Fast täglich rüttelt jemand am dreigliedrigen deutschen Schulsystem und der mit ihm verbundenen Pädagogik. Da schreiben mehr als 100 Rektoren von Hauptschulen aus der Bodenseegegend ihrem Kultusminister in Stuttgart, dass die Hauptschule die Jugendlichen nicht mehr ins Leben führt, sondern in eine Sackgasse. Da findet ein Kongress mit dem Titel „Eine Schule für alle“ statt. Da scheinen sich Gewerkschaften und Unternehmerverbände in der Forderung, die Hauptschulen abzuschaffen, fast einig. „Das Kernproblem in Deutschland“, analysierte der Handwerkstag in Baden-Württemberg, sei, „dass der Lernprozess nicht individuell an den Entwicklungsstand der Schüler gekoppelt ist.“ Das gegliederte Schulsystem verführe die Schulen, „die Kinder nach einem Einheitskonzept zu unterrichten“. Wenn bereits für die Zehnjährigen feststeht, dass dieser ein geborener Hauptschüler sei und jener ein Realschüler oder ein Gymnasiast, warum sich dann noch sehr um die verschlungenen Lernbiografien kümmern?

Die von so verschiedenen Gruppen vorgebrachten Argumente lassen auf einen Konsens der Vernünftigen hoffen. Und dennoch scheint es schier unmöglich, das überfällige dreigliedrige Schulsystem zu beerdigen und sich mit einer Gemeinschaftsschule anzufreunden. Schon das Wort dreigliedriges Schulsystem führt in die Irre. Eine Gruppe von Kindern wird nämlich völlig vergessen, die Sonderschüler. Dabei gehen nirgendwo auf der Welt so viele dorthin wie hierzulande. Fast fünf Prozent. In vielen Ländern wurden die Sonderschulen abgeschafft. Allen voran wieder mal die skandinavischen Länder. Dort kann man fantastische Geschichten vom Durchstarten vernachlässigter oder gehandicapter Kinder hören, die man früher auf Sonderschulen geschickt hätte. Aber die Schule für alle steht in Deutschland im Verdacht, eine Anstalt pädagogischer Gleichmacherei zu sein und nicht der Ort, wo man in der Verschiedenheit der Menschen eine Chance sieht. So steht am Ende manch eines Reformversuchs noch eine weitere Schulform.

Die Hamburger Schulsenatorin Alexandra Dinges-Dierig (CDU) hat kürzlich acht verschiedene parallele Schulformen in der Sekundarstufe aufgezählt. Die integrierte Haupt- und Realschule, und die additive, kooperative oder integrierte Gesamtschule. Die mutige Bildungspolitikerin, die aber vielleicht doch nicht mutig genug ist, hat sich mit ein paar Wackeren in ihrer Partei nun zu einem zweigliedrigen System durchgerungen. Sie konnte auch die Hamburger SPD zu einem Ja-aber bewegen. Viele nennen das einen historischen Kompromiss. Es wird in Hamburg bald keine Hauptschulen mehr geben. Auch keine Gesamtschulen und Realschulen, sondern nur noch die neu erfundene Stadtteilschule und das alte, manchmal ehrwürdige, zumeist aber langweilige und fantasielose Gymnasium.

Die neue Stadtteilschule hält alle Bildungswege offen. Sie führt zur Hochschulberechtigung, übrigens in 13 Jahren. Aber man kann vorher mit anderen Abschlüssen in eine Berufsausbildung gehen. Die Stadtteilschule soll das praktische und theoretische Lernen zusammenbringen. Hört sich gut an. Pläne zum handlungsorientierten Lernen werden vorbereitet. Mehr Sozialpädagogen, Psychologen und überhaupt mehr Ressourcen soll diese Schule bekommen. Wozu dann noch das Gymnasium? „Der einzige Unterschied“, sagt die Senatorin, „das Gymnasium setzt eng auf das Abitur nach 8 Jahren, da gibt es keine anderen Schulabschlüsse, es gibt nur Gleichwertigkeitsbescheinigungen, es geht streng durch zum Abitur.“ Und dann fügt sie, ihre Vorliebe für die neue Schule nicht verbergend, hinzu: „Der andere Weg wird flexibler, er bietet mehr als das Gymnasium.“ So stellt sich verschärft die Frage: Warum dann noch das Gymnasium, wenn die Stadtteilschule den Weg zum Abitur einschließt und mehr bietet? Warum dann nicht gleich Gemeinschaftsschulen nach skandinavischem Vorbild? Also Schulen, in denen die Kinder als Individuen behandelt werden und nicht in Schubladen gepackt werden?

Mehr als 50 Prozent der Eltern schicken ihre Kinder zum Beispiel in Hamburg zum Gymnasium. Sie versprechen sich davon Aufstieg und einen Platz auf der Sonnenseite der Gesellschaft. Für den Schatten sind dann die anderen Schulen zuständig. Kein Politiker, der gewählt werden will, wird sich mit dieser Mehrheit, der sogenannten Gymnasialklientel anlegen. Allerdings sind es diese Eltern, die das Gymnasium nun zur Mehrheitsschule, also einer quasi Gesamtschule ohne die etwas schwierigeren Kinder machen.