Lernen Vom toten Pferd absteigenSeite 2/2

Das Unterrichtsmaterial in den Regalen haben Franz Gresser und seine Kollegen gemeinsam erstellt. Es gibt in dieser Schule Arbeitsplätze für Lehrer und einen Raum voller Ordner mit Unterrichtsvorbereitungen. Das sei, so sagen die Kollegen, das Gedächtnis der Schule. Die Regel heißt, wer aus einem Ordner etwas herausnimmt, gibt auch etwas zurück. Diese Maxime der Innenpolitik gilt auch für die pädagogischen Außenbeziehungen. Die Bodenseeschule ist mit ähnlichen Schulen in Kontakt, die sich in der Gruppe „ Blick über den Zaun “ zusammengeschlossen haben. Was mit einigen wenigen Reformschulen wie der Odenwaldschule, dem Internat Salem, der Laborschule Bielefeld oder der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden vor fast 20 Jahren begann, ist inzwischen ein lockerer Verbund von 54 Schulen, aufgeteilt in sechs Arbeitskreise.

Diese Schulen sind nicht geklont. Jede ist anders und doch sind sie verwandt. Sofort springt an ihnen „die Schönheit der individuellen Gestalt“ ins Auge, die Hartmut von Hentig „dem Ideal der Einheitlichkeit“ entgegensetzt. Diese Schulen sind institutionelle Individuen. Denn sie machen etwas, das nur Individuen können: Sie lernen. Sie sind souverän, aber auf Kooperation angewiesen. Man kann sie als unternehmerisch bezeichnen, jedenfalls sind sie keine pädagogischen Untermieter in einem angeblich übermächtigen System. Hauptakteure in diesem Lernprozess sind die Lehrer.

Die Pädagogen sind davon überzeugt, dass Veränderungen nur dauerhaft sind, wenn sie im Alltag entstehen. Heute stehe der Übergang von einer bürokratisch geführten und hierarchisch strukturierten zu einer sich stärker selbst regulierenden, lernenden Organisation an. Rahmenreglungen, Gesetze und eine gewisse staatliche Aufsicht werden nicht überflüssig. Aber wichtiger als die Aufsicht werden die Einsichten vor Ort und die Koevolution der Schulen untereinander. Bei ihren gegenseitigen Besuchen sparen sie nicht mit Kritik. Sie helfen sich gegenseitig über ihre blinden Flecke. Diese Schulen üben untereinander genau das Prinzip eines kooperativen Lernens, das sie von ihren Schülern erwarten. Man könnte auch sagen, so werden lernende Schulen zum Vorbild für ihre Schüler.

Die Nachrichten vom Gelingen werden vom „ Netzwerk - Archiv der Zukunft “ gesammelt. Es rappelt sich eine Intelligenz der Praxis. Mit ihr kommt eine interessante Mischung aus Vision und Pragmatismus auf. Diese Akteure stärken ihren Möglichkeitssinn und schärfen ihren Wirklichkeitssinn. Die lernende Schule schwimmt nicht auf Theoriewellen und schielt nicht nach Praxismoden. Ihr Maß ist das Gelingen und das ist immer individuell. Was gelungen ist, das ist zumeist evident, manchmal aber auch kontrovers. An Differenzen ist also kein Mangel. Könnte das nicht ein Ausweg aus dem wieder aufflackernden deutschen Bildungskrieg zwischen Anhängern von Gemeinschaftsschulen und dem zerklüfteten System vom Gymnasium bis zur Sonderschule sein? Schulen, die von ihrem jeweiligen Ausgangspunkt ihren Weg nehmen und dabei untereinander im Austausch sind? Und sollte der Staat nicht vor allem für die Ressourcen der Schulen, für ihre Infrastruktur und für das Einhalten von Standards sorgen?

„Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd sitzt, steig ab!“ Mit dieser Weisheit der Dakotaindianer hat sich Alfred Hinz Mut gemacht. Hinz war bis vor Kurzem Schulleiter der Bodenseeschule. Er ist der Spiritus Rector des Marchtaler Plans. Nun verbreitet er als Pensionär seine Ideen. Ihm geht es um Respekt vor dem „Eigensinn“ der Schüler. Der wurde lange ignoriert oder sogar bekämpft. Das ist für Alfred Hinz das Grundübel der alten Schule. „Ich kann doch nicht morgens einen Einheitsbrei über die Kinder gießen und sagen: Jetzt lernt, wie man Ruhrgebiet sagt.“ Dort ist Hinz im katholischen Milieu aufgewachsen. Die Quelle seiner pädagogischen Inspiration ist religiös. Kinder sind Funken Gottes. Individualität ist etwas Göttliches. Unterschiede sind keine Abweichungen vom großen Ideal, sie sind keine Abkömmlinge der Erbsünde. „Das Entscheidende“, sagt Hinz, „ist, dass wir kapiert haben, dass jedes Kinde einmalig ist, dass es nicht noch einmal auf der Welt existiert.“

Besucher verlassen die Bodenseeschule in Friedrichshafen heiter. Die Lehrer werden hier respektiert. Warum? Weil sie die Schüler respektieren. Respekt kommt ja vom lateinischen respektare, zurückblicken. Und die Lehrer haben in dieser Schule Autorität, weil sie den Mut haben, die Autoren ihrer Schule zu werden. Lehrer Franz Gresser übrigens begrüßt morgens jeden Schüler per Handschlag – oder begrüßen die Schüler ihn? Das lässt sich schwer sagen. Auch darin liegt eines der offensichtlichen Geheimnisse der gelungenen Schulen, die genauso schön wie alltäglich sind. Was sie machen, geht überall, wenn auch jedes Mal etwas anders. Aber auf Kommando funktioniert es nicht. Das sei Herrn Sarkozy und allen anderen Artisten gesagt, die auf toten Pferden reiten wollen.

 
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