Korrekt sparen Heuschrecken-Methoden für die gute Sache
Karina Litvack vertritt Großanleger, die sich ins Geschäft von Unternehmen einmischen. Ihr Ziel: Firmen auf den rechten Weg zu bringen, ökologisch wie gesellschaftlich.
Wenn Karina Litvack jemanden von ihrer Sache überzeugen will, dann spricht sie mit Händen und Füßen. Ein Temperamentbündel, sagen die Mitarbeiter, mit denen sie sich ihr Großraumbüro teilt. Die Francokanadierin leitet das 15-köpfige Team für Socially Responsible Investment (SRI), also gesellschaftlich verantwortliches Investieren, beim Londoner Vermögensverwalter F&C Asset Management.
Was Litvack mit so viel Verve vertritt, hat einen etwas sperrigen Namen: "Responsible Engagement Overlay" (reo) nennt sie das Konzept, mit dessen Hilfe große Investoren sich in die Geschäfte von Unternehmen einmischen, um diese zu einem verantwortungsvolleren Handeln zu bewegen. Mithilfe von reo sollen die ökologischen und gesellschaftlichen Interessen dieser Großanleger gebündelt und aktiv vertreten werden. Litvack hat reo entwickelt und in die Praxis umgesetzt. 52 Milliarden Euro verwaltet F&C mittlerweile in ganz Europa nach ihren Leitlinien.

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Will die Bankerin ihre Meinung durchsetzen, kann sie auch schon mal laut und heftig werden. Nachtragend ist Litvack zwar nicht, aber eben sehr direkt - auch im persönlichen Gespräch. "Small talk" hingegen fällt ihr schwer. In Großbritannien kann eine solch unverblümte Art schon einmal zum Problem werden. Erst als eine deutsche Kollegin sie darauf hinwies, verstand Litvack, warum manche Leute etwas merkwürdig auf ihre direkten Ansagen reagierten.
Den Anstoß, die Macht von Investoren für ökologische oder gesellschaftliche Ziele zu nutzen, gab ihr früherer Chef Craig Mackenzie. Er ist heute Professor für Geschäftsethik an einer schottischen Universität. Mackenzie fand, man müsse mehr tun, als bloß Fonds mit ethischen Kriterien aufzulegen - die aktuell rund 5 Milliarden Euro verwalten. Er war ein "brillanter Visionär", wie sie es nennt. Sie hatte den Part der Geschäftsfrau, die nach Mackenzies Impulsen ein Konzept entwarf und es in eine wirtschaftlich rentable Praxis umsetzte.
Ausgangspunkt war die Idee, auch in Umweltverschmutzer zu investieren, um dann die Macht der Kapitalgeber zu nutzen. Die Unternehmen sollten dazu gebracht werden, sauberer zu produzieren und umweltschonende Produkte herzustellen. "Ich war zuerst sehr skeptisch und lernte dann, dass ich Dinge nicht nach meiner ersten Reaktion beurteilen darf", erzählt Litvack. "Ich muss mich manchmal zwingen, meine Skepsis beiseitezuschieben." Zuweilen gelingt es ihr. Als vor fünf Jahren ihr Stellvertreter Robert Barrington in Tabak investieren wollte, dachte sie zunächst, das sei "lächerlich". Doch sie zwang sich, zu schweigen und nachzudenken: Könnte ein solches Vorhaben nicht doch sinnvoll sein?
Aktives "Engagement", so werden in der Finanzwelt inzwischen reo und verwandte Modelle genannt, funktioniert unter bestimmten Bedingungen besonders gut. Zum Beispiel wenn es die Gesetze verbieten, Aktienportfolios nicht nach Sündern zu durchsuchen , um diese dann auszuschließen.
In Schottland beispielsweise ist solcherlei "Screening" verboten. Die Stadt Aberdeen wollte ihren Pensionsfonds dennoch nachhaltig verwalten und forderte F&C auf, Alternativen zu entwickeln. Als den Stadtvätern und ihren Vermögensverwaltern aufging, dass aktive Einflussnahme erlaubt war, entwickelte Litvack reo und setzte es mit der Unterstützung des Fonds in die Praxis um.
Vor sieben Jahren kam dann der Durchbruch: Die Lebensversicherungsgruppe Friends Providend vertraute F&C ein Mandat für ihr gesamtes Aktienportfolio an. Es handelte sich um 30 Milliarden Pfund verwaltetes Vermögen. Das lockte weitere Kunden an, beispielsweise die großen niederländischen Pensionsfonds PGGM und PME. Seit drei Jahren erwirtschaftet F&C mit reo Gewinn und betreut inzwischen ein Volumen von 96 Milliarden Euro. Im Dezember erhielt die Gesellschaft auch ein Mandat aus Deutschland: Die Berliner Ärzteversorgung beauftragte sie mit der Wahrung ihrer Interessen .
Litvack musste kämpfen, um dorthin zu gelangen, wo sie heute steht. "Es dauerte lange, bis ich das Ziel meines Lebens fand: mit 35 Jahren, im SRI-Team von F&C", sagt sie. Vor neun Jahren war das. Heute ist sie 44 Jahre alt und zufrieden mit dem, was sie erreichte.
Das war nicht immer so. Oft hatte sie ihr Berufsleben unterbrechen müssen, legte lange Pausen ein und wechselte von einer Stelle auf die nächste. Der Grund waren ihre drei Töchter, die inzwischen fast alle erwachsen sind. "In den USA war es unmöglich, halbtags zu arbeiten", berichtet Litvack von der Zeit, während der sie als junge Berufseinsteigerin bei einer Investmentbank Fuß fassen wollte. Nach der Geburt ihrer ersten Tochter, vor 20 Jahren, versuchte sie so lange wie möglich im stressigen Analystenjob durchzuhalten. Aber es funktionierte nicht. Als das Baby fünf Monate alt war, strich sie frustriert die Segel und widmete sich fortan ihrer Aufgabe als Mutter. "Es war wirklich schwer für mich aufzuhören, aber ich mache keine Kompromisse, wenn es um Qualität geht."
Sie hofft, ihre Töchter mögen nie in eine solche Konfliktlage geraten. Über unflexible Arbeitgeber ärgert sich die Ökonomin und Politikwissenschaftlerin noch immer: "Gut ausgebildeten Frauen keine Teilzeitarbeit zu ermöglichen ist nicht nur unsozial, sondern auch Verschwendung, zumal sie hoch motiviert arbeiten."
Mit gesellschaftlichen und auch mit ökologischen Fragen hat sie sich schon immer beschäftigt. Karina Litvacks Vater war Rechtsanwalt in Kanada und dort an Verhandlungen über die Rechte der indigenen Völker beteiligt, als das Land der Inuit im Norden Quebecs wegen eines Staudammprojekts geflutet werden sollte. "Er glaubte, dass jeder seine Werte leben kann." Nach dem Tod des Vaters setzte die Mutter, ebenfalls Anwältin, seine Menschenrechts-Arbeit fort. Litvack selbst ging als junge Frau im Auftrag einer Menschenrechtsorganisation nach Afrika, um dort mit Aidskranken zu arbeiten, und sie engagierte sich gegen Korruption.
Jahre später, sie lebte längst in New York, geriet sie doch in Konflikt mit ihren Werten. Sie arbeitete für einen kleinen New Yorker Immobilienentwickler und sollte die laufenden Projekte überprüfen. Ihr Auftrag: In Verhandlung mit den Kredit gebenden Banken möglichst günstige Konditionen herauszuschlagen. Litvack stellte fest, dass dafür falsche Zahlen genutzt wurden. Sie protestierte, doch es nützte nichts. Ihr Chef bestand darauf, dass sie mit den manipulierten Daten arbeiten sollte. Litvack gehorchte - und beging so Finanzbetrug. Als sie einige Tage später ihrem Vorgesetzten mitteilte, sie werde so etwas nie wieder tun, besiegelte sie damit ihre Entlassung. Heute ist sie glücklich, für ihre sozialen und ökologischen Ideale zu arbeiten und sogar ein erfolgreiches Geschäftsfeld daraus gemacht zu haben. Mit rund 1000 Unternehmen im Jahr tauscht sich F&C intensiv aus. "Ich hätte nie gedacht, das zu erreichen."
So manchem Kritiker gilt ihre Arbeit jedoch nicht als nachhaltig im eigentlichen Sinne. Engagement verpuffe oft wirkungslos, wird bemängelt. Viel besser sei es, Geld in Investmentfonds mit Ausschlusskriterien ( hier ein Beispiel ) oder Best-in-Class-Auswahl (wie zum Beispiel diese oder diese ) zu stecken. Karina Litvack und Günter Jonitz, als Präsident der Berliner Ärztekammer ein Kunde von F&C, finden das nicht. "Die Fonds sind die heile Welt der Nachhaltigkeit", sagt Jonitz. "Es geht aber darum, die garstige Welt, die Wirtschaft insgesamt, auf den Weg Richtung nachhaltiges Wirtschaften zu bringen."
Auch Litvack widerspricht der Kritik heftig. "Der Mainstream der Investoren ist in Bewegung gekommen, und die Unternehmen begreifen, dass sie Soziales und Umwelt nicht vernachlässigen dürfen, um wettbewerbsfähige Renditen zu erwirtschaften." Als Beispiel führt sie die Handelskette Marks & Spencer an. Deren Vorstandschef kündigte unlängst an, in den kommenden fünf Jahren 200 Millionen Pfund in den Umweltschutz zu investieren. Sein Unternehmen wolle die grünste Handelsgesellschaft von allen werden. Litvack: "Das ist doch wunderbar."
- Datum 05.06.2009 - 14:42 Uhr
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- Serie Nachhaltigkeit
- Quelle ZEIT online, 5.6.2007 - 10:52 Uhr
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guter artikel. leider ein kleines malheur passiert:
"Zum Beispiel wenn es die Gesetze verbieten, Aktienportfolios nicht nach Sündern zu durchsuchen , um diese dann auszuschließen."
= dann wäre es ja kraft gesetzes erlaubt bzw. geradezu verpflichtend
gruß
langebner
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