlagen? „Ich würde mit Kindern kochen und ihnen erklären, wie die Luftblasen in der Hefe entstehen und wie man Sachen auflöst und was Hitze bedeutet. Bei mir gingen viele der Erkenntnisse, die mich zur Wissenschaft führten, übers Essen."

Gisela Lück hat von ihren Mitarbeitern mehr als tausend Studierende im ersten Semester Chemie fragen lassen, warum sie dieses schwierige Fach gewählt haben. Zweiundzwanzig Prozent antworteten: "Weil ich als kleines Kind liebevoll an Naturphänomene herangeführt worden bin." Hingegen bekamen nur fünf Prozent der Befragen den Anstoß, Chemie zu studieren, in der Oberstufe des Gymnasiums.

 
Leser-Kommentare
  1. fehlt noch eine komplette Anleitung mit der man aus nem dummen Kleinen ein Forschungsgenie macht. Mit Ernährungsplan und täglicher Reizzufuhr. Computerprogramme zur Natursimulation werden schon geschrieben, so daß sie nicht mehr raus müssen, sondern die kleinen Gehirne bequem zuhause gereizt werden können. Natur, wie wir sie kennen, wird es bald eh nicht mehr geben.

    • Akakor
    • 04.06.2007 um 14:45 Uhr

    In Asien sind sie uns da voraus, da wird die Produktivität der Kleinen schon voll genutzt!
    Wird auch bald bei uns kommen. Wenn Vater und Mutter beide de ganzen Tag lang für Hungerlöhne arbeiten, kann ja in der Krippe unterstützend zum Unterhalt der Familie beigetragen werden. Fußbälle nähen? Hm, wer soll dann damit spielen...
    Ansonsten hat das kleine Fußvolk gefälligst kräftig zu konsumieren: viel Fernsehen, Gameboy, Ritalin, Fast Food und Zuckerplörre, auch so hilft man der Wirtschaft!
    Natur und Natürlichkeit? Zuwenig schnelle Rendite...

  2. Warum läßt sich Europa von linken Vollidioten kaputt machen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 04.06.2007 um 16:21 Uhr

    ach so, du bist das?

    • keox
    • 04.06.2007 um 16:21 Uhr

    ach so, du bist das?

  3. Es gibt sicher Kinder, die so einem Ausflug gewachsen sind. Man sollte aber nicht glauben, das wäre für alle gut. Es wird nie eine einheitliche Erziehungsmethode geben, die für alle die Beste ist. Man sollte es einfach den Eltern überlassen, ob sie für ihre Kinder die gemeinsame Krippen-Erziehung oder die individuelle "Zu-Hause"-Erziehung vorziehen. Die Eltern sollten aber für jedes Kind den gleichen Zuschuss aus öffentlichen Mitteln bekommen, wie die öffentlichen Kinderbetreuungsstätten. Dann können sie den Kindern auch mehr bieten als Fernsehen.

    • keox
    • 04.06.2007 um 16:19 Uhr
    5. schade

    ich hatte bei diesem artikel meine bilder vor augen, kinder , die alles und jeden anstaunen, die sich zeit zum begreifen nehmen, bevor sie weiterstolpern.

    kinder, die eine schranktür immer wieder ganz stolz offnen und schließen, auf zu auf zu auf zu

    kleinkinder, die im wagen liegend, jedesmal lächeln, wenn sie unter einem baum durchgeschoben werden.

    kinder, die hinfallen, und totz des schreckens an zu lachen fangen, weil sich ein wurm vor ihrer nase so lustig kringelt.

    zugegeben, ich kenne singers philosophie nicht, weiß auch nicht, was kahl im schilde führt, aber diese art, kinder wachsen zu lassen, mit zeit und raum für eigene erkenntnisse und fragen, ohne mit "spielerischem erleben" zu fremdbestimmten inhalten zu drillen - das hätte manchem von uns sehr gut getan.

    • keox
    • 04.06.2007 um 16:21 Uhr

    ach so, du bist das?

    Antwort auf "Linke Vollidioten"
  4. Einer von Sechsen hat begriffen, was er gelesen hat. Die übrigen haben wohl nicht gewollt. Vermutlich ist bei denen das Fenster schon zu.

  5. Unser Wissen um Kinder geht immer mehr verloren. Ja, sie können viel mehr als wir denken. Unser knapp 4Jähriger hat mit seiner gleichaltrigen Freundin, Eltern und Geschwistern auch 25km Bergwanderungen begeistert mitgemacht. Stimmt, nicht alle Kinder sind so fit. Aber alle, denen Eltern und Erzieher etwas zutrauen, die ermuntert statt gebremst werden, die allein sich ausprobieren dürfen, die sind es. Selbstbewußtsein gibt's übrigens gratis dazu. Schaut mal ins alte Nikitin-Buch.

    Ahorn mit 4 fitten Kindern

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