Kinderarbeit
Schwabenkinder in Patna
Weltweit arbeiten 246 Millionen Kinder, die eigentlich in die Schule gehören. Der 12. Juni ist ihr Tag
Das traurige Schauspiel dauerte den ganzen Tag. Über 300 Kinder versammelten sich in der Morgenkühle auf dem Marktplatz. Keines der Mädchen und Jungen in zerschlissenen Kleidern war älter als 14 Jahre. Am Vormittag trafen die Bauern aus der Umgebung ein. Sie suchten Arbeitskräfte für Saat und Ernte. Mit derbem Griff befühlten die Landwirte dürre Kinderarme, begutachteten magere Waden. Lauthals tauschten sie sich über die Eignung der Kinderarbeiter aus und feilschten um deren Preis.
Wer diese Szene spontan nach Afrika verlegt, liegt falsch. Der Marktplatz, auf dem minderjährige Wanderarbeiter ihre Körper verkauften, gehört zur Stadt Friedrichshafen am Bodensee. In manchen Jahren kamen mehrere Tausend sogenannte Schwabenkinder aus Tirol und dem Vorarlberg nach Süddeutschland, um sich von April bis Oktober in der Landwirtschaft zu verdingen. Die gute Nachricht lautet: Das alles ist 100 Jahre her. Den Friedrichshafener Schwabenkindern begegnen wir heute nur noch in Geschichtsbüchern von Otto Uhlig und anderen Autoren.
Die schlechte Nachricht ist: Schwabenkinder gibt es immer noch. Weltweit arbeiten rund 246 Millionen Minderjährige, berichtet die Internationale Arbeitsorganisation (Ilo) in Genf. Die meisten von ihnen leben allerdings nicht in Europa, sondern auf dem asiatischen und dem afrikanischen Kontinent. Zwei von fünf Kinderarbeitern schuften auf landwirtschaftlichen Farmen und Plantagen. Vor sechs Jahren hat die Ilo den 12. Juni deshalb zum „Tag gegen Kinderarbeit“ erklärt. Die Organisation widmet ihn in diesem Jahr den Kinderarbeitern in der Landwirtschaft.
Zum Beispiel jenen von Patna, das im indischen Bundesstaat Bihar liegt. Feinschmecker kennen die Stadt am südlichen Gangesufer wegen der Reissorte, die in der Gegend kultiviert wird. Weniger geläufig dürfte sein, dass, wer in Patna Getreide anbaut und erntet, oft Kinder auf den Feldern beschäftigt. Laut der Konvention Nummer 138 gilt als Kinderarbeiter, wer jünger ist als 16 Jahre, nicht ausgebildet wurde und seine Gesundheit und Moral gefährdet, indem er arbeitet.
Auf den Reisfeldern rund um Patna arbeiten Kinder der niedrigsten indischen Kaste, der Dalits oder Unberührbaren. Die leeren Haushaltskassen ihrer Eltern nötigen sie dazu. „Die absolute Armut und die soziale Randstellung zwingt Dalit-Familien, ihre Kinder in die Landwirtschaft zu schicken“, sagt Barbara Küppers, Referentin für Kinderarbeit und Sozialstandards bei Terre des Hommes . Die Hilfsorganisation unterhält in 20 Dörfern ein Programm, das Kinder von den Reis- und Weizenäckern holen soll. Ein Problem sei, sagt Küppers, dass viele Angehörige der oberen Kasten nichts daran fänden, wenn Minderjährige aus unteren Kasten auf die Felder gingen, anstatt in die Schule.
Die Ilo setzt solch kulturellen Gemengelagen ein eindeutiges Leitbild entgegen. „Bei der Entwicklung von Kindern darf man keine Abstriche machen. Kulturelle Argumente für Kinderarbeit sind Ausflüchte“, sagt Klaus Günther, Referent beim Kinderarbeitsprogramm Ipec, dem größten technischen Hilfsprogramm der Internationalen Arbeitsorganisation. Das mag in den Ohren manch eines Westeuropäers, der im postkolonialen Diskurs geschult ist, nach Kulturimperialismus klingen. Doch Klaus Günther weiß seine klare Ansage zu begründen. „Kinderarbeit hat nicht nur mit Kinderrechten zu tun, sondern auch mit Ökonomie“, sagt er. Wer nie ausgebildet wurde, setze die eigenen Kinder auch nicht auf die Schulbank. Kinderarbeit führe immer zu neuer Kinderarbeit. Anders gesagt: Ein Ausweg heißt Bildung.
Die Entwicklungshelfer von
Terre des Hommes
verfolgen in Patna genau dieses Ziel. Sie bieten gemeinsam mit der
Patna Jesuit Society
Abendkurse für Kinder an, die zur Kaste der Unberührbaren gehören. „Die meisten Schüler sind die ersten in ihrer Familie, die lesen und schreiben lernen“, sagt Barbara Küppers. In Patna nähmen inzwischen knapp 320 ehemalige Kinderarbeiter am Unterricht teil. Und knapp 120 Mädchen und Jungen sei der Sprung auf eine höhere Schule gelungen.
Solche Erfolge kosten vergleichsweise wenig Geld. Terre des Hommes steckt in das vierjährige Programm „Innovative Bildung für Kinder in armen Gemeinden“ gerade einmal 32.000 Euro. Die Summe reicht für Lehrer, Bleistifte und Schreibhefte. Außerdem zeigt Terre des Hommes den Familien, wie sie sich finanzieren können, ohne ihre Kinder arbeiten zu schicken. Die Organisation hilft beispielsweise bei der Vermittlung von Kleinkrediten der indischen Regierung und der Weltbank. Weltweit unterhält Terre des Hommes 50 ähnliche Projekte.
Wann allerdings der „Tag gegen Kinderarbeit“ wieder abgeschafft werden kann, entscheidet sich nicht allein in Indien und an anderen exotischen Orten. Auch an den Kassen deutscher Supermärkte geht es täglich um die Frage: Kinderarbeit ja oder nein. „Neun Prozent aller Kinderarbeiter sind in exportrelevanten Branchen beschäftigt“, sagt Barbara Küppers. Vor allem Produzenten von Kaffee oder Tee, aber auch die von Schnittblumen und Natursteinen gehören dazu.
„Die Wahrscheinlichkeit, Bananen oder Orangen zu erstehen, die von Kindern geerntet wurden, hat sich in den letzten Jahren stark verringert“, sagt Barbara Küppers. Eine Garantie dafür könne allerdings niemand geben. Immerhin bekommt, wer beim Einkauf auf sogenannte Sozial- und Fairtrade-Siegel achtet, für ein bisschen mehr Geld sehr viel mehr Gewissheit, dass beim Anbau der landwirtschaftlichen Produkte keine Kinderhände geholfen haben. Die Handelsmarken Transfair und Gepa sowie die Sozialsiegel Rugmark und Flowerlabel zeichnen Produkte aus, die in der Regel frei von Kinderarbeit sind.
Politisch korrekt konsumieren im Norden, Bildung fördern im Süden – bei der Internationalen Arbeitsorganisation gibt man sich zuversichtlich, mit dieser Mischung die Kinderarbeit alsbald in den Griff zu kriegen. „Es ist möglich, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit bis 2016 abzuschaffen“, sagt Ilo -Referent Thomas Günther. Dafür müssten jedes Jahr 12 Millionen Kinder aus besonders miesen Arbeitsverhältnissen herausgeholt werden.
Die Ilo hat für diesen Dienstag Genfer Schüler dazu eingeladen, 500 Luftballons in den Schweizer Himmel steigen zu lassen. Mit der Aktion wollen die eidgenössischen Kinder ihre arbeitenden Altersgenossen grüßen. Man mag, wie manche es tun, solch symbolisches Handeln und den Optimismus der Ilo für arglos halten. Andererseits: In Schwaben hat es auch geklappt. Dort führte die Regierung nach jahrelangem Widerstand der oberschwäbischen Bauernlobby 1921 die Schulpflicht für Tiroler und Vorarlberger Kinder ein. Märkte wie der Friedrichshafener waren damit Geschichte.
- Datum 12.6.2007 - 02:24 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 12.6.2007
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Denn nehmen wir mal an, alle Kinder dieser Welt würden PC-Spezialisten, Ärzte und Juristen - es gäbe dann dennoch für viele keine Arbeit, weil deshalb eben noch keine PC-Arbeitsplätze da sind u. all die Medizin- Rechts- oder Technik-Spezialisten dort nicht bezahlt werden könnten! Die Bildung muss sich eben immer am Stand der Kultur, an der Nachfrage eben auch, ausrichten. (Nicht jedes Land kann sich die Mittelverschwendung in unserem Bildungssystem leisten! (Ja, vielleicht bezahlen ja auch diese Kinder diesen Luxus mit.... Nur weil wir das wohl (noch) nicht (alle) kapiert haben, müssen wir diesen Fehler nicht auch noch in arme Länder exportieren!)).
Wenn die Landwirtschaft also noch einfache Arbeiter braucht, wenn Eltern Kinder auch für die Altersabsicherung brauchen und wenn, last not least, letztlich zu viele Kinder geboren werden, weil man keine Verhütungsmittel hat, oder weil man traditionell stolz auf viele Kinder ist, dann kommt es, bei einer niedrig entwickelten Ökonomie eben auch leicht zu dieser Kinderarbeit. Man konnte dies sehr gut ja auch in der aktuellen TV-Steinzeit-Serie sehen. Diese einfache landwirtschaftliche Arbeit war ja auch gar nicht schlecht, für Kinder. (Wer arbeitet als Kind nicht auch mal gern im Garten mit?!)
Wichtig ist hier ja, und das besagt ja die Definition der wlo, dass die Kinder bei der Arbeit keinen gesundheitlichen und moralischen Schaden nehmen, dass sie also wesentlich weniger als Erwachsene arbeiten müssen. Und bzw. aber sicher sollte heute jedes Kind lesen und schreiben und rechnen können sowie ein Grundausbildung bekommen, was eine gewisse Mitarbeit in der Landwirtschaft m.E. aber nicht ausschließt.(So wie hierzulande manche Studenten eben noch jobben gehen - müssen.)
Der wichtigste Teil der Bildung ist eh die weltanschauliche Bildung, welche so teuer auch nicht sein muss. Diese besteht z.B. darin, dass man -recht-, also frühzeitig - über den Zusammenhang von Fortpflanzung und Kriegen aufgeklärt wird, also die Bedeutung der Verhütung für die eigene Sicherheit vermittelt bekommt. (Und daran mangelt es in der offiziellen Bildung ja selbst bei den höchstentwickelten Ländern!)
Wichtig ist also auch (hier), dass das Lebensmodell des Mönches und des (kinderlosen) Singles als gleichberechtigte Lebensvariante in allen Gesellschaften auch ihre Anerkennung findet - nicht nur in der unsrigen!
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