Schule Schachzug gegen zappelige Schüler
Schon eine Stunde Schach pro Woche soll beim Lernen helfen. Das Brettspiel erlebt an Hamburger Schulen gerade einen regelrechten Boom und ist gar nicht uncool
Die Schulglocke hat im Hamburger Gymnasium Christianeum eben die fünfte Stunde beendet. Draußen auf dem Gang lärmt es, drinnen klappt Schachtrainer Bernhard Berking die Tafel auf und stellt ein großes gelb-schwarz kariertes Magnetfeld auf die Kreideablage. Die üblichen Vorbereitungen seiner wöchentlichen Schach-Arbeitsgemeinschaft für Klasse sechs und sieben. Berking, erster Vorsitzender des Schachvereins Blankenese, war bis vor Kurzem noch Physik-Professor an der Hamburger Universität. Jetzt ist er im Ruhestand. Doch im Grunde ist er ruhelos. Immer unterwegs in Sachen Schach.
Er trägt zu einem Trend bei, dem bundesweit bereits über 100.000 Schüler folgen: Schulschach. Im Zuge der Einführung von Ganztagsschulen erlebt das königliche Spiel in Hamburg gerade einen mächtigen Aufschwung.
„Es fragen sogar Grundschulen an. Meine Kollegen und ich hetzen schon von einer Schule zur nächsten. Eigentlich wollen wir die Lehrer zu Trainern auszubilden. Aber bei dem derzeitigen Arbeitszeitmodell haben die Pädagogen kaum noch Zeit dafür.“ Dabei würde Berking es begrüßen, wenn sich mehr Lehrkräfte in Wochenendseminaren mit dem Schulschachpatent ausstatten ließen. Das Patent wurde 2001 von der Deutschen Schachjugend und der Deutschen Schulschachstiftung mit dem Ziel entwickelt, in jeder Schule Deutschlands eine ausgebildete Lehrkraft für Schach zu etablieren.
Es ist kurz nach 12 Uhr. Jede AG-Stunde beginnt mit Theorie. Thema heute: dem Schach ausweichen. In einem Durcheinander aus Fingerschnipsen und Sprachfetzen rufen die Schüler, wie sie die Aufgabe an der Tafel bewältigen würden. Kai, ein blonder Lockenkopf, setzt sich wie so oft durch.
Die Tür fliegt auf. Nachzügler Max poltert herein, unter dem Arm einen Fußball. Außer Puste und mit roten Wangen drängelt er sich dazu, während Berking erneut ermahnen muss. „Yannick, sammel’ deine Gedanken in Ruhe! Und nimm bitte die Füße vom Tisch.“ Ungewohnter Lehreralltag für einen, der früher schlummernde Studenten wecken musste. Die zwölf Schüler benehmen sich nicht gerade so, wie es die Schach-Etikette vorschreibt. Und sehen auch nicht aus, wie man sich Schachspieler vorstellt. Keine pickeligen Streber mit Hornbrille, keine Eigenbrötler. Im Gegenteil. Eigentlich wirken die Jungs zu cool für Schach. Paul hat schulterlange Haare und trägt eine Halskette. Max hat Bolzschuhe an, auch Kasper und Konstantin passen optisch eher in die Kategorie „wilde Kerle“.
„In anderen Ländern wie der Türkei und Russland ist Schach sogar Nationalsport und alles andere als uncool“, sagt Björn Lengwenus, Fachausschuss-Vorsitzender für Schach in der Hansestadt. Er versucht das Image des Spiels in Hamburg aufzupolieren. Bei Schauturnieren der Sportjugend in sozialen Brennpunkten ist sein Stand immer gerappelt voll: „Bei uns ist mehr los als beim Basketball oder Streetsoccer.“
In Jungs-Cliquen gilt Schach nicht nur als Strategiespiel, es gleicht häufig einem Kampfspiel. Mädchen interessieren sich bisher kaum dafür. Schachvereine haben im Schnitt höchstens einen weiblichen Anteil von 15 Prozent und in den Schul-AGs sieht das nicht anders aus. „Schach ist Jungssache“, bestätigt auch Kirsten Siebarth, Schulreferentin bei der Deutschen Schachjugend. Daran sei zum einen die Erziehung schuld, weil Mädchen eher zu weiblichen Hobbys wie Singen und Tanzen ermutigt würden. Siebarth hat jedoch auch beobachtet: „Jungs wollen immer ihre Kräfte messen und gewinnen. Wenn aber zwei Freundinnen gegeneinander spielen, kann es schon mal tränenreich werden, weil keine der anderen wehtun will." Dass Schach dann auch noch vorrangig von Männern angeleitet wird, erhöhe nicht gerade die Sogwirkung auf Mädchen.
12.20 Uhr, Schluss mit Theorie. Endlich wird gespielt. Die Schüler springen von den Tischen. Ruckzuck sind die Plastikspielfelder verteilt und aufgeklappt. Noch während sie die Figuren in Reihen aufstellen, losen Kai und Paul um den Anfang. Nur keine Zeit verlieren. Im Zehnsekundentakt verschieben sie die ersten Figuren mal vertikal, mal diagonal über das Feld. Getuschel, Geklapper und Stuhlgerücke. Berking muss noch ein letztes Mal um Konzentration bitten.
Laut zahlreichen ausländischen Untersuchungen ist Schach optimal geeignet, die Konzentration zu fördern. Dies zeigt nun auch erstmals eine deutsche Studie der Universität Trier. Über einen Zeitraum von vier Jahren wurde an zwei Grundschulklassen die Entwicklung der Schüler in verschiedenen Bereichen miteinander verglichen. Nur eine Klasse erhielt regelmäßiges Schachtraining. Schach soll – laut Studie – die räumliche Vorstellungskraft verbessern sowie Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit steigern.
- Datum 06.06.2007 - 12:42 Uhr
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Natürlich freue ich mich immer wieder, wenn "mein" Sport mal wieder in den Medien auftaucht.
Andererseits kommen mir als demjenigen der bei uns das Schülerschach betreut immer mal wieder Leute in die Quere, die scheinbar vom Schach wahre Wunder erwarten.
Deshalb noch eine Anmerkung an alle Eltern:
Schach kann die Konzentration fördern.
Auch sehr "aktive" Jugendliche entwickeln manches Mal eine verblüffende Ausdauer und Begeisterung für's Spiel.
Aber Schach ist mit Sicherheit kein Mittel, um Konzentrationsstörungen zu "behandeln".
Bringen sie ihre Kinder ruhig mal vorbei, wir freuen uns über jeden. Auch über laute, unruhige, "zappelige" Kinder. War ja selber so einer.
Aber wenn ihre Kinder keinen Spaß dran haben, wenn ihnen der Betreuer relativ deutlich zu verstehen gibt, dass ihr Kind keinen Spaß am Spiel hat und den Betrieb eher aufhält - dann haben sie bitte ein Einsehen. Auch sind fast alle Betreuer _keine_ pädagogisch geschulten Fachkräfte sondern "nur" begeisterte Spieler die gerne mit Kindern arbeiten.
Letztlich ist es ein (unglaublich faszinierendes, forderndes, vielseitiges) Spiel.
Oh, und noch was nebenbei, auch Schachspieler können Tanzen und Tänzer Schach spielen. Bin selbst in beiden Welten zuhause, wenn auch jeweils nur "professionelles Mittelmaß" (HGR B Latein / ~1600 DWZ). Und beides sind tolle Sportarten.
Am besten die Kinder alles ausprobieren lassen...
... Michael Rehder,
es ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, wenn Schach zappeligen Schülern zu mehr Konzentrationsfähigkeit und Ruhe verhilft. Das haben Sie ja auch schön hervorgehoben.
Aber warum müssen Sie- als Journalist der Zeit doch ein Journalist mit Anspruch- dabei so viele Klischees in diesen paar Zeilen unterbringen, daß sogar Sabine Christiansen stolz auf Sie wäre? Wann begreifen auch Sie, daß
- nicht jeder Student schlummert, erst recht nicht Physik-Studenten
- nicht jeder Schachspieler ein pickliger, eigenbrötlerischer Streber mit Hornbrille ist
- es keine "Schach-Etikette" gibt
- nicht jeder Schachspieler eine zahme Memme ist (oder was auch immer das Gegenteil eines "wilden Kerls" ist)
- nicht jeder Artikel über Schach mit "schachmatt" enden muß?
Vermutlich sollten Sie mit ihren Bolzschuhen besser Streetsoccer spielen.
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