60 Jahre Marshallplan

„Wie wir alle Amis wurden“

Kann dieses Amerika die Europäer heute noch so beeindrucken wie in den vergangenen 60 Jahren? Joachim Fritz-Vannahme über die Entstehung seiner Dokumentation zum 60. Jahrestag des Marshallplans

Wir bräuchten da irgendwas Originelles zum 60. Jahrestag des Marshallplans am 5. Juni 2007, sinnierten vor gut einem Jahr die Programmmacher von Arte TV beim Cappuccino (oder war’s schon beim Riesling?): Hätten Sie da nicht eine Idee?

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Irgendwie fühlt man sich bei diesem Irgendwas zunächst geschmeichelt, offenbar hatte meine TV-Dokumentation zum 40. des Elysée-Vertrages 2003 in der schicken Straßburger Arte-Zentrale haltbare Erinnerungsspuren hinterlassen. Wie damals war eines dem Angesprochenen gleich klar: Historisch sollte der Film schon sein, aber in homöopathischen Dosen, nur kein Guido Knopp. Flanieren musste erlaubt sein, im Vorübergehen erzählt es sich einfach leichter. Vor allem aber politisch sollte der Film sein. Denn wer „Marshallplan“ sagt, kann vom Kalten oder vom Vietnam-Krieg, vom Studentenprotest oder den Pazifistenmärschen oder dem transatlantischen Golfkriegssyndrom nicht schweigen. Mit der Hilfe aus Übersee kamen neue Produkte, neue Ideen, neue Denk-, Arbeits-, Lebensweisen. Und ein so intensives wie schwieriges Verhältnis über den Großen Teich hinweg.

Ambivalent sind die amerikanisch-europäischen Beziehungen spätestens seit 1947: Wer könnte besser darüber nachdenken als Menschen, deren Leben irgendwann, irgendwie transatlantisch berührt oder geführt wurde. Zum Beispiel Wim Wenders , der sich mit Paris, Texas in den Weiten des Westens verlor oder mit Im Laufe der Zeit ein Roadmovie (da noch in Schwarz-weiß) längs der Zonengrenze gedreht hatte.

Oder Daniel Cohn-Bendit, der vor fast zwei Jahrzehnten sein Buch und seinen TV-Film über den Mai '68 mit einer Hommage an das amerikanische Civil Rights Movement eröffnete. Oder Michael Naumann , heute im Bürgermeister-Wahlkampf von Hamburg, aber lange Jahre Verleger in New York und davor in Reinbek bei Hamburg, also bei Rowohlt – von Autoren wie Paul Auster, Thomas Pynchon and you name it .

Was könnte reizvoller sein, als zwischen Deutschland und Frankreich lauter Amerika-Bilder (die ja immer auch Europa-Bilder mitlaufen lassen) zu spiegeln? Ruhig auch provokativ – womit schon in der Entwurfsphase des Arte-Films sein Titel feststand: Wie wir alle Amis wurden (was für französische Ohren noch viel unverschämter klingt: „Comment nous sommes tous devenus Américains“. So ein Satz löst bei den französischen Freunden ein Aufbäumen aus: „Mais non, pas du tout, was redest Du da…“)

An dieser Stelle kam ein entscheidender Mann für den Film ins Spiel: Der Belgier Sergio Ghizzardi. Nicht nur seiner italienischen Wurzeln und seiner spanischen Frau wegen durch und durch Europäer. Der Regisseur hatte soeben für Arte eine Langzeitstudie über EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso fertiggestellt und war gleich Feuer und Flamme.

Warum die vielen klugen Sätze der vielen klugen Interviewpartner nicht verknüpfen und auflockern durch eine Reise quer durch Europa? Das war seine Idee, daraus wurde dann optisch der rote Faden des Films. Berlin und Brüssel, Rom und Paris und Hamburg und wieder Brüssel waren die Etappen unserer europäischen Tour durch unser Amerika. Darüber reden konnten eigentlich nur und am besten Europäer – und so kommen im Film nur zwei Amerikaner von heute zu Wort, im Grunde sogar nur eine, Victoria da Grazia. Auch sie mit europäischen Wurzeln, vor allem aber mit ihrer gründlichen Studie über das „Irresistible Empire“ eine der besten Kennerinnen der sanften, ja femininen Amerikanisierung des europäischen Alltags.

 
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Leser-Kommentare

  1. In Deutschland, von einigen ZEIT-Lesern und Anderen hoert man oft: Die Amerikaner haben ja daran viel Geld verdient. Sie haben es fuer sich selbst gemacht.

    Wer weiss, ob es so ist.

    Sollte es so sein, ist wirklich Deutschland zu dumm, dasselbe Geldverdienen nicht zu Stande zu bringen, sagen wir mal, mit den Palestinenzern?

    Wenn sie mit EU Hilfe dann Israel gleichkommen oder es sogar ueberholen (wie einst Deutschland den "Sieger" England ueberholt hat als Export-Nation mit neuen Fabriken und Technik) wuerde die Nahe Osten Krise sich voellig von allein loesen.

    Wohlstand im BeekaValley und im Gaza Streifen usw wuerde den Wunsch loeschen, nach Israel "zurueckeinzuwandern".

    Sollte es nicht die Wahrheit sein (was ich glaube), wird man auch in Amerika hoffentlich eher als spaeter zu dem Erkenntnis kommen, dass der Marshall Plan einer der groessten Nachkriegsfehler der Amerikaner gewesen ist. Nicht nur eine grosse Verschwendung amerikanischer Steuern.

    Ja, ohne Einmischung der Amerikaner, waere Moskau's Nachkriegsreich wohl bis zum Aermel Kanal vorgedrungen.
    Fuer die Amerikaner, was haette das bedeutet? Dass die Moskauer Planwirtschaft Jahrzehnte frueher von innen aus eingebrochen waere. [Ostdeutschland waere ja doch Osteuropa geworden, mit Plattenwohnhaeusern, ungeschickten Betrieben, einer voellig ausgehoehlter Plan-Wirtschaft mit Paris und Frankfurt "elegante Staedte wie Halle" zum Beispiel.]

    Was vielleicht nur Schroeder eingefallen und klar geworden ist: Europa und Amerika sind sich fremd. In den wichtigen Sachen. Wie man voran kommt. Was man selbst erreichen kann ohne Gemeinschaftshilfe. Ob Buerokratien notwendig sind, Recht und Wohlstand zu erreichen.

    Letzten Endes haben die Auswanderer aus Europa (obwohl verhaeltnismaessig weniger aus Deutschland sondern England, Irland und Italien) seit dem 18. Jahrhundert bewiesen, dass man eine ganz andere Welt gruenden kann, eine die einem besser gefallen und mehr bringen wird... was Amerikaner "pursuit of happiness" nennen. Ohne Hilfe der Kasten, der Gelernten, der Spitze-UNIs, der Elite in Europa. Sondern nur weil man sie alle endlich los war.

    Klingt das als ob man Europaer, vor allem Deutsche, misachten soll? Natuerlich nicht. Sie haben dasselbe Recht wie die Amerikaner, sich eine Welt zu schaffen (mit heutiger Bruessel Hilfe oder nicht) mit der sie zufrieden sein koennen.

    Was allen jedoch wichtig sein sollte, ist dass alle Menschen die Freiheit geniesen koennen, zu leben wie sie wollen, unterschiedlich und nicht immer "zusammen/gemeinschaftlich". Das bedeutet mehr Krieg? Wieso? es gibt Millionen Familienstreite fuer jeden Krieg.

    "Demokratie" ermoeglicht vieles. Die Freiheit zu waehlen ist die Basis: Seine eigene Regierung, mit wem man Freund sein kann oder will, wo, wie und warum. Wenn nicht anders moeglich, durch Auswanderung zu denen, die einem mehr sympathisch sind.

    Anstatt Geld zur Verfuegung zu stellen, haette man es denjenigen die sich nicht in Deutschland wohlfuehlten in den dreissiger Jahren meoglich machen sollen, anderswo ein neues Leben anzufangen. Auf eigene Faust, ohne Sozialhilfs-Gesetze des Staates.

    Man soll mal darueber denken? Nicht nur ueber was der allgemeine Eindruck ueber den Marshall Plan heutzutage ist.
    Was wirklich die Hauptsache ist, und was nur fuer Nebensache gelten kann.

  2. So wie die USA die deutschen schon wärend des II Weltkriegs mit dem notwendigsten versorgt haben Rußland möglichst großen Schaden und Verluste zuzufügen, so war der Marshallplan ein Aspekt der Fortsetzung des WKII als kalter Krieg. Heute sind die Mitteleuropäer wie Polen und Tschechien nützlicher und billiger zu haben als Hebel zur Destabilisierung der Russen , und die hündischen braven Deutschen von ihren Herren gedemütigt winseln um Zuwendung. Dafür unterstützen sie in gewohnt vorauseilendem Gehorsam allerlei Verbrechen, von der Inszenierung von Bürgerkriegen, bis zu deutschen Ressourcen für Angriffskriege, Folter Apartheid Massenmord an Zivilisten. Der Marshallplan hat den deutschen geholfen das zu bleiben was sie seit der Reichsgründung 1871 waren. [Rest des Beitrages entfernt, diese Aneinanderreihung deutschfeindlicher Beschimpfungen ohne Begründung und Argumentation ist ein Hemmnis für eine sachliche Diskussion/ Redaktion]

  3. sind sich einig: Der Marshall Plan war falsch.

    Heisst das, dass an etwas Aehnliches nie wieder gedacht wird/werden soll?
    Heisst das auch, das anders als eine Debatten Buehne (die die Zeitungen ueberall in der Welt kostenlos zur Verfuegung stellen) die UN nicht gebraucht wird?

    Warum gibt es soviele Schmarotzer, die sich noch dazu von der Verantwortung druecken? Einschliesslich der Europaer, der Deutschen? Die darauf bestehen, sich zum Wort zu melden, ohne ihre Beitraege zu erhoehen so dass sie wenigstens bezahlen was die boesen Amis Jahrzehnte-lang bereit gestellt haben. (Beispiele: Darfur, Ruwanda, Weltbank, UN usw usw.)

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