ZEIT online: Wie groß ist die Gefahr, dass das, was in Gaza geschehen ist, auf das Westjordanland übergreift?

Volker Perthes: Es gibt in der Tat ein Risiko, dass auch dort die Unruhen zunehmen und die Unzufriedenheit wächst. Von zwei Richtungen. Die eine ist Hamas, die es auch in Westjordanland gibt. Zwar ist sie dort viel schwächer als im Gazastreifen, aber sie stellt auch dort viele Stadträte und Bürgermeister. Da stellt sich die Frage, wie Fatah damit umgeht. Die zweite ist Fatah selbst. Möglicherweise wird es Zweifel an ihrer Führungsfähigkeit geben. Die Fatah-Basis könnte fragen, wer Gaza eigentlich verloren hat und wie das geschehen konnte.

ZEIT online: Sie waren vor kurz in Israel, wie reagieren die Israelis?

Volker Perthes: Es ist schon interessant, dass die Israelis so tun, als ob sie mit dem Ganzen nichts zu tun hätten. Mit dem Unterton: Wir haben uns ja vor zwei Jahren aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Aber wenn man nachfragt, werden teilweise Fehler eingeräumt. Die Bereitschaft zu sagen, eigentlich wollen wir auch mit dem Westjordanland nichts zu tun haben, nimmt zu.

ZEIT online: Aber in diesem Gebiet richten sich jüdische Siedler weiter ein.

Volker Perthes: Die Siedler sind tatsächlich eine kleine radikale Minderheit, deren Agenda von der großen Mehrheit der Israelis nicht geteilt wird. Die meisten Israelis würden einen großen Teil des Westjordanlands gerne loswerden. Nur sagen sie, das können wir wegen des Chaos jetzt nicht. Im Augenblick wird in Israel viel nachgedacht, wie man Jordanien ins Spiel bringen könnte, um die Lage zu stabilisieren.

ZEIT online: Wie könnte das geschehen?

Volker Perthes: Die Jordanier haben Einfluss und Familienbeziehungen im Westjordanland, sie haben eine gewisse Legitimität dort und sind aus israelischer Sicht verlässliche Partner. Und vor allem: es ist ein richtiger Staat. Bis jetzt hat man dem palästinensischen Staat nicht die Chancen gegeben, ein Staat zu werden. Israel hat den institutionellen Aufbau nicht gefördert, sondern unterminiert. Jetzt sieht man in der israelischen Politik ein, dass man als Nachbarn einen Staat braucht und nicht ein Gebilde ohne institutionelle Struktur. Da fällt ihnen zu Gaza Ägypten ein und zum Westjordanland Jordanien. Natürlich ist dieses Szenario noch unausgereift, aber diese Überlegung finde ich interessant.

ZEIT online: Würde Hamas auf Iran hören?