60 Jahre Marshallplan „Wie wir alle Amis wurden“Seite 2/2

Autor und Regisseur nehmen sich im Film einerseits zurück (wir führten die Interviews, erscheinen aber nirgendwo im Bild als Interviewer, hier zählt allein die Gedankenwelt der Befragten), und treten andererseits in ihm auf (als stumme Reisebegleiter dieser Tour d’Europe).

Wir hatten anfangs den Ehrgeiz, fast ohne historische Aufnahmen auszukommen. Ein Trugschluss (hoffentlich der einzige des Films), denn was die Befragten erzählten, musste für den Betrachter eingeordnet, eingerahmt werden, selbst bei Ereignissen und Erlebnissen, die gerade einmal 18 Jahre (Mauerfall) oder 25 Jahre (Präsident Reagans „Krieg der Sterne“) zurücklagen. Zu rasch läuft vor unseren Augen der Film namens Wirklichkeit ab, als dass wir auf Rekapitulation, auf Volkshochschule im besten Sinne hätten verzichten können. Dramaturgie, Schnitt, Musik sollten verhindern, dass daraus geschlossene Kapitel wie im Geschichtsbuch werden: Der Zuschauer mag entscheiden, wie weit das gelang.

Mit dem Marshallplan begann für Europa ein Zivilisationswandel (für Amerika übrigens auch, aber das wäre ein anderer Film). Kann dieses Amerika uns heute und in Zukunft noch so beeindrucken wie in diesen vergangenen 60 Jahren? Mit dieser Frage endet der Film.

Die Antwort bleibt offen, zwischen dem amerikamüden Wim Wenders auf der einen, dem kaltnüchternen Ex-Außenminister Hubert Védrine auf der anderen Seite. Die Autoren des Films wollten selbst diese Antwort nicht geben – das hätte ihrem Versuch, andere zum Nach- und Vordenken einzuladen, einfach widersprochen. Vielleicht aber waren sie ganz froh, sich diese Übung in Vorsehung untersagt zu haben.

Sind wir wirklich alle Amerikaner geworden? Nein. Ja. Bush. Oder Bill Gates. Aber auch Google, eBay. Lauter amerikanische Helden oder Anti-Helden. Aus Europa sind sie nicht wegzudenken. So wenig wie der Marshallplan und seine Folgen.



Joachim Fritz-Vannahme war lange Jahre ZEIT-Redakteur, zuletzt in Brüssel. Er leitet heute die Europa-Projekte der Bertelsmann-Stiftung.

Die Dokumentation „Wie wir alle Amis wurden“ läuft am 5. Juni 2007 auf arte.


Hier einige Auszüge:
Michael Naumann über die Regierung Bush
Wim Wenders über den amerikanischen Traum
Wim Wenders über die heutigen USA
Michael Naumann und Wim Wenders über Antiamerikanismus

 
Leser-Kommentare
  1. In Deutschland, von einigen ZEIT-Lesern und Anderen hoert man oft: Die Amerikaner haben ja daran viel Geld verdient. Sie haben es fuer sich selbst gemacht.

    Wer weiss, ob es so ist.

    Sollte es so sein, ist wirklich Deutschland zu dumm, dasselbe Geldverdienen nicht zu Stande zu bringen, sagen wir mal, mit den Palestinenzern?

    Wenn sie mit EU Hilfe dann Israel gleichkommen oder es sogar ueberholen (wie einst Deutschland den "Sieger" England ueberholt hat als Export-Nation mit neuen Fabriken und Technik) wuerde die Nahe Osten Krise sich voellig von allein loesen.

    Wohlstand im BeekaValley und im Gaza Streifen usw wuerde den Wunsch loeschen, nach Israel "zurueckeinzuwandern".

    Sollte es nicht die Wahrheit sein (was ich glaube), wird man auch in Amerika hoffentlich eher als spaeter zu dem Erkenntnis kommen, dass der Marshall Plan einer der groessten Nachkriegsfehler der Amerikaner gewesen ist. Nicht nur eine grosse Verschwendung amerikanischer Steuern.

    Ja, ohne Einmischung der Amerikaner, waere Moskau's Nachkriegsreich wohl bis zum Aermel Kanal vorgedrungen.
    Fuer die Amerikaner, was haette das bedeutet? Dass die Moskauer Planwirtschaft Jahrzehnte frueher von innen aus eingebrochen waere. [Ostdeutschland waere ja doch Osteuropa geworden, mit Plattenwohnhaeusern, ungeschickten Betrieben, einer voellig ausgehoehlter Plan-Wirtschaft mit Paris und Frankfurt "elegante Staedte wie Halle" zum Beispiel.]

    Was vielleicht nur Schroeder eingefallen und klar geworden ist: Europa und Amerika sind sich fremd. In den wichtigen Sachen. Wie man voran kommt. Was man selbst erreichen kann ohne Gemeinschaftshilfe. Ob Buerokratien notwendig sind, Recht und Wohlstand zu erreichen.

    Letzten Endes haben die Auswanderer aus Europa (obwohl verhaeltnismaessig weniger aus Deutschland sondern England, Irland und Italien) seit dem 18. Jahrhundert bewiesen, dass man eine ganz andere Welt gruenden kann, eine die einem besser gefallen und mehr bringen wird... was Amerikaner "pursuit of happiness" nennen. Ohne Hilfe der Kasten, der Gelernten, der Spitze-UNIs, der Elite in Europa. Sondern nur weil man sie alle endlich los war.

    Klingt das als ob man Europaer, vor allem Deutsche, misachten soll? Natuerlich nicht. Sie haben dasselbe Recht wie die Amerikaner, sich eine Welt zu schaffen (mit heutiger Bruessel Hilfe oder nicht) mit der sie zufrieden sein koennen.

    Was allen jedoch wichtig sein sollte, ist dass alle Menschen die Freiheit geniesen koennen, zu leben wie sie wollen, unterschiedlich und nicht immer "zusammen/gemeinschaftlich". Das bedeutet mehr Krieg? Wieso? es gibt Millionen Familienstreite fuer jeden Krieg.

    "Demokratie" ermoeglicht vieles. Die Freiheit zu waehlen ist die Basis: Seine eigene Regierung, mit wem man Freund sein kann oder will, wo, wie und warum. Wenn nicht anders moeglich, durch Auswanderung zu denen, die einem mehr sympathisch sind.

    Anstatt Geld zur Verfuegung zu stellen, haette man es denjenigen die sich nicht in Deutschland wohlfuehlten in den dreissiger Jahren meoglich machen sollen, anderswo ein neues Leben anzufangen. Auf eigene Faust, ohne Sozialhilfs-Gesetze des Staates.

    Man soll mal darueber denken? Nicht nur ueber was der allgemeine Eindruck ueber den Marshall Plan heutzutage ist.
    Was wirklich die Hauptsache ist, und was nur fuer Nebensache gelten kann.

  2. So wie die USA die deutschen schon wärend des II Weltkriegs mit dem notwendigsten versorgt haben Rußland möglichst großen Schaden und Verluste zuzufügen, so war der Marshallplan ein Aspekt der Fortsetzung des WKII als kalter Krieg. Heute sind die Mitteleuropäer wie Polen und Tschechien nützlicher und billiger zu haben als Hebel zur Destabilisierung der Russen , und die hündischen braven Deutschen von ihren Herren gedemütigt winseln um Zuwendung. Dafür unterstützen sie in gewohnt vorauseilendem Gehorsam allerlei Verbrechen, von der Inszenierung von Bürgerkriegen, bis zu deutschen Ressourcen für Angriffskriege, Folter Apartheid Massenmord an Zivilisten. Der Marshallplan hat den deutschen geholfen das zu bleiben was sie seit der Reichsgründung 1871 waren. [Rest des Beitrages entfernt, diese Aneinanderreihung deutschfeindlicher Beschimpfungen ohne Begründung und Argumentation ist ein Hemmnis für eine sachliche Diskussion/ Redaktion]

  3. sind sich einig: Der Marshall Plan war falsch.

    Heisst das, dass an etwas Aehnliches nie wieder gedacht wird/werden soll?
    Heisst das auch, das anders als eine Debatten Buehne (die die Zeitungen ueberall in der Welt kostenlos zur Verfuegung stellen) die UN nicht gebraucht wird?

    Warum gibt es soviele Schmarotzer, die sich noch dazu von der Verantwortung druecken? Einschliesslich der Europaer, der Deutschen? Die darauf bestehen, sich zum Wort zu melden, ohne ihre Beitraege zu erhoehen so dass sie wenigstens bezahlen was die boesen Amis Jahrzehnte-lang bereit gestellt haben. (Beispiele: Darfur, Ruwanda, Weltbank, UN usw usw.)

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