Bühne "Gutes Theater ist immer links"

Volker Ludwig, der Gründer des Berliner Grips-Theaters, spricht über Kindertheater und politisches Theater. Und über die Schnittstellen

ZEIT online: Volker Ludwig, wie macht man mit 70 Jahren noch Kinder- und Jugendtheater?

Ludwig: Das Alter spielt überhaupt keine Rolle. Es gibt 20-jährige Greise, die nicht mit Kindern umgehen können. Auch als Schauspieler muss man beim Kindertheater eine absolute Liebe zum Beruf haben und viel Erfahrung, man lernt das nicht auf der Schauspielschule. Kinder sind als Publikum nicht höflich, sie reagieren intensiv, und wer daran keine Freude hat, soll die Finger davon lassen.

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ZEIT online: Von Max Reinhardt stammt der Satz: Ein Schauspieler ist jemand, der seine Kindheit in die Tasche steckt. Was sagen Sie Ihren Schauspielern?

Ludwig: Ein Schauspieler darf Kinder nicht imitieren, er darf sich nicht verstellen und mit Babystimme sprechen oder mit X-Beinen herumstolpern. Kindern, die so etwas sehen, ist das furchtbar peinlich. Ein Beispiel dazu: Mein Kinderstück „Max und Milli“ wurde in dreißig Ländern nachgespielt, auch in Indien. Der kleine 6-jährige Max wurde von einem 1,80 Meter großen Schauspieler mit Schnurrbart gespielt, und kein Mensch kam auf die Idee, dass der Mann sich rasieren müsste. Unsere Schauspieler werden regelmäßig für viel jünger gehalten, als sie sind. In Jugendstücken kommt es vor, dass 30-jährige Mimen von den jugendlichen Zuschauern gefragt werden, in welche Schule sie gehen.

ZEIT online: Sie sind ja nicht als Kinder- und Jugendtheaterautor auf die Welt gekommen, Sie haben in den sechziger Jahren als Texter für Kabarett und Unterhaltung angefangen. Da lag doch eigentlich das Boulevardtheater näher, das damals in West-Berlin in Blüte stand.

Ludwig: Das hätte ich mich damals nicht getraut. Mein Vater Eckart Hachfeld hat neben vielen anderen Dingen 25 Drehbücher geschrieben, aber leider auch nie Boulevardtheater. Später, als ich mir als Theaterautor beim Grips einen Namen gemacht hatte, war er ziemlich eifersüchtig.

ZEIT online: Ursprünglich hießen Sie auch Eckart Hachfeld, wie Ihr Vater. Woher kommt der Name Volker Ludwig?

Ludwig: Ich habe schon als Schüler angefangen, Glossen und Kurzgeschichten zu schreiben, da gab es Konflikte von wegen Senior und Junior. Mit achtzehn veröffentlichte ich im „Kurier“ eine Kurzgeschichte, die nach einem Schulaufsatz entstanden war („Ich wurde im Jahr 2000 geboren“), und die Redakteurin schlug mir ein Pseudonym vor: Nehmen Sie zwei Vornamen, das ist das Uneitelste. Mein Vetter hieß Volker, und Ludwig kam, glaube ich, von Ludwigshafen, wo ich geboren wurde.

ZEIT online: Und wenn Sie in Frankfurt oder Mannheim geboren worden wären?

Ludwig: Bis auf meine Geburt bin ich Thüringer, seit 1953 Berliner. Mein Freund, der wunderbare Schauspieler Rolf Ludwig selig vom Deutschen Theater, behauptete immer, ich hätte mich nach ihm benannt, warum nicht!

ZEIT online: Es wird erzählt, dass Sie Anfang der sechziger Jahre in einem grünen Kabrio den Ku’damm rauf- und runterfuhren. Wie war das Leben vor dem Grips?

Ludwig: Ich hatte mein Studium, Germanistik und Kunstgeschichte, abgebrochen und von meinen Honoraren als freier Autor einen offenen Lancia gekauft. In der Unterhaltungsbranche hatte ich einen geradezu deprimierenden Erfolg, ich schämte mich für das Geld, genierte mich für meine Texte. Meine Mutter war eine überzeugte Protestantin, die immer wollte, dass ich beruflich etwas Anständiges mache. Ich schrieb für den Rias, für Hans Rosenthal, für Harald Juhnke und Werner Müllers „Schlagermagazin“. Fernsehen kam dazu, und immer wieder Kabarett.

ZEIT online: Gab es bei Ihnen einen eindeutigen Moment der Politisierung?

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