Jetzt ist sie plötzlich wieder da: die Drohung, Europa zu spalten. Kerneuropa, Europa der zwei Geschwindigkeiten, Europa der konzentrischen Kreise – immer wenn es in der EU mal wieder stockt oder kriselt, werden solche Vorschläge aus der Schublade gekramt. Frei nach der Devise: Wenn diese EU nicht funktioniert, gründen wir eben eine neue. Dass es bisher allerdings immer bei den Drohungen geblieben ist und dass darüber nach der Krise immer alle froh waren, hat einen guten Grund: So einfach wie es klingt, ist die Neugründung Europas eben doch nicht.

Diesmal, kurz vor dem Europäischen Gipfel, sind die Polen schuld an der Debatte. Ihre Regierung droht, jeden Kompromiss zur Verfassung zu verhindern, sollte die Frage der Stimmrechte nicht in ihrem Sinne entschieden werden. Ja, sie hat den Sieg gegen den Rest der EU zu einer Frage der nationalen Ehre erklärt. Die Regel der auch von Warschau unterschriebenen Verfassung, die für Mehrheitsentscheidungen die Stimmen von 55 Prozent der Staaten und 65 Prozent der Bevölkerung verlangt, lehnt Polen ab. Stattdessen soll eine Quadratwurzelformel her. Dass alle anderen Regierungen die kompliziert und ungerecht finden, scheint Warschau geradezu anzustacheln.

Der Starrsinn nervt. Zumal diese polnische Regierung auch in der Vergangenheit nicht gerade als einer der Baumeister Europas aufgetreten ist. Konstruktive Vorschläge, Kompromisse – dafür ist sie nicht bekannt. Im Gegenteil: Das Misstrauen allem Europäischen gegenüber (vor allem, wenn es dann noch unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft daherkommt) scheint von Woche zu Woche zu wachsen.

Warum dann nicht den Schnitt machen? Warum nicht die Polen rauswerfen, und alle anderen Euroskeptiker gleich noch mit? Oder noch besser: Warum nicht einfach einen neuen Club ohne sie gründen? Weil das eben so einfach nicht ist. Weil es gut klingt, aber in der Realität so gut nicht wäre. Schon an der Frage, wer bei der Neu-EU dabei sein darf, würden sich nämlich die Geister scheiden. Sollen nur die Polen raus oder auch die europakritischen Briten und die Tschechen? Was ist mit den Niederländern und den Franzosen – in beiden Länder haben die Völker gegen die Verfassung, also gegen mehr Europa gestimmt. Und was ist mit den Inhalten? Was soll denn die neue EU tun, was die alte nicht macht?

Versuchen wir es konkret: Eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, so sollte man meinen, könnte eine Kern-EU endlich ernsthaft beginnen. Auf dem Gebiet wollen auch viele Bürger mehr Europa. Und genau das scheitert bisher am Widerstand der Euroskeptiker. Leider beginnen die Schwierigkeiten jedoch im Detail: Was machen wir beispielsweise mit all den Projekten, die die Alt-EU in der Außen- und Entwicklungspolitik betreibt? Machen wir die einfach zu? Wer vertritt die Neu-EU, wollen wir für die unseren europäischen Außenminister aufgeben? Oder kriegen wir dann neben dem Hohen Repräsentanten der Alt-EU noch einen der Neu-EU? Wie soll die Sicherheitspolitik Kerneuropas organisiert werden – neben der Alt-EU, der Nato und (wahrscheinlich) ohne die britische Armee? Sicherheitsexperten lachen bei all diesen Fragen nur noch mitleidig.