Eigentlich gilt noch Friedenspflicht. Solange das internationale Geschäft rund um den G8-Gipfel und die EU-Präsidentschaft die Hauptakteure in Berlin in Atem hält, wollten Union und SPD die diversen Schwelbrände in der Koalition klein halten. Doch die SPD-Führung gab schon frühzeitig als Parole aus: Der rote Teppich für Kanzlerin Angela Merkel (CDU) werde bald eingerollt; dann - sollte das wohl heißen - sei Ende der Schonzeit.

So lange wollte Franz Müntefering offenkundig nicht warten. Der Vizekanzler, der auf SPD-Seite bislang als zentraler Stabilisator im Bündnis mit der Union galt, machte an diesem Donnerstag mit deutlichen Worten seinem Ärger über die Union Luft. Nicht zu bestreiten sei, "dass die Zweifel wachsen, ob man sich auf alle Beteiligten in dieser Koalition verlassen kann", ließ er per Interview wissen. Wenn es auch noch im Kabinett solche Risse gebe, "wäre ein kritischer Punkt erreicht", drohte er kaum verhohlen mit einem Bruch des Bündnisses. Und gezielt in Richtung Kanzlerin teilte ihr Vize einen warnenden Seitenhieb aus - durch einen spitzen Vergleich mit ihrem SPD-Vorgänger: "Gerd Schröder war - aus guten Gründen - immer zuerst Kanzler, das Ganze im Blick. Auch als Parteivorsitzender war er immer zuerst Kanzler."

Eine solche Rolle traut Müntefering Merkel offensichtlich nicht (mehr) zu. "Da gibt es zu viel Parteiprofilierung", formulierte er seinen Unmut über das Amtsverständnis der Regierungschefin und CDU-Vorsitzenden. In kleinen Kreisen hatte er schon länger darüber gemurrt, dass ihm die "Taktiererei" der Kanzlerin auf die Nerven gehe, bisher jedoch öffentlich den Mund gehalten. Nun scheint die Grenze seiner Loyalität erreicht.

Anlass zum wachsenden Verdruss über den Koalitionspartner und Merkels Führungsstil gibt es für die SPD-Spitze offenbar genug. In letzter Zeit hat sich da wohl eine Menge aufgestaut. Spätestens seit der letzten Koalitionsrunde Mitte Mai fühlt sich auch der bislang so loyale Müntefering von Merkel auf seinem eigenen Terrain im Stich gelassen. Vor dem Treffen hatte er ihr dem Vernehmen nach ein Kompromiss-Konzept für eine Mindestlohn-Regelung vorgeschlagen. Trotz Zusage, darüber in der Sitzung zu reden, blieb die Kanzlerin dies schuldig.

Aus seiner Sicht ähnlich schlechte Erfahrungen mit Absprachen musste SPD-Chef Kurt Beck vergangene Woche beim Koalitionsstreit über den künftigen Vorsitz der Ruhrkohle-Stiftung machen. Die Verabredung, über eine einvernehmliche Lösung für den von der SPD favorisierten und von der CDU abgelehnten Kandidaten Werner Müller bis zu einem bestimmten Termin Stillschweigen zu bewahren, wurde durch Wirtschaftsminister Michael Glos über den Haufen geworfen. Müller habe von sich aus auf den Posten verzichtet, ließ der CSU-Ressortchef vorzeitig verkünden. Ziemlich lautstark beschwerte sich Beck deswegen telefonisch bei Merkel.

Glos sowie seinen Staatssekretär Walter Otremba hat die SPD-Spitze inzwischen als wiederholte "Brandstifter" ausgemacht. Zum offenen Krach kam es kürzlich, als der ehrgeizige Spitzenbeamte eine Stellungnahme aus Münteferings Haus zu einer EU-Vorlage eigenmächtig änderte. Bei vielen Sozialdemokraten setzt sich inzwischen der Eindruck fest, die Kanzlerin lasse ihre Parteifreunde an der langen Leine agieren, um Konflikten in den eigenen Reihen aus dem Weg zu gehen. Das sei bei der gelernten Physikerin wie bei einer Flanke im Fußball, beschreibt ein ranghoher SPD-Mann mit spöttischem Unterton ihren Führungsstil: "Sie berechnet im Voraus jeden Punkt der Flugbahn. Aber sie sieht nicht, wo sich der Ball gerade befindet."