Der französische Radiomoderator Bernard Lenoir ist in seiner Heimat eine Legende. Seit 35 Jahren macht er Radio und horcht am Puls der Zeit. Seine Sendung C’est Lenoir bei France Inter ist in Frankreich ähnlich einflussreich, wie es die John Peel Sessions der BBC waren.Der 61-Jährige stöbert gern und stellt seine Entdeckungen einem großen Publikum vor. Geboren wurde er in Deauville, er wuchs in Algerien auf, arbeitete als DJ an der Côte d’Azur, jobbte bei einer Plattenfirma, wurde Radio- und Fernsehmoderator. Er hat die Geschichte der Popkultur miterlebt: von den ersten Diskotheken über die wilden Sechziger, von Punk, New Wave, Rave bis hin zur zeitgenössischen Elektronik. Er ist der Unkorrumpierbare, der Unrockupierbare, "L’Inrockuptible", wie eine seiner Sendungen hieß. Unter Rock versteht er immer noch Musik, die aus dem Einerlei herausfällt.

In seinen Sendungen folgten im Laufe der Jahre Joy Division auf Leonard Cohen , Rufus Wainwright und Antony auf Bonnie Prince Billy und die Tindersticks . Als 1995 seine einstündige Sendung um die Hälfte gekürzt werden sollte, protestieren seine Hörer vor dem Rundfunkgebäude. Eine öffentliche Diskussion schloss sich an, die Sendezeit blieb. In drei, vier Jahren möchte er in Rente gehen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Zum Interview treffen wir Bernard Lenoir in seinem kleinen Büro im vierten Stock des Senders. Hier stapeln sich unzählige CDs, Zeitschriften, Filmbücher, Fachliteratur. An der Wand über seinem Schreibtisch hängt ein Konzertfoto von Joy Division. 1979 hatte er ein Konzert der Band aus dem Les Bains Douches in Paris übertragen. Das war ein wichtiger Moment in seiner Karriere. Während des Gesprächs klopft und klingelt es immer wieder, Lenoir flüstert dann.
Bernard Lenoir nimmt nicht ab, wenn das Telefon klingelt und klingelt: "Das ist ein Trottel in einer Plattenfirma, der mir einen Dreck geschickt hat. Das ist jemand, der in seinem Büro nichts zu tun hat und es hier drei Stunden lang läuten lässt. Das macht mich wahnsinnig!"

ZEIT online: Monsieur Lenoir, wie sind Sie zum Radio gekommen? Haben Sie eine Ausbildung absolviert?

Bernard Lenoir: Keinerlei Ausbildung, aber ich hatte Glück. Viel Glück. Den Wunsch, Radio zu machen, hatte ich schon, als ich noch zur Schule ging. Wegen der Musik. Das war das, was mich wirklich interessiert hat. Wenn man mit Musik arbeiten will, ohne selbst Musiker zu sein, was bleibt einem da übrig? Man kann DJ werden. So habe ich begonnen. Allerdings zu einer Zeit, da man unter einem DJ etwas ganz anderes verstand als heute. Damals war das einfach jemand, der Platten abspielte.

ZEIT online: Sie sprechen von den frühen sechziger Jahren?

Lenoir: Genau. In den Diskotheken gab es noch keine Stars hinter den Plattentellern. DJs hatten nicht den Status inne, den sie heute haben. Das Radio bot eine andere Möglichkeit, sich mit Musik zu beschäftigen, Programme zusammenzustellen und darüber hinaus eine Sensibilität, eine Persönlichkeit zu vermitteln. Ich hatte das Glück, als DJ in ganz Europa herumzukommen und dann bei France Inter zu landen. Mein erster Vertrag lief über drei Wochen! Mittlerweile bin ich seit mehr als 30 Jahren beim Radio.

ZEIT online: Erinnern Sie sich an den Anfang?

Lenoir: Ich bin in einem Schlüsselmoment zu diesem Sender gekommen. Es war eine Zeit, in der sich das Radio modernisierte. Aus dem alten ORTF ( Office de Radiodiffusion Télévision Française ) wurde der Sender, den wir heute haben. Ich war damals 27, 28 Jahre alt. Ich profitierte von diesem frischen Wind. Es gab damals nicht viele junge Leute, die hier Radio machten. Wer dazu zählte, durfte sich beweisen und etwas vorschlagen. Ich habe zwei, drei Sendungen entwickelt, die sehr gut gelaufen sind. Das hat mir Türen geöffnet.