G8-Protest Ein schwarzer Samstag

Der Protest gegen den G8-Gipfel hat gleich am ersten Tag seine Unschuld verloren. Schuld an den Ausschreitungen in Rostock waren einige wenige. Verloren haben alle. Ein Kommentar

Wenige Stunden nur hat es gedauert, bis die bunte, fast karnevalartige Stimmung bei dem Auftaktprotestzug in Rostock umschlug in ein bürgerkriegsähnliches Szenario. 2000 vermummte junge Autonome lieferten sich bis in den Abend eine stundenlange Straßenschlacht mit der Polizei. Das Ergebnis: Rund 1000 Menschen wurden verletzt, darunter knapp die Hälfte Polizisten, eine ganze Reihe von ihnen schwer. 128 Randalierer wurden festgenommen. Das sind die nüchternen Zahlen. Die Symbolkraft dieser Aktion ist weit gewichtiger.

In Rostock sollte der öffentliche Protest gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm beginnen. Monatelang hatten die Globalisierungskritiker sich darauf vorbereitet. Die zahlreichen Gruppen hatten Debatten geführt, sich zusammengerauft und sich in Kommuniqués und Flugblättern gegen Gewalt ausgesprochen. Und doch konnte die große Mehrheit des so breiten Protestbündnisses die Gewalt nicht verhindern. Mit jedem Steinwurf, mit jedem Molotowcocktail verhöhnte der schwarze Block der hirnlosen Krawallmacher die zahlreichen Anhänger von Attac und all der Friedens-, Dritte-Welt- und Christengruppen, die wenige Tage vor dem Gipfel ihre berechtigten Anliegen gegen die mächtigen Acht vorbringen wollten.

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Die Wut der friedlichen Protestierer hat sich Samstag verlagert: Gegner waren und sind nun plötzlich nicht mehr (allein) die Staatsmänner oder Sicherheitsbehörden. Der neue Feind ist Teil des vorgeblich eigenen Lagers. Die Stimmung in den Camps der Protestierer, in denen Bibelfreunde und Schwarze-Block-Mitglieder Zelt an Zelt gemeinsam wohnen, ist dementsprechend mies. Man verdächtigt und beschuldigt sich gegenseitig: „Mit Lichterketten erreicht ihr doch nix“, ist eine Standardantwort der Autonomen. Die anderen antworten mit stillem oder lautem Zorn.

Immerhin haben die übrigen, die friedlichen Protestierer, nun ihren Sündenbock. Denn über eines kann die Randale vom Samstag nicht hinwegtäuschen: Zwar war der Protestzug anfangs überaus bunt und fast volksfestartig. Aber es kam weniger als die Hälfte derer, die erwartet worden waren. Und so wurde der Tag der Auftaktveranstaltungen gegen den G8-Gipfel ein Tag der Autonomen und Militanten. Sie setzten die Symbole, sie prägten die Bilder, die von diesem blutigen Samstag in Erinnerung bleiben werden. Neben der Straßenschlacht in Rostock sorgten die Protestmärsche der rechtsextremen NPD für die markantesten Bilder des Tages, vor allem der durchs Brandenburger Tor.

Auch die Polizei hat am Samstag verloren. Zwar hielt sie sich in Rostock lange Zeit auffallend zurück, anders als in Hamburg am Pfingstwochenende, wo ein dichter Polizeikordon die Demonstranten eskortiert hatte. Und auch die Veranstalter bestätigten, dass die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Rostock eindeutig von den Autonomen ausgingen. Aber als dann die Schlacht begann, wirkte die Polizei hilflos. Immer neue Trupps stürmten durcheinander, provozierten durch ein blind wirkendes Anrennen und Knüppeln sicherlich auch wieder ihrerseits Gegenattacken.

Zu schlechter Letzt: Auch die Politik – um die es ja eigentlich gehen sollte – hat verloren. Politiker hatten die Stimmung im autonomen Lager durch restriktive und vor allem unnötig symbolisch aufgeladene Maßnahmen im Vorfeld aufgeheizt. Der Sicherheitszaun, die Bannmeile, Post-Durchsuchungen, Geruchsproben, Bespitzelungen im Zug - all dies schürte ein Klima, das selbst die friedlichen Demonstranten erzürnte. Und doch konnte der ganze Aufwand die Gewalt nicht verhindern.

Nach den Ausschreitungen von Rostock werden die Sicherheitsvorkehrungen jetzt vermutlich noch verschärft werden. Eine Spirale aus Gewalt und Symbolpolitik kreist in diesen Tagen an der Ostsee. Wie gut, dass der Gipfel bald vorbei ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Man muss den Veranstaltern den Vorwurf machen, das sie die Demonstration nicht nur schlecht organisiert haben, sondern auch die Öffentlichkeit massiv belügen. Das geht schon los bei den Teilnehmerzahler, wo einfach Potemkinsche Dörfer aufgebaut wurden , denn die Teilnehmerzahl wurde einfach mal mit 80.000 angegeben, dabei waren es nur 20.000- 25.000 Teilnehmer . Also nicht mehr als bei einem Spieltag einer kleineren Bundesliga Mannschaft.

    Auch muss man ihnen vorhalten, das ihre Ordner nicht da waren, wo sie hätten sein müssen. Jeder der mal eine Demo organisiert hat weiß, das man um den friedlichen Verlauf dieser Demo zu gewährleisten auch eigene Ordnungskräfte abstellen muss. Doch wo waren diese? Wo waren eigentlich die Prominenten der linken Szene, welche Land auf, Land ab unseren Staat und die Polizei beschimpfen. Haben sie einen Wink bekommen das es zu Ausschreitungen kommt oder haben sie Teilweise diese sogar selber im Vorfeld organisiert, diese Biedermänner die ihre Brandstifter von der Leine gelassen haben.

    Haben sich naive Demonstranten als menschliche Schutzschilde von Gruppen wie der Interventionistischen Linken missbrauchen lassen. War es nicht so, das man mit mehr Teilnehmern gerechnet hatte, so das man hoffte ein besseres Kräfteverhältnis gegenüber der Polizei zu haben, um sich mit ihnen Tagelange Straßenschlachten zu liefern zu können. Aber auch um in der Deckung der Menschenmassen besser abtauchen zu können. So das die Polizei sich erst durch Unbeteiligte vielleicht auch friedlich gesinnte Menschen sich eine Bahn erkämpfen musste, damit sie den Tätern Einhalt zu gebieten konnte.

    Ein weiteres Ziel der Linksfaschisten war es auch, das die friedlich und naiv gesinnten Demonstranten die Polizei als ihren Feind betrachteten.

    Ist es nicht so das ein Teil der linken Szene Kinder und Jugendliche gezielt als ihre Kämpfer missbraucht, diese sind ihre Soldaten im Kampf gegen den "imperialistischen Kapitalismus, der ungerechten Welt, dem bösen Bush und der Not in Afrika ". Ich überlege gerade, das man bestimmte Forderungen der Genfer Konvention und Humanitäre Aspekte eigentlich ja nicht nur gegenüber Staaten erheben und einfordern müsste, sondern gegenüber jeglichen Gruppen in diesem Land , das gilt auch für die Linksautonomen Gruppen und ihren Paramilitärischen Einheiten.

  2. Die gestrigen Krawalle gelten in den Medien als die heftigsten Ausschreitungen der letzten 20 Jahre in Deutschland.

    Gleichzeitig ist es sehr beruhigend zu sehen, wie sich eine angebliche "deutsche Mehrheit" als eine kleine medial aufgeblasene, populistische Minderheit von G8-Gegnern entpuppt, die polemisch gegen multilaterale, friedliche und gemeinschaftliche Absprachen parliert.

    In diesem Zusammenhang ist der Ausspruch, "alle haben verloren", mehr als skandalös.

    Anstatt die unglaubliche Brutalität der Demonstranten zu kritisieren, wird in obigem Artikel salopp davon gesprochen, dass die Einsatzkräfte noch weitere Gewalt provoziert hätten. Und zwar simpel gesprochen allein dadurch, dass sie anwesend waren!

    Diese Argumentationslinie zeigt, wie stark Wenige, aber leider doch Einige, momentan mit den Gutmenschzielen der militanten Demonstranten um jeden Preis sympathisieren. Gewalt gilt als legitim, da sie - aberwitzigerweise - als für einen guten Zweck eingesetzt - angesehen wird!

    Und wenn dann die Sicherheitskräfte versuchen, die Stadt, die Anwohner, die friedlichen Demonstranten vor diesen Verbrechern zu schützen, bekommen sie eine kategorische Mitschuld angedichtet, obwohl sie sogar von den Organisatoren entlastet wurden und ihr Leben und Ihre Gesundheit für den friedlichen Ablauf der Demonstrationen riskieren!

    Nach 60 Jahren Erfahrung mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in diesem Land hätte man sich schon wünschen können, dass hier ein etwas ausgereifteres Bewusstsein für die Dramatik der Vorgänge vorgefunden werden kann.

    Denn gerade diese Zeitung behauptet von sich, kritisch zu sein. Von einer differenzierten Betrachtung der Vorgänge ist bisher im Vergleich zu den meisten anderen Blättern leider wenig zu sehen.

    Dieser Bericht ist ein schallender Hohn für alle, die sich am 02. Juni 2007 - teils mit ihrem Leben - gegen politischen Extremismus eingesetzt haben. Undn nun als Dankeschön eine Mitschuld angedichtet bekommen.

    Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen und an dieser Stelle allen, die sich diesem Populismus und dieser extremistischen Gewalt entgegensetzen, für Ihren Einsatz danken!

  3. Es waren definitiv mehr als 20.000 Teilnehmer, von denen die Polizei ausgeht. Aber auch keine 80.000 von denen Attac aus geht. Beide haben ihre Motive solche und solche Zahlen zu nennen. Als Faustregel gilt meist der Mittelwert, denn ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
    Im übrigen: Die Teilnehmerzahlen mit denen eines Bundesligaspiels zu vergleichen, spiegelt leider die Unwissenheit und Unaufgeklärtheit der deutschen bzw. westlichen Bevölkerung wieder. Gut dass es einige aufrechte Bürger gibt, die min. im Ansatz begreifen wie die Welt funktioniert und heutzutage noch Mitleid für die Armen und Benachteiligten dieser Welt aufbringen können, ohne darauß Profit schlagen zu wollen. Der Durchschnittbürger ist leider schon mit der Beteung von Agrarsubvention für die Agrarmärkte in Dritte-Welt-Ländern überfordert. Der Protest sollte die Leute aufklären und zu informieren. Nun haben ein paar radikale Idioten den gesamten Protest zu nichte machen und diese Aufklärung verhindert. Die sensationsgeilen Medien berichten natürlich nur über die 2000 gewaltbereiten Radalierer die bei 50.000 Demonstranten nur 4% ausmachen. Rechten Politiker kommt das natürlich sehr gelegen. Denn schon posaunt Beckstein ein härteres Vorgehen gegen Demonstranten aus und meint damit wohl (bewusst?) einen weiteren Abbau der Bürgerrechte und zwar für ALLE BÜRGER.

    • zorc
    • 03.06.2007 um 17:03 Uhr

    Michael Schlieben: "Schlimmer noch: Die Steinewerfer, brutalen Schläger und Provokateure, die offenkundig nur auf Gewalt aus waren, diskreditierten gleich zu Beginn die gesamte Anti-G8-Bewegung." - Schlimmer noch ist in meinen Augen eher, dass eine intellektuell doch eigentlich ganz respektable Zeitung wie die ZEIT so einen Unsinn durchgehen lässt (oder gezielt im Blatt platziert).
    Auf welche Weise diskreditiert denn gewalttätiger Protest den friedlichen? Verlieren die Argumente friedlicher Demonstranten gegen den Gipfel an Stichhaltigkeit, weil andere Demonstranten Steine werfen? Wenn ja, wüsste man gerne mehr über den geistigen Rösselsprung, der das möglich macht.
    Wenn nein, bleibt der Verdacht, dass der Autor und seine Redaktion die Gelegenheit nutzen, die Ausschreitungen von Rostock zum Anlass nehmen, einen billigen Treffer wider den G8-Protest zu landen, einen Treffer, dessen Fadenscheinigkeit man sich schämt.

  4. Ich halte es für eine großartige Idee, daß sich die Chefs der führenden 8 Industrienationen treffen und gewisse LEtilinien der Politik miteinander absprechen. Hervorragend! Sicher, es fehlen einige wichtige Staatschefs bei diesen Besprechungen - BRIC etc. - aber immerhin. Wieso demonstriert man dagegen? Wenn es k e i n e n G8-Gipfel gäbe, d a n n müßte man demonstrieren!

    Zum ZEIT-Artikel: Ich bitte doch, fein zu unterscheiden, und Steinewerfer nicht immer zu "Globalisierungsgegnern" zu adeln. Diese Leute sind einfach "Polizistengegner" - und sonst gar nichts.

    Zitat Helmut Schmidt: "Sie bestreiten alles - nur nicht ihren Lebensunterhalt!" (In der Notstandsgesetzdebatte '68)

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    • zorc
    • 03.06.2007 um 17:39 Uhr

    Thomas bittet "doch fein zu unterscheiden und Steinewerfer nicht immer zu 'Globalisierungsgegnern' zu adeln. Diese Leute sind einfach 'Polizistengegner' - und sonst gar nichts." - Waren also nur Steinewerfer da in Rostock, und gar keine Globalisierungsgegner? Oder was will das Posting uns sagen?

    • zorc
    • 03.06.2007 um 17:39 Uhr

    Thomas bittet "doch fein zu unterscheiden und Steinewerfer nicht immer zu 'Globalisierungsgegnern' zu adeln. Diese Leute sind einfach 'Polizistengegner' - und sonst gar nichts." - Waren also nur Steinewerfer da in Rostock, und gar keine Globalisierungsgegner? Oder was will das Posting uns sagen?

    • zorc
    • 03.06.2007 um 17:39 Uhr

    Thomas bittet "doch fein zu unterscheiden und Steinewerfer nicht immer zu 'Globalisierungsgegnern' zu adeln. Diese Leute sind einfach 'Polizistengegner' - und sonst gar nichts." - Waren also nur Steinewerfer da in Rostock, und gar keine Globalisierungsgegner? Oder was will das Posting uns sagen?

  5. Bzw. versuchen sie das, wie man das sehr klar an der Manipulation der Demo-Teilnehmer-Zahlen sehen kann. Danke für den Beitrag von dreisat.
    Weitere Hinweise, dass hier unsauber gearbeitet wurde und wird, auch bei führenden Gegnern, sind:

    Es war dies keine bunte Gegendemonstration, sondern eine rot-dunkelrot-grüne, wie man an den (auf Phönix gesendeten) Rednern sehr gut ablesen konnte. (Ich habe keinen Redner einer christlichen Gruppe gehört, auch keine liberalen (oder, was ich aber akzeptieren könnte, einen braunen - gerade die waren und sind ja aber auch dagegen...!)
    Wieso wurde die Veranstaltung nicht von dem Sprecher von attac eröffnet? Ich habe in der gesendeten Zeit keinen attac-Redner gehört! Dabei schien oder scheint, so dachte man, attac hier ja der Hauptakteur zu sein!

    Nun zu einem inhaltlichen Aspekt. Es heißt, bei attac und anderen immer wieder, dass dieses Treffen illegal sei. Das kann ich so nicht erkennen. Auch für Staaten sollte es doch Versammlungsfreiheit geben und die Möglichkeit für legale Absprachen, im Rahmen der UNO oder darüber hinaus. Auch innerhalb der EU gab es ja die deutsch-französische Achse, ohne dass man hier diese nun als illegal hingestellt hätte.
    Gleichwohl ist es wahr und kritikwürdig, dass so die Schwäche der UNO nicht überwunden, sondern eher umgangen und legal ausgenutzt wird - anstatt diese durch eine grundlegende Strukturreform zu stärken.

    Auch ansonsten fand ich, dass inhaltliche Seite hier nicht kloßbrühenklar, sondern kloßbrühendünn waren - auch hier stehen die Kritiker mit "den" G-8-Führen auf einer Stufe.
    Traurig, all dies.

  6. Und mit Ihr sind auch viele Politiker, Journalisten, Übertreiber, verkappte Ideologen, Verfassungsschützer und alle gemeint, die durch die Heraufbeschwörung von Gefahr und Gewalt mehr Geld verdienen.

    Das Autonome mit Vorliebe zum Ende einer Demonstration hin, wenn die ersten Demonstranten in Gedanken bereits in einer netten Runde beisammen sitzen und ein Bierchen trinken, ihre Show abziehen, ist seit Jahren bekannt.

    Deshalb ist es ein Unding, jetzt den Verlust der Unschuld der Protestbewegung in den Vordergrund zu stellen. Fakt ist, dass die, die "das Beste zum Schluss" wollen, immer ihr Ziel erreichen können. Auch ein G.W. Bush will das Beste zum Schluss und knallt einfach dann neue Vorschläge auf den Tisch, wenn die anderen Spitzenpolitiker an Kompromissen feilen.

    Angesichts dieser Ausgangssituation ist es geradezu pervers, den Protest auch nur in irgendeiner Weise in Frage zu stellen. Das Problem ist doch, dass die wirklich Mächtigen sich diese Krawalle sogar gern in der Tagesschau ansehen, da ihre Position dadurch gestärkt wird.

    Deshalb ist andererseits die Frage mehr als berechtigt, was den modernen Rechtsstaat eigentlich davon abhält, am Ende einer Demonstration möglichst viele Vermummte erkennungsdienstlich zu behandeln?

    Gegen einen starken Rechtsstaat hätte bestimmt niemand was einzuwenden, gegen einen erbärmlichen Poizeistaat dagegen schon.

    Die Ereignisse von Rostock zeigen nur, dass der Politik der Sinn für zielgerichtetes lokales Handeln abhanden gekommen ist. Sie gibt vor die grosse Harmonie zu wollen und erreicht damit nur, dass immer kleinere Kreise immer mehr Macht bekommen - in diesem Fall eben leider auch schlagkräftige Gruppen, die ihr Recht auf Gewalt immer eindrucksvoller unter Beweis zu stellen gewillt sind.

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