Schon die Auftaktveranstaltung offenbarte das ganze Dilemma. Über zwei Stunden lang hatten vier Experten in der Rostocker Nikolaikirche zu ihrem jeweiligen Spezialgebiet referiert: Jean Ziegler, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Thuli Makama, eine aufs Umweltrecht spezialisierte Anwältin, Madjiguene Cissé, die Frauenprojekte im Senegal leitet, sowie Annelie Buntenbach, die Frau mit der tiefen Stimme vom DGB-Bundesvorstand. Die Kirche war gut gefüllt, das Publikum jung und international.

Als es anschließend an die Fragerunde geht, schnappt sich eine junge Frau mit blauem Stirnband das Mikrofon auf dem Altar – und startet einen Protestaufruf gegen die globale Textilindustrie: „Bitte kauft diese Produkte nicht, da klebt Blut dran!“ Die nächste Globalisierungsgegnerin trägt ein schickes Kostüm, sie schimpft auf die bestehenden Fischereiabkommen: „Dagegen muss man sich richten, dazu haben Sie leider kein einziges Wort gesagt!“ Danach ist ein älterer Herr im orangefarbenen Pullover an der Reihe. Auch er stellt keine Frage an das Podium, sondern poltert: „Wir müssen viel mehr über Widerstandsformen reden!“ Angetrieben vom Applaus, redete er sich in Rage: „Was wir brauchen ist ein Generalstreik für ganz Europa!“, ruft er in das Kirchenschiff hinein. Das Auditorium klatscht so heftig wie den ganzen Abend lang nicht.

Symptomatisch zeigte der Auftakt zum Rostocker Alternativgipfel, wie schwierig es den Globalisierungskritikern fällt, den Protest auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Globalisierungskritik ist nun einmal nicht gleich Globalisierungskritik. Hinter diesem Oberbegriff verbirgt sich ein buntes Sammelsurium von Weltanschauungen, Strömungen und Leidensgeschichten. Ein kurzer Blick ins Programmheft der über 120 Veranstaltungen zeigt, wie breit das Spektrum derer ist, die sich als Globalisierungskritiker in Szene setzen: Der Linksruck debattierte am Mittwochnachmittag über die „Islamophobie“, zeitgleich boten Feministinnen einen emanzipierten Bastel-Workshop an. Während der eine Workshop der Frage nachging, „was ist Trotzkismus?“, wollte Attac wissen: „Wem gehört die Welt?“.

„Es gibt kein einheitliches Programm der Globalisierungsgegner“, sagt Elmar Altvater, ein altlinker Ökonom und Soziologe aus Berlin, den seine Schüler als „Papst“ der Anti-Globalisierungsbewegung in Deutschland verehren. „Aber diese außerordentliche Vielfalt ist doch genau unsere Stärke – jedenfalls erfrischender als die Einfalt von Heiligendamm“, sagt der emeritierte Professor.

Altvater hat gerade an einem Forum teilgenommen: "Klimagerechtigkeit - aber wie". Gemeinsam mit ihm liest die indische Umweltschützerin Sunita Narain dort den Industrieländern die Leviten: Die reichen Länder hätten viel mehr Ressourcen verbraucht als ihnen zustünden, sagt Narain. Sie hätten quasi CO2-Schulden angehäuft, die sie nun allmählich begleichen müssten. Altvater sagt: „Wir müssen weg von den fossilen Energien! Die technischen Alternativen dazu gibt es! Was wir ändern müssen, sind die Machtstrukturen!“

Altvater und Narain erhalten tosenden Beifall. Das zeigt: Heillos diffus ist der Protest nicht. Es gibt durchaus allgemein anerkannte Vorbilder und Statements, die wohl jeder Globalisierungsgegner unterschreiben würde. Nur besteht die größte Eintracht auf dem Rostocker Alternativgipfel nicht zufällig eben exakt dann, wenn es darum geht, die Politik der G8 abzulehnen oder Missstände in der Dritten Welt anzuprangern: Gegen Umweltzerstörung, gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan, gegen die Hungersnot in Afrika, gegen unfaire Handelspraktiken der Weltkonzerne sind tatsächlich fast alle. Es ist eine gemeinsame Identität, die sich in erster Linie ex negativo ergibt, aus der kollektiven Ablehnung der internationalen Machtelite und ihrer als "neoliberal" gebrandmarkten Politik. Ein eigenes Konzept zu entwickeln, wie denn eine "gerechte" Globalisierung aussehen könnte und wie sie umgesetzt werden soll, fällt den Kritikern hingegen ungleich schwerer.