Sprachen Fit für Asien

In englischen Schulen lernen die Kinder Mandarin statt Deutsch. Das soll sie fit machen für zukünftige Märkte, aber auch disziplinierter und konzentrierter

„Mal ehrlich: Wer braucht schon 'Guten Tag' und 'Wie geht’s' auf Deutsch oder Französisch? Ni-Hau ist die Zukunft.“ Mit diesen Worten öffnet Chris Iovan seinen bekritzelten Rucksack, zieht ein pinkfarbenes Buch hervor: Mandarin, dritte Stufe. Der 16-Jährige knallt es auf den zerritzten Tisch. Chris wechselte auf Wunsch seiner Eltern an das Brighton College, das als erste Schule Mandarin als Fremdsprache eingeführt hatte. Chris lernt hier seit zwei Jahren die offizielle Sprache Chinas, seine Klasse reiste schon nach Shanghai, er hat chinesische Brieffreunde. „Chris kann zwar kein Wort Französisch, kein Spanisch und kein Deutsch. Dafür lernt er die wichtigste Sprache der Zukunft“, sagt Vater Steven Iovan, der die englische Niederlassung eines Reifenherstellers aus den USA leitet.

Auch Japanisch steht hoch im Kurs. An einer Schule in East Croydon unterrichtet Trevor Finch als einziger Französisch – neben vier Japanisch-Lehrern für die 800 Schüler: „Die Lehrerkonferenz hatte sich auf einen Fokus auf Japanisch für unsere Schule geeinigt, weil die Japaner anscheinend am wenigstens bereit sind, Englisch zu lernen, weniger als die Chinesen und Inder“, so Finch. Mehr als 200 Schulen hätten Japanisch im Angebot. „Die Zukunft unserer Kinder“, sagt Finch, „hängt davon ab, wie gut wir sie darauf vorbereiten.“

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Eine Sprache des neuen Marktes zu beherrschen, ist der eine Trend in England. Andere bevorzugen eine neue Art des Arbeitens, die ebenfalls aus Asien stammt: fehlerlos, diszipliniert und schnell soll sie sein. Isabelle zum Beispiel lernt seit zwei Jahren mit „Kumon“. Das ist ein japanisches ganzheitliches Lernkonzept, das sie verpflichtet, jeden Tag Seite um Seite Rechenübungen zu absolvieren. Auf den Blättern stehen nur schlichte Zahlen, keine Bilder, kaum Arbeitsanweisungen. Einziger Ansporn: die Geschwindigkeit. Denn jede Einheit – bestehend aus mehreren Blättern - muss in weniger als zehn Minuten geschafft werden. 1945 rief Toru Kumon das Konzept ins Leben, mit dem er alle Bereiche des Gehirns trainieren wollte: er nennt diese Bereiche „das kombinierende“, „das kreative“, „das respektvolle“ und „das ethische“ Gehirn.

Die Kennedys haben sich für den Mathezweig des Programms entschieden. „Isabelle ist nicht nur besser in Mathe, sie kann sich besser konzentrieren, sie ist leistungsfähiger. Und vor allem hat sie Disziplin. Sie hat gelernt, gegen, oder vielmehr mit der Zeit zu arbeiten“, so begründet Monika Kennedy, warum die Familie zusätzlich zum Schulgeld monatlich 60 Euro für Isabelles Kumon ausgibt. Der Schlüssel liegt in der gebetsmühlenartigen Wiederholung, bis das Rechnen zum Automatismus geworden ist. Wie bei Kampfsportarten ändert sich mit dem Schwierigkeitsgrad die Farbe: Begonnen hat Isabelle mit einer gelben Mappe, dann hatte sie eine rote, jetzt ist sie grün, und danach folgt eine dunkelblaue, hellblaue und schwarze Mappe. Täglich trainiert sie zu Hause, einmal in der Woche nur korrigiert Lehrerin Meena die Blätter, stoppt Isabelles Zeit beim Rechnen. Darüber bekommen die Eltern regelmäßig einen Bericht. Schon bald nach der Einführung auf dem englischen Markt war Kumon ein Selbstläufer. Mittlerweile lernen geschätzte 55.000 Schüler in den Kumon-Zentren.

An Englands Küchentischen herrscht Aufbruchstimmung: Ihre Kinder - glauben ambitionierte Eltern, wie die von Chris Iovan oder Isabelle Kennedy - müssen einer ganz neuen Konkurrenz standhalten. Chinesische Nannies könnten das Doppelte vom Lohn europäischer Kindermädchen verlangen, heißt es.

„Wer in der heutigen Elterngeneration nur ein wenig Deutsch gelernt hatte, konnte damit seine Chancen auf einen guten Job verdoppeln. Heute sind die Sprachen Europas Standard, interessant ist, wer sich in den neuen Märkten verständigen kann“, sagt Neil Durningham von der Agentur für Arbeitsvermittlung FreshMind. Dennoch warnt Duringham vor der Modeerscheinung: „Es ist gerade einfach sehr en vogue, wenn eine middle class -Hausfrau ihren Freundinnen erzählen kann, dass die Tochter mit acht schon weiß, wie sie ‚Gute Nacht, Mami' auf Mandarin sagen kann oder dass der 14jährige Sohn schon seit mehreren Jahren Kumon macht.“ Ob dieses Schaulaufen die Kinder klug und erfolgreich macht, ist fraglich.

Erziehungsminister Alan Johnson glaubt jedoch, dass es um mehr geht, als nur um die Launen reicher Vorstadtmütter: „Wir müssen den Druck auf Schüler erhöhen, wenn sie in globalisierten Märkten eine Chance haben wollen.“ Nach seinem Willen soll in einem ersten Schritt an der Sprachausbildung gefeilt werden: Mandarin, auch Urdu oder Arabisch sollen spätestens ab 2010 an allen weiterführenden Schulen angeboten werden. „Junge Menschen müssen verstehen, dass Sprachen sie später attraktiv für Arbeitgeber machen.“ Dafür müsse der Lehrplan überdacht werden, um „ökonomisch brauchbarere Sprachen“, die weltweit breitflächig gesprochen werden, einzuführen.

Dabei müsste man in England erst einmal beim Lernen von europäischen Sprachen ansetzen. Zwar sind alle Schulen verpflichtet, eine der meistgesprochenen EU-Sprachen – Deutsch, Spanisch oder Französisch – anzubieten. Seit 2000 sind diese jedoch nur noch Wahlfach. Die Teilnahme fiel von 80 Prozent im Jahr 2000 auf 50 Prozent im Jahr 2006. Eine Studie, die Lord Dearing im Auftrag des Erziehungsministers durchgeführt hatte, enthielt dann auch heftige Kritik und einige handfeste Empfehlungen: Bereits Siebenjährige sollten eine erste Fremdsprache lernen, auch an weiterführenden Schulen sollten Sprachen fester Bestandteil des Lehrplanes werden, die Zahl der Schulen mit speziellem Sprachzweig müsse auf 400 erhöht werden. Für die „Weltsprachen“ Mandarin und Urdu müssten zunächst möglichst viele Muttersprachler ins Vereinigte Königreich kommen.

Grundsätzlich erntete Dearing von den Bildungsexperten Lob. Dennoch sehen einige in seinem Fokus auf die Sprachen der neuen Märkte keine Lösung. Nick Gibb, der Sprecher der Konservativen, warnt: „Schüler mit exotischen Sprachen und Inhalten zu locken, behandelt nur das Symptom, nicht das Problem. Den Schülern fehlt schlicht die Motivation, überhaupt Sprachen zu lernen.“ Gibb betont, wie wichtig es sei, das „gemeinsame europäische Spracherbe“ zu bewahren. „Englische Schulen müssen mehr dafür tun, Schüler wieder für ihre eigene europäische Kultur zu begeistern“, ergänzt er.

Eine andere Motivation, außereuropäische Sprachen zu unterrichten, hat Jim Roberts. Seit 1975 bildet er Sprachlehrer aus. Als er 1980 mit Hinweis auf die wachsende Zahl Einwanderer aus China und Indien vorschlug, Mandarin und Urdu in den allgemeinen Lehrplan aufzunehmen, blockte das Erziehungsministerium noch ab: Solche Sprachen müssten die jeweiligen Bevölkerungsgruppen in Eigenverantwortung an ihre Kinder weitergeben – das Ergebnis waren etliche Wochenendschulen der verschiedenen Gemeinden. „Dabei ging es mir nicht darum, dass die Sprachen in den Gemeinden erhalten bleiben“, erklärt Roberts. „Es war mir wichtig, dass englische Schüler lernen, Urdu, Arabisch und Mandarin und die dazu gehörende Lebensart als gleichwertig anzuerkennen und ein Verständnis für das Neue zu entwickeln.“ Aber Integration verkauft sich eben nicht so gut wie die neuen Märkte.

 
Leser-Kommentare
  1. ... sondern Hindi gesprochen, neben zahlreichen anderen Sprachen. Urdu spricht man in Pakistan. Nur so zur Info. Wenn man über andere Sprachen schreibt sollte man sich auskennen.

    Fremdsprachen sollten den Kindern nicht aufgezwungen werden. Die Geschäftswelt in China und Indien spricht Englisch, in Indien als Mutterssprache. Was bringt es den Kindern wenn sie sich in Indien zusätzlich mit den Dienstboten unterhalten können?

    Selbst Mandarin ist nur eine von vielen chinesischen Sprachen. Es macht überhaupt keinen Sinn solchen Sprachunterricht mit der Gießkanne über den Kindern auszuschütten. Auch ist wohl kaum Mangel an zweisprachigem Personal in England, eher dürfte es immer schwerer werden in London jemanden zu finden der perfekt Englisch kann.

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    • cibod
    • 08.06.2007 um 22:21 Uhr

    @AlbertHalbstein

    Es gibt in Deutschland Organisationen, wo Englisch gesprochen wird...

    UND, von den "Dienstboten" kann man übrigens eine Menge lernen... auch in Deutschland.

    Gruß

    • cibod
    • 08.06.2007 um 22:21 Uhr

    @AlbertHalbstein

    Es gibt in Deutschland Organisationen, wo Englisch gesprochen wird...

    UND, von den "Dienstboten" kann man übrigens eine Menge lernen... auch in Deutschland.

    Gruß

  2. AlbertHalbstein, Urdu ist in Indien eine offizielle Amtssprache – eine Nebensprache. Abgesehen davon, dass Hindi und Urdu durchaus eng verwandt sind. Hindustani ist allerdings eh die wirkliche Lösung für dieses Problem.

    • cibod
    • 08.06.2007 um 22:21 Uhr

    @AlbertHalbstein

    Es gibt in Deutschland Organisationen, wo Englisch gesprochen wird...

    UND, von den "Dienstboten" kann man übrigens eine Menge lernen... auch in Deutschland.

    Gruß

  3. In den Niederlanden gibt es diese Berufsausbildungen schon längere Zeit. Universität Leiden lehrt fast alle Weltsprachen schon hunderte Jahren. Jetzt spricht die kosmopolitische Überschicht der internationalen Wissenschaft, Handel und Logistik Englisch. Die dass nicht sprechen sind durchaus auch weniger interessant. In die Märkte selbst und in weniger international orientierte Länder lohnt es sich die lokale Sprache zu sprechen. Weil Deutschland und, in weniger masse Frankreich, und andere Europäische Länder immer Weltoffener werden und auch die normale Bürger immer häufiger Englisch sprechen wählen viele Niederländische Schüler nur noch zwei Fremdsprachen damit die auch endlich mal Fächer wie Philosophie wählen können (so das man letztendlich ein guten Grund hat später Deutsch zu lernen).

    Johan Sterk
    Amsterdam

  4. Auch in den Vielsprachenländern China und Indien lernt man heute die Weltsprache Englisch, weil es simpler ist. Im internationalen Handel und Finanzwesen ist Chinesisch mit seinen 5 verschiedenen Tonhöhen viel zu kompliziert, um sich je als Weltsprache durchzusetzen. Das ist ein einfacher Fakt, bedeutet aber keineswegs, dass nicht jeder seine eigene Sprache lieben und pflegen kann.

  5. FK
    Ich kann nur jedem jungen Menschen empfehlen ausser Englisch noch eine Drittsprache zu lernen. Das bringt mehr Erfolg und hebt ab von anderen.

    Die meisten deutschen Studenten denken doch jetzt habe ich z.B. Jura, VWL oder BWL studiert das reicht. Das reicht eben nicht mehr heute aus. Es reicht vielleicht um reinzukommen in das Unternehmen bis zum 1. Stock. Wer aber höher aufsteigen will, muss schon etwas mehr zu bieten haben. Und da kann eine dritte und vierte Sprache enorm helfen. Mein Neffe hat Jura in Deutschland und England und in Madrid studiert. Er spricht neben deutsch, englisch und spanisch fliessend, hat jetzt mit 26 Jahren ein Top Angebot von der EU in Strassburg bekommen mit einem Traumgehalt.

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