Schule ContraSeite 2/2
In der Tat gibt es hinreichend empirische Hinweise darauf, dass Mädchenkurse oder -klassen leicht in Gefahr geraten, als "Nachhilfe" oder doch weniger anspruchs- und niveauvoll stigmatisiert zu werden. Allzu leicht wird diese Außeneinschätzung von den Mädchen in das eigene Selbstbild übernommen. Die Widerlegung ist ja auch schwierig - abwesende Jungen lassen sich leicht idealisieren. Und reine Jungenkurse werden auch häufig eher als "Spezialisten-Gruppen" etikettiert oder auf "Spitzenleistungen" - zum Beispiel in Bereichen wie Technik, Informatik - orientiert.
Im alltäglichen Vergleich kann man zwar oft feststellen, dass die behauptete Überlegenheit bei näherem Hinsehen oft recht schnell schwindet. Umgekehrt können Jungen sich im getrennten Unterricht besser immunisieren gegen Zweifel an der eigenen Überlegenheit, gerade auf "männlichem Terrain". Sehr nachdenklich gestimmt haben mich jedenfalls in einer eigenen Untersuchung Äußerungen von Schülern eines Jungengymnasiums, die mit großer Überzeugung die Ansicht vertraten, das Niveau der Schule - insbesondere des naturwissenschaftlichen Unterrichts - müsse zwangsläufig durch die Anwesenheit von Mädchen sinken. Ihre Geschlechtsgenossen aus koedukativen Klassen betonten dagegen weit stärker, dass die Leistungsfähigkeit unabhängig vom Geschlecht von den Interessen für ein Fach abhinge. Trennung kann also im ungünstigen Falle Gegensätze verschärfen und gegenseitiges Lernen voneinander verhindern.
Mein prinzipieller Vorbehalt erklärt sich daraus, dass durch getrennten Unterricht die Kategorie Geschlecht in der Schule in ganz unangemessener Weise betont und unreflektiert als Merkmal für äußere Differenzierung benutzt wird. Verschiedenheit wird nicht zwischen Individuen wahrgenommen, zugelassen, sogar geschätzt und als Ausgangspunkt für Lernprozesse fruchtbar gemacht - sondern sie wird an Gruppenzugehörigkeit gebunden, die zutage geförderten Erkenntnisse über die großen Unterschiede innerhalb der jeweiligen Geschlechter werden nivelliert. Damit werden aber gleichzeitig stereotype Erwartungen und Anforderungen an Mädchen wie Jungen - häufig gegen die erklärte Absicht - transportiert und affirmativ bestätigt. Auch wenn es als Kompliment gilt, "untypisch" zu sein, wird die Bedeutung der Kategorie Geschlecht hervorgehoben, die Geltung der prinzipiellen Unterschiedlichkeit beschworen. Gerade aus der "Ausnahmeposition" wird ja Bestätigung und Verstärkung bezogen. Solch paradoxe Effekte lassen sich an vielen Beispielen aufzeigen.
Über die Modalitäten von Trennung muss sehr sorgfältig pädagogisch reflektiert werden, sonst ist der Rückschritt vorprogrammiert.
Die Autorin Marianne Horstkemper ist Professorin an der Universität Potsdam, am Institut für
Erziehungswissenschaft.
Der Text ist in der Zeitschrift Pädagogik, 58. Jg., Heft 1/2006, S. 50, in leicht veränderter Form erschienen.
- Datum 06.06.2007 - 14:11 Uhr
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