Online-Markt Neues vom NextwebSeite 2/2

Doch vor jedem Markterfolg im Internet müssen die Benutzer überzeugt werden, dem Angebot Aufmerksamkeit zu schenken. Das ist eine der größten Schwierigkeiten, geht es doch um eine der knappsten Ressourcen im 21. Jahrhundert: um Zeit. Das große Schlagwort nach Wikis, Blogs, Social Networks und Web 2.0 wird darum womöglich „Revenue Sharing“ heißen: Dienste beteiligen ihre Nutzer an Werbeerlösen.

Den umgekehrten Weg will TipIt.to gehen: Hier wird nicht der Nutzer an den Einnahmen beteiligt – sondern die Nutzer können an die Betreiber oder Nutzer einer Website einen „Tip“, also ein Trinkgeld geben, 50 Cent, einen Euro, Kleingeld halt. Das Problem bisher: Bei Kleinstbeträgen sind die Überweisungskosten manchmal größer als die überwiesene Summe. Das betrifft beispielsweise den User, der einem Blogbetreiber ein paar Cent als Anerkennung zukommen lassen möchte. TipIt.to sammelt zunächst die diversen Trinkgelder eines Nutzers virtuell ein. Kassiert wird erst dann, wenn genug Geld zusammengekommen ist, dass sich die Transaktion lohnt.

WidSets ist schon ein gutes Stück des Weges gegangen. Die Firma ist eine Ausgründung des finnischen Mobiltelefonherstellers Nokia – aber stellt seine Dienste herstellerunabhängig zur Verfügung. WidSets hat sich darauf spezialisiert, kleine sogenannte Widgets auf Mobiltelefone zu übertragen. Mit wenigen Mausklicks können User sich diese kleinen Anwendungen kostenlos – abgesehen von den Kosten für Datentransfer bei ihren Mobilfunkprovidern – auf ihr Telefon übertragen. So lassen sich zum Beispiel Dienste wie Twitter, Weblogs, Wikipedia oder eBay unterwegs einfach nutzen. WidSets stellte sich vor einem Jahr in Amsterdam vor – und durchbrach Ende Mai 2007 nach eigenen Angaben die 1-Million-Benutzer-Marke. Zwar liegt Europa bei der Nutzung mobiler Geräte deutlich hinter einigen asiatischen Ländern wie Japan oder Südkorea. Doch die USA liegen hier, ähnlich wie bei breitbandigen Internetanbindungen, deutlich hinter dem europäischen Standard zurück.

Saul Klein sieht die europäischen Bemühungen „wie ein Puzzle, das noch nicht zusammengesetzt ist“. Vielversprechende Firmen wie der Onlinefernsehdienst Joost oder die RSS-Feed-Community Netvibes , auf der man die Angebote verschiedenster Seiten dem eigenen Geschmack entsprechend zusammenstellen kann und die über 10 Millionen Nutzer hat, von denen viele in den USA leben, zeigten, was aus Europa heraus alles möglich sei. Nur dürften sich Gründer nicht an nationalen Grenzen orientieren. Das sei insbesondere für deutsche Gründer ein Problem, da das Land groß genug für eine eigenständige Entwicklung ist, aber nicht groß genug, um im internationalen Konzert eine führende Rolle zu spielen. Der deutsche Sprachraum ist gleichermaßen für ausländische Firmen schwer zu knacken – anders als in Ländern Skandinaviens oder auch den Niederlanden sind in Deutschland vor allem deutschsprachige Lösungen populär.

Die Vertreter von Kapitalgebern zeigten sich in Amsterdam erfreut über die Vielzahl interessanter kleiner Start-ups, die sich auf der Suche nach Öffentlichkeit und Kapital im Tuschinski-Theater einfanden. Finanzier Klein rechnet damit, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann das erste milliardenschwere Start-up aus Europa kommen wird. Ob es ausgerechnet die virtuellen Grabsteine von Respectance.com sein werden, darf man allerdings bezweifeln.

Welche Entwicklungen erwarten Sie in den kommenden zwei Jahren? Welche Webanwendung vermissen Sie? Schreiben Sie Ihre Gedanken zum “Next Web” in den Kommentaren auf – ZEIT online diskutiert mit.

 
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