Große Koalition Zurück zum Alltag

Nach den Höhen des G8-Gipfels muss sich die Kanzlerin nun wieder mit den kleinen und großen Koalitionsstreitereien herumplagen - und einem immer widerspenstigeren Koalitionspartner

Die schönen Gipfeltage sind für Angela Merkel eindeutig vorbei. Ein Blick in die Zeitungen und Agenturmeldungen dieses Montags  reicht: Nach dem Treffen mit Bush, Putin und den übrigen Großen der Welt, nach prestigeträchtigen Themen wie Klimawandel und Armutsbekämpfung wartet nun wieder das trockene Alltagsgezerre um Mindestlohn, Erbschaftssteuer, Pflegeversicherung auf sie und die restliche Regierung.

Beispiel Pflege: Die designierte SPD-Vize Andrea Nahles warf der Union nichts Geringeres als Vertragsbruch vor. "Seit Monaten stellen wir fest, dass die Union zu notwendigen Sozialreformen nicht mehr bereit ist und etwa bei der Pflege sogar Vereinbarungen aus dem Koalitionsvertrag bricht", sagte Nahles der Frankfurter Rundschau . Das verspricht kein guter Wochenanfang für die Kanzlerin zu werden.

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Herftiger noch der Gastbeitrag des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung . Als Kampfansage an den Koalitionspartner kann man diesen Artikel durchaus verstehen - oder auch als Versuch des Pfälzers, sich nach den Gipfel-Tagen der Kanzlerin auch mal wieder bemerkbar zu machen. Die Union hänge dem Neoliberalismus an, der eine "Ideologie ohne Erdung" darstelle, schreibt Beck. Von einem „Wegducken vor den sozialen Herausforderungen unserer Zeit“ ist die Rede, der Union unterstellt Beck, Freiheit gegenüber sozialer Verantwortung zu bevorzugen.

Allerdings stelle er sich derart ungeschickt an bei seinem Versuch, Merkel zu schaden, findet die Financial Times Deutschland , dass die sich nicht sorgen müsse. Der Vorwurf, die Union rede einer neoliberalen und angeblich unsozialen Politik das Wort, die "den solidarischen Bürger zum egoistischen Bourgeois zurückentwickeln will", werde von der Wirklichkeit widerlegt. Eine klar wirtschaftsliberale Politik traue sich die Union spätestens seit dem schlechten Ergebnis bei der Bundestagswahl 2005 nicht mehr anzubieten. Abgesehen davon sorge die SPD selbst durch ihre Regierungsbeteiligung dafür, dass Becks Behauptungen nicht wahr werden. Für eine Trendwende in der Wählergunst und bessere Umfragewerte für den blassen Beck werden die „so schrillen deplatziert wirkenden Töne“ sicher nicht reichen.

Die Badische Zeitung bewertet das ähnlich. Kurt Beck sei wenig geholfen, wenn er als möglicher Kanzlerinnen-Herausforderer wahlweise als „Polterer oder Nörgler“ dasteht. „Beck sollte auf seinen Ton achten. Zu viel Lautstärke schadet.“

Doch wozu diese von den Kommentatoren einhellig kritisierte Schrillheit Becks? Schreit hier jemand, der glaubt, nicht anders auf sich aufmerksam machen zu können? Die Leipziger Volkszeitung schreibt, er handele aus dem massivem Erfolgsdruck heraus, „sich endlich aus der strategischen Einkesselung durch die populistische Linkspartei auf der einen und der populären Kanzlerin auf der anderen Seite zu befreien“. Von einem „nervösen Koalitionspartner“ der Union, „der um sein Profil bangt“, schreibt die Märkische Allgemeine . Die Kanzlerin werde zeigen müssen, ob ihr diplomatisches Fingerspitzengefühl auch im Inneren funktioniert.

Leser-Kommentare
  1. Adrian Pohr schreibt:
    So malt die [Süddeutsche] Zeitung ein Horrorszenario für die Parteien. "Sollten Union und SPD tatsächlich glauben, es reiche, den Bürgern bis Herbst 2009 nur noch Wahlkampf zu bieten, werden sie teuer bezahlen müssen." Die Folge wäre nämlich nicht, dass der eine Koalitionspartner auf Kosten des anderen zulege, sondern dass die Wähler beiden Parteien den Rücken kehrten. "Am Ende stünde dann die Höchststrafe für Beck, Kauder & Co.: noch einmal vier Jahre Große Koalition." Und das haben wir nun aus allen Mündern oft genug gehört: Das will wirklich niemand.

    Solange um die 10% der Deutschen glauben, ihre Stimme an eine populistische Partei am äußersten linken Rand verschwenden zu müssen, wird es so oder so noch einmal zu vier Jahren Großer Koalition kommen.

    Hier offenbart sich der Schwachpunkt unseres perfekt demokratischen Verhältniswahlrechts: Dass eine kleine, extremistische Partei mit gerade mal 10% Stimmenanteil in der Lage ist, die gesamte Politik in Geiselhaft zu nehmen.

    Die Franzosen können sich in diesen Tagen glücklich schätzen, dass sie ihren Präsidenten und ihr Parlament nach einem System wählen, das für klare Mehrheiten sorgt: dem Mehrheitswahlrecht!

    • ambln
    • 12.06.2007 um 14:36 Uhr

    Das reflexhafte Angstbeissen der SPD nervt langsam aber sicher wirklich. Es ist, programmatisch und inhaltlich gesehen, sehr ruhig um unsere Sozialdemokraten geworden. Außer punktuellen Sticheleien und kurzatmigen Attacken dringt wenig aus dem Willy-Brandt-Haus. Und Vernünftiges ist offensichtlich kaum dabei.

    Das hat eine einfache Ursache: die SPD ist in den Schraubstock zwischen der realpolitischen Mitte, die sich von der Union weitaus glaubhafter vertreten sieht, als es die SPD seit der letzten Wahl geschafft hat, und der ideologiegetriebenen Politik der Linken, bei der sich die ehemaligen sozialdemokratischen Kämpfernaturen eher verstanden fühlen, geraten. Es gelingt ihr seit geraumer Zeit nicht mehr, glaubhaft Inhalte und Ziele zu vermitteln, für die sie gerne stehen würde. Dafür kann allerdings auch Kurt Beck wenig. Die der Politik der SPD zu Grunde liegenden sozioökonomischen Rahmenbedingungen stimmen einfach nicht mehr. Und die klassische sozialdemokratische Wählerschaft verschwindet somit langsam aber sicher, sozial entweder nach oben oder unten oder, aus Desinteresse und Unglaube an der Politik einfach vollkommen. Und das wird Beck mittelfristig den Kopf kosten.

    Dass die SPD unter diesem seit langer Zeit ansehbaren Druck kein neues Godesberger Programm aus der Tasche zieht, ist klar. Zu sehr hängt man an der Macht, da können schon geringe Korrekturen am politischen Kurs oder Zugeständnisse an veränderte Verhältnisse zum Verhängnis für die Führungsstruktur der Partei werden- und somit auch für die große Koalition. Dass die Partei nun versucht, mit den politisch weit auseinanderstehenden Charakteren Andrea Nahles, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier als stellvertretende Parteivorsitzende zu reüssieren, zeigt die innere Zerissenheit und Widersprüchlichkeit, aus der die SPD bisher keinen Ausweg finden kann.

    Lösung wäre eine ehrliche Konfrontation mit der Realität und eine saubere und zielgerichtete Aufarbeitung der eigenen politischen Inhalte und Zielvorstellungen. Anders wird die SPD in arge Schwierigkeiten kommen. Die Union langfristig jedoch auch. Weil das nicht absehbar ist, werden die Parteien am Rande des politischen Spektrums vermehrt Zulauf bekommen. Es wird Ihnen zwar anfangs nicht gelingen, eigene Ziele erfolgreich umzusetzen, aber in einer Legislaturperiode lässt sich ja so einiges lernen. Diesem Szenario und der damit verbundenen Verantwortung müssen sich unsere Volksparteien und deren Mitglieder stellen. Ansonsten droht eine zunehmende Polarisierung und Zersplitterung der Politik, die in leeren Worthülsen und kompletter Unfähigkeit zur Umsetzung notwendiger Maßnahmen resultieren wird. Und damit die Grundpfeiler unserer Sozialdemokratie und damit unseres Wohlstandes beschädigen oder vielleicht sogar zerstören wird.

    Dem Neoliberalismus der Freiburger Schule, von Müller-Armack und Erhard verdanken wir übrigens das Konstrukt, das wir soziale Demokratie nennen und dem die SPD so herzlich verbunden sein will. Wer anderen Parteien Neoliberalismus vorwirft, rückt sich damit in eine unannehmbar linkskonservative Ecke- oder soll der Bürger den Staat, der ohnehin alles besser weiss als das Individuum, nicht doch einfach mal schalten und walten lassen? Auch, wenn sich das die SPD- Träumer das vielleicht vorstellen: solange die politische Situation so ist, wie sie ist, kann die Antwort auf diese Frage nur ein ganz entschiedenes "Nein" sein.

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