Rundfunk Senden gegen das Mittelmaß

Der Pariser Radioveteran Bernard Lenoir glaubt noch an anspruchsvolle Programme. Statt Gedudel bringt er Unerhörtes, und die Hörer lieben ihn. In seinem Büro bei Radio France empfing er unseren Autor zu einem sehr offenen Gespräch

Der französische Radiomoderator Bernard Lenoir ist in seiner Heimat eine Legende. Seit 35 Jahren macht er Radio und horcht am Puls der Zeit. Seine Sendung C’est Lenoir bei France Inter ist in Frankreich ähnlich einflussreich, wie es die John Peel Sessions der BBC waren.Der 61-Jährige stöbert gern und stellt seine Entdeckungen einem großen Publikum vor. Geboren wurde er in Deauville, er wuchs in Algerien auf, arbeitete als DJ an der Côte d’Azur, jobbte bei einer Plattenfirma, wurde Radio- und Fernsehmoderator. Er hat die Geschichte der Popkultur miterlebt: von den ersten Diskotheken über die wilden Sechziger, von Punk, New Wave, Rave bis hin zur zeitgenössischen Elektronik. Er ist der Unkorrumpierbare, der Unrockupierbare, "L’Inrockuptible", wie eine seiner Sendungen hieß. Unter Rock versteht er immer noch Musik, die aus dem Einerlei herausfällt.

In seinen Sendungen folgten im Laufe der Jahre Joy Division auf Leonard Cohen , Rufus Wainwright und Antony auf Bonnie Prince Billy und die Tindersticks . Als 1995 seine einstündige Sendung um die Hälfte gekürzt werden sollte, protestieren seine Hörer vor dem Rundfunkgebäude. Eine öffentliche Diskussion schloss sich an, die Sendezeit blieb. In drei, vier Jahren möchte er in Rente gehen. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht.

Bernard Lenoir nimmt nicht ab, wenn das Telefon klingelt und klingelt: "Das ist ein Trottel in einer Plattenfirma, der mir einen Dreck geschickt hat. Das ist jemand, der in seinem Büro nichts zu tun hat und es hier drei Stunden lang läuten lässt. Das macht mich wahnsinnig!"

Bernard Lenoir nimmt nicht ab, wenn das Telefon klingelt und klingelt: "Das ist ein Trottel in einer Plattenfirma, der mir einen Dreck geschickt hat. Das ist jemand, der in seinem Büro nichts zu tun hat und es hier drei Stunden lang läuten lässt. Das macht mich wahnsinnig!"

Zum Interview treffen wir Bernard Lenoir in seinem kleinen Büro im vierten Stock des Senders. Hier stapeln sich unzählige CDs, Zeitschriften, Filmbücher, Fachliteratur. An der Wand über seinem Schreibtisch hängt ein Konzertfoto von Joy Division. 1979 hatte er ein Konzert der Band aus dem Les Bains Douches in Paris übertragen. Das war ein wichtiger Moment in seiner Karriere. Während des Gesprächs klopft und klingelt es immer wieder, Lenoir flüstert dann.

ZEIT online: Monsieur Lenoir, wie sind Sie zum Radio gekommen? Haben Sie eine Ausbildung absolviert?

Bernard Lenoir: Keinerlei Ausbildung, aber ich hatte Glück. Viel Glück. Den Wunsch, Radio zu machen, hatte ich schon, als ich noch zur Schule ging. Wegen der Musik. Das war das, was mich wirklich interessiert hat. Wenn man mit Musik arbeiten will, ohne selbst Musiker zu sein, was bleibt einem da übrig? Man kann DJ werden. So habe ich begonnen. Allerdings zu einer Zeit, da man unter einem DJ etwas ganz anderes verstand als heute. Damals war das einfach jemand, der Platten abspielte.

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ZEIT online: Sie sprechen von den frühen sechziger Jahren?

Lenoir: Genau. In den Diskotheken gab es noch keine Stars hinter den Plattentellern. DJs hatten nicht den Status inne, den sie heute haben. Das Radio bot eine andere Möglichkeit, sich mit Musik zu beschäftigen, Programme zusammenzustellen und darüber hinaus eine Sensibilität, eine Persönlichkeit zu vermitteln. Ich hatte das Glück, als DJ in ganz Europa herumzukommen und dann bei France Inter zu landen. Mein erster Vertrag lief über drei Wochen! Mittlerweile bin ich seit mehr als 30 Jahren beim Radio.

ZEIT online: Erinnern Sie sich an den Anfang?

Lenoir: Ich bin in einem Schlüsselmoment zu diesem Sender gekommen. Es war eine Zeit, in der sich das Radio modernisierte. Aus dem alten ORTF ( Office de Radiodiffusion Télévision Française ) wurde der Sender, den wir heute haben. Ich war damals 27, 28 Jahre alt. Ich profitierte von diesem frischen Wind. Es gab damals nicht viele junge Leute, die hier Radio machten. Wer dazu zählte, durfte sich beweisen und etwas vorschlagen. Ich habe zwei, drei Sendungen entwickelt, die sehr gut gelaufen sind. Das hat mir Türen geöffnet.

ZEIT online: Wie muss man sich das Radioprogramm jener Zeit vorstellen?

Lenoir: Ich bin mit Rock’n’Roll aufgewachsen: von 1955 bis heute. Als ich beim Radio anfing, gab es Oldies noch nicht. Im Radio wurden nur Neuheiten gespielt. Niemals hörte man eine Platte, die älter als sieben Monate war. Mit Ausnahme vielleicht der großen französischen Chanson-Sänger wie Brel oder Brassens. In der angloamerikanischen Musik war das anders. 1971 zum Beispiel hörte man Satisfaction von den Stones schon seit sechs Jahren nicht mehr. Ich hörte damals genau das. Die Musik der frühen siebziger Jahre gefiel mir überhaupt nicht. Hardrock kam damals auf. Für mich war das eine Frage des Geschmacks. Ich hörte alte Sachen. Genau das schlug ich vor: Warum machen wir nicht eine Sendung, in der wir ein bisschen zurückblicken auf das, was seit Billie Holiday und Elvis Presley Interessantes passiert ist? Das waren Dinge, die damals zu verschwinden drohten. Heute mag das lächerlich wirken, weil mittlerweile zahllose Sender nach genau diesem Schema funktionieren. Damals war es eine neue Idee. Souvenirs, souvenirs hieß die Sendung. Sie wurde ein großer Erfolg. Ich war ihr Produzent.

ZEIT online:Feedback hieß ihre erste eigene Sendung.

Lenoir: Ich habe mich zunächst sehr dagegen gesträubt. Ich bin ziemlich schüchtern. Man hat mir das aufgezwungen. Als mein Kollege José Artur 1978 aufhörte, betrieb ich die Sendung weiter. Es war die einzige Sendung, in der das, was man heute Indierock nennen würde, zu hören war. Trotzdem fühlte ich mich am Mikrofon nicht sehr wohl. Ich machte das, um die Musik bekannt zu machen.

ZEIT online: Wenn sie zurückblicken: Was hat sich im Laufe der Jahre am stärksten verändert?

Lenoir: Die Gesellschaft hat sich in ihrer Gesamtheit verändert. Alles banalisiert sich. Jeder macht heute Musik. Es gibt eine unglaubliche Überproduktion. Dinge tauchen auf, verschwinden, weil sie keine Substanz besitzen. Parallel dazu hat sich die Art und Weise des Musikkonsums verändert. Was das öffentliche Radio angeht, so stelle ich allmählich den Verlust eines öffentlichen Auftrags fest. Alles zielt nur noch auf die Konkurrenz mit den Privatsendern . Die, das ist kein Geheimnis, leben von den Werbeeinnahmen. Folglich geht es ihnen darum, möglichst viele Hörer vorweisen zu können, damit die Werbepartner zufrieden sind. Um das zu erreichen, werden nur die einfachsten, am leichtesten zugänglichen Dinge gespielt, die niemanden stören. Meiner Ansicht nach sollte der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich von solchen Entwicklungen distanzieren. Seine Aufgabe sollte es sein zu informieren. Natürlich gehört dazu auch ein wenig Unterhaltung, aber vor allem: Information und Bildung. Heute versucht man mehr und mehr, die Leute zu unterhalten, und vergisst darüber die Bildung. Das Niveau sinkt. Auch das der Moderatoren. Das war vor 10, 15 Jahren noch ganz anders.

ZEIT online: Wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk dieser Entwicklung entgegentreten?

Lenoir: Indem er sich auf seine Qualitäten besinnt. Ob nun 10 oder 100 Menschen zuhören, ist nicht entscheidend. Die 90 Personen, die nicht zuhören, die hören eben nicht zu. Man sollte sie bedauern.

ZEIT online: Wenn Sie heute das Radio anschalten, mögen Sie das, was sie da hören?

Lenoir: Alles wird ausgehöhlt. Ich habe immer viel Radio Nova gehört. Nova war nach der Legalisierung der unabhängigen Radiostationen von 1981 an eines der besten Angebote. Dieser Sender hat etwas Neues in die französische Radiolandschaft eingebracht. Aber selbst Nova ist heute beliebiger als früher. Der Sender ist zu einem Teil des Systems geworden – mit Werbung. Das ist traurig. Ich denke, dass mittlerweile France Info viel besser gemacht ist. France Info ist einer der besten Sender, die wir in Frankreich haben. Zwar ohne Musik, dafür aber mit Nachrichten, auch über Musik, über Neuerscheinungen, Konzerte. Um Musik zu hören, bleiben Nova und Fip , der allerdings nur noch in wenigen Städten in Frankreich zu empfangen ist. Fip ist sehr, sehr gut. Er trägt den unterschiedlichsten Geschmäckern Rechnung. Und das war’s im Großen und Ganzen. Der ganze Rest ist unhörbar. UNHÖRBAR!

ZEIT online: Wie schaffen Sie es nach all diesen Jahren, noch so leidenschaftlich zu sein?

Lenoir: Ich denke, Wut ist der Grund. Wut auf das System. Zu sehen, dass es ein System gibt, mittelmäßige Sachen zu verbreiten und Geld damit zu verdienen. Mein Grund weiterzumachen ist eine Passion, die genährt wird von der Wut auf diesen Zustand. Es geht mir darum zu zeigen: Es gibt auch etwas anderes. Es gibt wirkliche Künstler, es gibt Leute, die etwas zu sagen haben …

Bernard Lenoir blickt auf das Telefon, das seit fünf Minuten ohne Unterbrechung läutet.

Lenoir: Das ist grauenhaft! Das sind die Plattenfirmen. Je länger so jemand das Telefon klingeln lässt, desto wahrscheinlich ist es, dass er mich fragen möchte, was ich von irgendeinem Mist halte. Würde es sich um jemanden handeln, der wegen eines anständigen Künstlers anruft, würde es zwei, drei Mal klingen. Derjenige würde merken, dass niemand da ist, und es später noch einmal versuchen. Das ist ein Trottel in einer Plattenfirma, der mir einen Dreck wie diesen ( hält eine CD aus einem Stapel hoch ) geschickt hat. Das ist jemand, der in seinem Büro nichts zu tun hat und es hier drei Stunden lang läuten lässt. Das macht mich wahnsinnig! Voilà , das ist es, was mich antreibt, warum ich weitermache: dagegen zu kämpfen! Und zu versuchen, Leute bekannt zu machen, die etwas zu sagen haben, die eine Sensibilität haben. Wirkliche Individuen, keine Klone. Das treibt mich jeden Tag an, wenn es auch nicht immer leicht ist.

ZEIT online: Wie sieht der Radiosender Ihrer Träume aus?

Lenoir: Ich habe darüber in einer Sendung gesprochen. Es gibt immer wieder Leute, die mich fragen: Warum machst du deine Sendung nicht täglich, von 21 Uhr bis Mitternacht. Für mich müsste aber eine Radiostation 24 Stunden lang so sein. Nonstop. Wie Fip, nur als Independent-Rock-Sender. Ein Sender, auf dem man den ganzen Tag lang nur interessante Sachen hört und Dinge entdecken kann. Ich denke, dass so etwas möglich sein müsste. Ich wohne abwechselnd in Biarritz und Paris. Im kleinen Baskenland zum Beispiel gibt es einen Sender, EiTB, der in etwa das umsetzt – zumindest auf einer seiner Stationen. Wenn die Basken das können, warum nicht auch wir?

"C’est Lenoir" ist montags bis donnerstags von 22 bis 23 Uhr auf France Inter zu hören, auch online. Die Sendung des Vortags verbleibt bis zur nachfolgenden Sendung zum Anhören auf der Webseite C’est Lenoir .

Das Gespräch führte Markus Znsmaier

 
Leser-Kommentare
  1. hallo zusammen.
    in frankreich ist es bernard lenoir und hier in deutschland heißen sie michael engelbrecht, karl lippegaus und harry lachner.nun, was haben sie gemeinsam.
    sie alle stehen für musik jenseits der grenzen und moden.
    michael engelbrechts spielte in seiner sendung klanghorizonte ein special über kranky records und harry lachner in der nachtession ein geburtstagspecial für laurie anderson. karl lippegaus letztens zwei stunden über den tango und seine geschichte. oder, um es kurz zu machen: deutschlandfunk, deutschlandradiokultur, wdr3, swr2 und bayern2 und und und....
    ich glaube es ist eher ein problem der wahrnehmung, viele wissen die sendungen oder sender nicht, aber sie sind noch da.
    grüße radiohoerer

  2. karl lippegaus ist g*tt in seiner verkleidung als radioautor. seine soundcheck-sendungen definitiv g*ttesdienste. wenigstens einer, dem bei den namen pascal comelade, moondog ua. etwas einfällt, was man noch nicht wusste.

    die meisten verwechseln radiohören mit der gehirnwäsche, die sie täglich über sich ergehen lassen, wenn sie sich in so einen schrott wie etwa swf3 einklinken.

    dabei ist der DLF so nah ...

    grüße!!

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