Lernen Vom toten Pferd absteigen
Viele Schulen haben mit ihrer Reform selbst begonnen. Sie wandeln sich von einer hierarchisch geführten zu einer sich selbst regulierenden, lernenden Organisation. Zum Beispiel die katholische Bodenseeschule in Friedrichshafen
Frankreichs Präsident Sarkozy will dafür sorgen, dass alle Schüler aufstehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und ihn im Chor mit Bonjour begrüßen. Ich würde Herrn Sarkozy und anderen, die glauben, sie könnten Respekt und Autorität verordnen, gerne nach Friedrichshafen in die
Bodenseeschule
einladen.
Es ist eine katholische Grund- und Hauptschule. Die Hälfte der Schüler macht in einer angehängten 10. Klasse den Realschulabschluss. Es gibt dort keinen Lehrer, der für die Schulform Hauptschule eintritt. Aber davon lassen sie sich nicht abhalten, guten Unterricht zu machen. Der Lehrer ist morgens als Erster in der Klasse. Wie ein Gastgeber bereitet er sich und den Raum vor. Die meisten Schüler kommen ebenfalls vor Unterrichtsbeginn und legen los. Einfach so, ohne Gong. Eine Idylle? Nein. Alltag in der siebten Klasse von Franz Gresser. Die Schüler sind in der Pubertät. Das sei eigentlich die Katastrophe, hört man überall: siebte Klasse Hauptschule, oh je. Aber vom pädagogischen Lazarett ist hier nichts zu spüren. Woran liegt das?
Fächer wurden an der Bodenseeschule abgeschafft. An ihre Stelle sind Freiarbeit, vernetzter Unterricht und Projekte getreten. Diese, von Montessori inspirierte Pädagogik praktizieren seit vielen Jahren katholische Schulen im Südwesten. Die Grundzüge wurden im Marchtaler Plan formuliert. Er wurde nach einem ehemaligen Kloster benannt, wo er ersonnen wurde. Eine Grundidee ist die „vorbereitete Umgebung“. Man erkennt sie in der Klasse an den Regalen voller Arbeitsmaterial. Die Schüler bedienen sich daraus bei ihrer „Freien Stillarbeit“, die täglich die ersten drei Stunden einnimmt. Der eine macht Deutsch, der andere Geometrie. Jeder arbeitet auf unterschiedlichem Niveau, nach seinem eigenen Lernplan. Dieser entsteht im Dialog zwischen dem Lehrer und dem jeweiligen Schüler. Jeder Schüler hat sein Tempo. Jeder lernt auf seine Weise. Aber läuft das nicht auf ein pädagogisches Babylon hinaus, wenn jeder lernt, was er will?
„Wie schaffen Sie nur diese Ruhe in der Klasse, wenn jeder etwas anderes macht?“ Solche Fragen hört Lehrer Franz Gresser ständig. Er schmunzelt dann nachsichtig und antwortet nach einer kleinen Verzögerung, „Eben - weil jeder seine Sache macht.“ Auf jedem Tisch liegt der „Strecker“, ein linealgroßes Holz mit dem Namen des Schülers. Wer Gressers Hilfe braucht, stellt ihn aufrecht. Dann kommt der Lehrer vorbei. Manchmal übernehmen andere Schüler diesen Job.
Unlängst kam Bernhard Bueb. 30 Jahre war er Leiter des benachbarten Edelinternats Salem. Seit Kurzem ist er pensioniert und hat den Bestseller Lob der Disziplin geschrieben. Zwei Tage hospitierte er bei Gresser. „Die machen viel besseren Unterricht als wir“, attestierte der Salem-Mann. „Was ich da erlebt habe, sind Begeisterung, Arbeitshaltung und Konzentration, alles Eigenschaften, die sonst in der Schule selten sind.“
Die Lehrer an der Bodenseeschule und viele andere Erneuerer von Schulen haben sich diese neue Pädagogik selbst beigebracht. Man hört von ihnen fast gleichlautend, „wir haben von den Kindern gelernt“. Und die Lehrer lernen voneinander. An der Hochschule haben sie gewöhnlich nicht geübt, den Unterricht im Lehrerteam zu planen, und schon gar nicht, eine „vorbereitete Umgebung“ herzustellen. Oftmals haben sie nicht einmal davon gehört.
- Datum 19.06.2007 - 05:38 Uhr
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