Der Kremlchef wollte es beim Thema Raketen ganz genau wissen. "Wie lief der Test des Marschflugkörpers und wie zielsicher treffen die Raketen?", fragte Wladimir Putin auf der Regierungssitzung am Montag. Auch wenn die neuen Kurzstreckenraketen vom Typ Iskander-M noch im Entwicklungsstadium sind, könnten sie in den kommenden Tagen den G8-Gipfel in Heiligendamm treffen. Denn Putin verschärfte seine Drohungen gegen den Westen als Reaktion auf die US-Raketenabwehrpläne. Russland müsse unter Umständen "neue Ziele in Europa ins Visier nehmen", sagte er in einem Interview. Russische Militärs wollen mit den Kurzstreckenraketen die geplanten US-Raketensilos in Polen anvisieren.

Die Drohgebärden der Russen in Bezug auf die US-Raketenabwehr bereiten Bundeskanzlerin Angela Merkel als Gastgeberin in Heiligendamm zunehmend Sorgen. Die Bundesregierung befürchtet, dass der Kremlchef auf dem ohnehin schon schwierigen Gipfeltreffen seinen Streit mit den USA offen austragen wird. Merkel soll mit Putin im Einzelgespräch zusammenkommen – auch eine direkte Begegnung Putins mit US-Präsident George W. Bush ist an der Ostseeküste geplant.

Ein Interview des russischen Präsidenten mit westlichen Medien sorgte im Vorfeld von Heiligendamm für zusätzliche Aufregung. Darin wirft er den Amerikanern vor, sie hätten "das sich ohne Zweifel abzeichnende neue Wettrüsten in Europa initiiert". Der Westen ist zwar seit der Putin-Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar reichlich Vokabular aus dem Kalten Krieg gewohnt, doch die Wortwahl im jüngsten Interview hat nach dem Eindruck westlicher Experten "hysterische Züge" angenommen.

So behauptet Putin, dass zum ersten Mal in der Geschichte ("ich betone das") auf dem europäischen Kontinent Elemente des US-Nuklearpotenzials stationiert würden. Dabei gab es im Kalten Krieg bekanntlich US-Atomwaffen in Europa. Gemeint haben dürfte der Kremlchef, dass die USA erstmals ihren Raketenabwehrgürtel nach Polen und Tschechien vorverlegen wollen.

Der russische Experte Alexej Makarkin sieht die US-Raketenabwehrpläne für Mitteleuropa nicht als Hauptauslöser für Moskaus Störfeuer. "Das Problem ließe sich lösen", sagte der Politologe. "Schlimmer ist, dass sich die USA schon entschieden haben, die Ukraine und Georgien in die Nato aufzunehmen." Russland fühle sich damit von der Nato umzingelt und reagiere entsprechend nervös.

Ausländische Diplomaten in Moskau rätseln über Putins erneute Offensive gegen den Westen. Die Emotionalität in seinen Ausführungen ist ein Phänomen der jüngsten Zeit. Russland steht vor einer ungewissen Zukunft. Putins Amtszeit läuft im März 2008 aus, eine Verlängerung sieht die Verfassung nicht vor. Das vom Kreml propagierte Bedrohungsszenario könnte bei der Suche nach einem genehmen Nachfolger behilflich sein. Unter den derzeitigen Umständen dürfte der für Sicherheitsfragen zuständige Vize-Regierungschef Sergej Iwanow, ein enger Vertrauter Putins mit Geheimdienst-Karriere, die besten Karten haben.