Weltwirtschaftsgipfel Go Home, G8

Drei Gründe, weshalb das Gipfeltreffen in seiner aktuellen Form abgeschafft werden muss.

Der erste Grund heißt „Rostock“. G8 und ähnliche Mega-Events üben eine magische Anziehungskraft auf Polit-Kriminelle wie den „Schwarzen Block“ aus – genauso wie für die geladenen Teilnehmer, die friedlichen Demonstranten und die Medien. Nicht die Agenda ist der Aufmarschgrund, sondern die Aufmerksamkeit, das knappste politische Gut überhaupt. Wo sonst kann man sich besser in Szene setzen, weltweit und in Echtzeit? Doch geht das Problem noch tiefer als gebrochene Knochen und Sachbeschädigung en masse. Denn produziert wird die falsche Aufmerksamkeit.

Wieso das? Wenn ein zwölf Kilometer langer Zaun, der hier als pars pro toto für den gewaltigen Sicherheitsaufwand steht, wochenlang die Medien mehr fasziniert als die eigentliche Arbeit des Konklaves – Steuerung der Globalisierung, Klima, Umverteilung zwischen Erster und Dritter Welt – dann verlieren Veranstaltungen wie G8 Sinn und Funktion. Die Vorstellung, das schiere Polit-Theater, drängt in den Vordergrund und verstellt den Blick auf die zentrale Aufgabe eines solchen Gipfeltreffens. Der Lärm diesseits der Bühne erstickt, was die Akteure – die Staats- und Regierungschefs – zu sagen haben oder sagen sollten.

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Doch machen wir uns nichts vor: An dieser Inszenierung beteiligen sich nicht nur Autonome und Kapuzenmänner, die ihre klammheimliche Freude daran haben, die ernsthaften und idealistischen Demonstranten zu diskreditieren, indem sie aus ihrer Mitte heraus (übrigens mit hoher taktischer Brillanz, von der die Polizei noch einiges lernen könnte) Gewalt und Chaos säen. Auch für Merkel, Bush und Kollegen ist das Medium die Message – und das ist der zweite Grund, weshalb dieser Aufmarsch der Tausende künftig abgesagt werden sollte.

Denn auf der G8-Bühne, im Brennpunkt globalisierter Aufmerksamkeit, entsteht ein unwiderstehlicher Sog, die anderen Akteure an die Wand zu spielen, ihnen die Show zu stehlen. Auch hier verdrängt das Theater die Thematik. Das Bush-Merkel-Duell im Proszenium ist ein perfektes Beispiel. Die diesjährige Intendantin der G8, die deutsche Kanzlerin, wollte diesen Weltwirtschaftsgipfel zu ihrer Show machen, die anderen auf ambitionierte Klimaziele festnageln.

Doch da sprang George W. Bush wie ein deus ex Machina auf die Bühne. „Bush In U-Turn on Global Warming“ titelte dazu die Financial Times. Und in der Tat: Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt, dem alsogleich die amerikanische Ablehnung des Kyoto-Protokolls folgte, vollzog Bush die Wende um 180 Grad. Nun steht Bush plötzlich für die weltweite Verringerung des CO2-Ausstoßes.

Eigentlich ein atemberaubender Wandel, den wir uns immer gewünscht haben, nicht wahr? Doch unter dem Diktat der Dramaturgie, die sich Angela Merkel ausgedacht hatte, wurde die Saulus-Paulus-Nummer nachgerade zum Casus Belli. „Merkel gegen US-Führungsrolle beim Klimaschutz“ titelte der Berliner Tagesspiegel, „Merkel notfalls zum Streit mit Bush bereit“ die Süddeutsche Zeitung.

Leser-Kommentare
  1. Ich halte die Meinung des Autors hinsichtlich Frau Merkels Reaktion für falsch.
    Bundeskanzlerin Merkel hat Präsident Bush´s Initiative positiv aufgenommen. Sie weigert sich allerdings aus guten Gründen sich auf den Sonderweg von Bush einzulassen, da sie keine Einzelabsprachen und Abkommen anstrebt, sondern international verbindliche Zusagen im Rahmen der Vereinten Nationen. Ihr Verhandlungsziel in Sachen Klimaschutz basiert auf wissenschaftlichen Daten und nicht wie bei Bush auf nationalen Interessen. Es hat also nichts mit verletzter Eitelkeit zu tun, wenn Frau Merkel auf ihren Vorstellungen beharrt, sondern auf ihrem Sinn für die historische Verantwortung, der sie gerecht zu werden hat.
    Den anderen Gründen, das Gipfeltreffen in der bestehenden Form abzuschaffen kann ich vollkommen zustimmen. Eine ernsthafte Internetkonferenz ohne Öffentlichkeit dient den Verhandlungsthemen mehr.

    • Akakor
    • 05.06.2007 um 11:01 Uhr

    [entfernt, Beiträge dieser Art sind für eine Diskussion weder förderlich noch erwünscht/ Redaktion]

  2. Wo ist denn da der U-Turn?. Bush hat sechs Jahre alles blockiert und jetzt unmissverständlich klar gemacht, dass bis zum Ende seiner Amtszeit daran nichts ändert.

  3. Es ist einfach nur noch zum Heulen, wie schnell in diesem Artikel völlig falsche Schlüsse gezogen werden, nur weil die Medien nicht zwischen schwarzen Blöcken und berechtigtem Protest unterscheiden wollen.

    Wieder einmal scheint auch das Kanzlerinnenbashing eine allzu verführerische Option zu sein, denn die Kanzlerin darf natürlich nicht so einfach auf ihren Vorschlägen beharren, wenn doch ein US-Präsident erstmals ein bisschen Klimaschutz anstrebt, dies allerdings erst kurz vor seinem Amtsende im November 2008.

    Gipfeltreffen von Staatsleuten, die durch good Government die Gier der Grosskonzerne nach einer Monopolstellung in die Schranken verweisen könnten, sind immer noch notwendig. Nur wendige US-Präsidenten, die die Welt mit ihren inszenierten Agenden in Grund und Boden regieren, die brauchen wir wirklich nicht.

  4. Joffe: "Statt auszuloten, ob Bush es ernst meint, übernahm das gekränkte Selbstgefühl das Regiment."

    Ich möchte mal an diesen Satz anknüpfen. Er zeigt, wie schief journalistische Arbeit heute ist: Kränkung ist ein Begriff der Psychologie. Meine Partnerin oder Partner mag hier und da gekränkt sein.

    Aber, Herr Joffe, die Politiker mögen zwar auch privat mal Kränkungen erfahren und emotional reagieren, was hinterher nicht rational sein mag, aber in erster Linie sind die Weltpolitiker doch Profis. Ob Bush wasauchimmer ernst meint oder nicht, ist irrelevant! Es gilt, seine Vorschläge als ernste Vorschläge anzunehmen und sie in den Gesamtrahmen des G8 einzubetten. Dann wird man erst sehen, wohin die Reise gehen wird.

    Merkel macht einen ganz genialen taktischen Schritt. Den zu verstehen aber ist schwierig. Denn es geht darum, die verschiedenen Positionen zusammenzubringen. Und das nennt man integrieren. Integration des Menschen in die Natur, könnte man auch sagen. Denn wahr ist, dass der Mensch desintegriert von der Natur ist.

    Merkel versucht nun, die Bush-Position einzubinden in die der europäischen Position. Sie macht keinen neuen Gegensatz auf. Und genau das ist interessant und im Grunde auch neu im politischen Geschehen. Nicht mit Gegensätzen und Antipositionen zu re(a)gieren, sondern integrativ zu denken und - hoffentlich - auch zu agieren, das ist typisch für Merkels Arbeit - so scheint mir das jedenfalls zu sein.

    Es macht wenig Sinn, zu fragen, ob diese oder jene Position die richtige sei. Es macht viel mehr Sinn, die verschiedenen Positionen miteinander in Einklang zu bringen und eine globale Integration des Menschen in die Natur zu erreichen. D.h., alle G8-Vorschläge zu einem Paket zu schnüren. Zu fragen wer hat was und besser vorgeschlagen, bringt gar nichts!

    Ziel musss sein, die Armut und die Umweltzerstörung zu bekämpfen! - weit entfernt ist die aktuelle Welt-Politik hiervon noch. Doch mir scheint, als habe Merkel hier doch irgendeinen Instinkt, diese Integrations-Strategie anzuwenden.

    Wer nun also wieder Gegensätze und Psychologismen aufzumachen versucht, missversteht im Grunde alles!

    • Mabito
    • 05.06.2007 um 13:44 Uhr

    Das Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der G8 in seiner aktuellen Form abzuschaffen, aufgrund der Tatsache, dass derartige "Mega-Events" eine magische Anziehungskraft ausübten, ist mir ehrlich gesagt keine ausreichende Begründung.

    Wieso das? Es ist keine besonders gute Begründung zur Abschaffung der G8, da sie, den Gedanken einmal weitergedacht, die Grundlage jeder internationalen Institution entzieht. Welche "Veranstaltung", wenn nicht die Hauptversammlung der Vereinten Nationen (VN), sollte denn ein "Mega-Event" sein? Welche Existenzgrundlage hätte die Europäische Union (EU), wenn man sie, zumindest einiger, ihrer tragenden Säulen berauben müsste? Schliesslich kommen im Europäischen Rat (ER) 27 Staats- und Regierungschefs zusammen; bei dem Treffen der G8 sind es lediglich acht.

    Der Politik, und damit ihren Darstellern, noch dazu die Bühne der Selbstdarstellung nehmen zu wollen, grenzt an realitätsferne. Die Politik im allgemeinen und ihre Poltiker im besonderen leben davon, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die eigene Person und Thesen zu lenken. Davon profitieren nicht zuletzt auch die Medien. Doch da stellt sich mir die Frage: Wer trägt dafür die Verantwortung - oder: wer war zuerst da? Die Politik, die Medienwelt, die Öffentlichlichkeit...

    Aber gehen wir einmal davon aus, die G8 gäbe es irgendwann einmal nicht mehr. Wären dann alle Probleme gelöst? Von wem eigentlich? Sollte man überhaupt verbieten, dass sich Staaten untereinander multilateral oder gar bilateral austauschen (VN, EU, ER, ...)? Was wäre mit dem so genannten "Schwarzen Block"? Müsste sich die militante und gewaltbereite links-autonome Szene nicht einen anderen Feind suchen? Welcher wäre das?
    ...

    Ich bin wirklich kein Freund des G8, jedoch vermisse ich nachvollziehbare und stichhaltige Argumente in diesem Artikel.

    PS: Auf den Punkt "Teleconferencing" werde ich vor allem aus dem Grund nicht weiter eingehen, da ich nicht glauben kann, dass dies ernst gemein war.

    M.T.

    • ezoo
    • 05.06.2007 um 14:45 Uhr

    Herr Joffe differenziert dreierlei:
    1. "(P)roduziert wird die falsche Aufmerksamkeit"
    2. "Theater (verdrängt) die Thematik"
    3. Die "Versuchung zum Posieren"

    Ich sehe darin nicht drei Gründe, sondern nur einen einzigen Grund. Allenfalls äussert sich dieser in unterschiedlichen Aspekten. Wie man es auch nennen will: Unterhaltung, Show, Spektakel, Theater oder Zirkus - es handelt sich dabei schlicht um die typischen Konzepte massenmedialer Erfolgskommunikation im medialen und globalen Kampf um Aufmerksamkeit.

    • Akakor
    • 05.06.2007 um 18:09 Uhr

    [entfernt, Beiträge dieser Art sind für eine Diskussion weder förderlich noch erwünscht/ Redaktion]

    Es scheint mir eher, dass in unserer "Demokratie" nicht erwünscht ist, dass das Volk erfährt was läuft.
    Diese Zensur durch Herrn Joffe, sollte jedem Leser zu denken geben, was der Meinungsmacher von offener Diskussion, Information und Freiheit hält.

    [Wenn Beiträge deutliche Züge von Beleidigungen tragen, haben sie in einer sinnvollen, sachlichen Diskussion keinen Raum. Das hat mit "Zensur" nichts zu tun/ Redaktion]

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    • Akakor
    • 06.06.2007 um 20:41 Uhr

    Erstens erhielt mein Kommentar keine Beleidigung und zweitens haben sie das selbst in Ihrer Zensur zugegeben.

    Falls Herr Joffe beleidigt ist, wenn er Bilderberger und Zionist genannt wird, dann sollte er entsprechenden Organisationen nicht angehören.

    Die frei deutsche Presse...;-)

    Wird es wenigstens gut bezahlt?

    • Akakor
    • 06.06.2007 um 20:41 Uhr

    Erstens erhielt mein Kommentar keine Beleidigung und zweitens haben sie das selbst in Ihrer Zensur zugegeben.

    Falls Herr Joffe beleidigt ist, wenn er Bilderberger und Zionist genannt wird, dann sollte er entsprechenden Organisationen nicht angehören.

    Die frei deutsche Presse...;-)

    Wird es wenigstens gut bezahlt?

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