Fernsehen Nur kuscheln statt streiten
Zum Abschied von Sabine Christiansen als Polittalkmasterin. Ein Kommentar
Wenn es je Streit gegeben haben sollte in dieser Sendung, wenn je eine Lust an seriöser Kontroverse existierte im Fernsehen, wenn je politische Urteilsbildung Mode war in Deutschland, dann ist das jetzt endgültig vorbei. Ausgebügelt, geradegebogen, abgewürgt, weggelächelt. Mit einer finalen Umarmung der obersten Zeremonienmeisterin öffentlich-rechtlicher Streitkultur und des mächtigsten Diplomaten der Bundesrepublik endete am Sonntag eine Talkshow, die bis zuletzt im Ruf eines echten Disputierklubs stand. »Wissen Sie schon, was Sie nächsten Sonntag machen?«, fragte Sabine Christiansen kokett ihren Gast Horst Köhler. Der antwortete noch koketter: »An Sie denken!« Und dann umarmten sich Politik und Medien, derweil das gerührte Volk auf den teuren Zuschauerplätzen im ARD-Studio heftig applaudierte.
Kann man sich als Bürger darüber wirklich freuen? Dass der Bundespräsident seine kostbare Zeit mit galanten Heucheleien verplempert? Dass eine Journalistin demonstrativ den ersten Mann im Staate hofiert, weil dieser »über dem üblichen Parteienstreit steht«, und ihm zur Primetime bescheinigt, 82 Prozent der Deutschen fänden ihn sympathisch? Dass man uns zum tausendsten Mal versichert, wie wunderbar normal es sich in der schwarz-rot-goldenen Gegenwart lebe und wie glücklich die Nation »zum unverkrampften Umgang mit nationalen Symbolen zurückgekehrt« sei (was mit "zurück" gemeint sei und wozu man "nationale Symbole" brauche, blieb natürlich ungeklärt)? Sollen wir uns also freuen, dass Sabine Christiansen in ihrer Abschiedssendung keine einzige kritische Frage stellte?
Der Medientheoretiker Neil Postman hat Anfang der achtziger Jahre behauptet, das Fernsehen unterminiere unsere politische Urteilskraft, es führe zur Verkümmerung intellektueller Impulse. Das klang damals ein wenig hysterisch. Aber Sabine Christiansens Talkshow bewies, indem sie das Format der Scheinkontroverse perfektionierte, wie bitter recht Postman hatte.
Sonntagabends viertel vor zehn in der ARD träfen sich wichtige Menschen, um die wichtigen Themen der Woche zu diskutieren, so ging die Legende. Aber wer Sabine Christiansen regelmäßig einschaltete, der erlebte keine Kontroverse, sondern ihre Stilllegung. Zwar teilten nicht alle Gäste immer die Ansichten der Moderatorin. Aber das Kräfteverhältnis in der Runde war oft so, dass die große Mehrheit der anwesenden Politiker und Experten miteinander übereinstimmte beziehungsweise einen Status quo verteidigte, derweil die kritische Minderheit um Rederecht rang. Gern schnitt ihr die Talkmasterin das Wort ab, stachelte zwar zu wechselseitigen Beschimpfungen an, deckelte aber inhaltliche Auseinandersetzungen. So ignorierte sie kürzlich erst, als die CSU in Gestalt von Gabriele Pauly und die PDS in Gestalt von Sahra Wagenknecht gemeinsam am Aufschwung zweifelten, diese bemerkenswerte Allianz. Pauly und Wagenknecht polemisierten scharf gegen politische Schönrederei, traten mit ganz ähnlichen Argumenten als Anwältinnen der Arbeitslosen sowie all jener Geringverdiener auf, die vom angeblichen Aufschwung rein gar nichts spürten, doch Christiansen wechselte einfach das Thema. Viel interessanter als die wirtschaftliche, gar die soziale Lage erschien ihr plötzlich der possierliche Eisbär Knut!
Da merkte, wer es nicht längst gemerkt hatte, dass auch öffentlich-rechtliches Fernsehen nur Fernsehen ist und Christiansens Polittalkshow nur Show war: ein Instrument zur massenwirksamen Selbstvergewisserung. Erinnert sich noch jemand an die bissigen Nachfragen, das unbequeme Insistieren der frisch angetretenen Moderatorin? Im Laufe der Jahre hat Sabine Christiansen sich leider zur Stichwortgeberin professionalisiert. Sie opferte ihren aufklärerischen Anspruch auf dem Altar der Unterhaltung. Mit Eisbären kuscheln statt mit Politikern streiten! Und so war es nur konsequent, dass in ihrer letzten Sendung erst gar keine politischen Kontrahenten zugelassen wurden. Stattdessen saß man in trauter Zweisamkeit und plauderte über sich und die Welt, also Deutschland. Wie man als Bundespräsident überzeuge, wollte Christiansen wissen. Indem er den Menschen zuhöre und sie ernst nehme, sagte Köhler. Und wie habe die deutsche Politik sich in den letzten zehn Jahren verändert? Zum Guten habe sich Deutschland verändert! Nach dieser mutigen Offenbarung unterhielten die beiden sich noch ein wenig über Christian Klar, die »friedliche Freude« von 1989 und die Europäische Union, die mittlerweile ein bisschen zu groß sei. Außerdem verkündete Christiansen dem staunenden Publikum, 53 Prozent der Deutschen fänden, für den Klimaschutz werde nicht genug getan. Und Köhler erklärte, es sei »eigentlich auch Konsens in der Republik«, dass man den Sozialstaat erhalten müsse. Auf die geradezu partisanenhafte Frage, was bei der Wiedervereinigung »falsch gelaufen« sei, fiel Köhler ein, dass die Lohnentwicklung der wirtschaftlichen Entwicklung vorauseilte. Im Übrigen müsse »Bildung fast die wichtigste Aufgabe eines Landes sein«. Und Zuwanderung? Hierzu erklärte der Bundespräsident einer sehr jungen, sehr schönen, sehr blond gefärbten Türkin in der ersten Zuschauerreihe, sie sei einfach ein Schatz. Ein Schatz! Er wiederholte das mehrfach.
Da merkte, wer es bisher noch nicht gemerkt hatte, dass Politik eben auch bloß Fernsehen ist. Man lächelt, man neigt sich wie Sabine Christiansen dem prominenten Gesprächspartner so weit zu, dass man fast vom Stuhl fällt. Man tauscht Höflichkeiten und vermeidet Widerworte. Man sorgt dafür, dass die Leute lachen statt nachzudenken, und dass sie gar nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken. Wem das gelingt, der wird vom Bundespräsidenten umarmt und bekommt zum Abschied einen riesigen Strauß weißer Rosen geschenkt.
- Datum 25.06.2007 - 05:06 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 22
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... die mich darin bestätigt, recht getan zu haben, mich der "Christiansisierung" erfolgreich entzogen zu haben. Ich habe NIE auch nur ein Fitzelchen dieser Sendung gesehen. Dafür war mir meine Zeit immer zu schade.
Christiansen bot über Jahre hinweg nur ganz bestimmten Leuten ein Forum, welches sogar noch vom Gebührenzahler finanziert wurde. Lobbycontrol.de hat es ausführlich recherchiert-wer in den Sendungen vornehmlich "regierungskonforme" Vorträge halten durfte. Das ist eben Staatsfernsehen auf deutsche Art -und Weise - man braucht sich nur die Besetzung der Hauptstadtbüros von ARD/ZDF mit sog. politischen Journalisten anzuschauen.
Bei Christiannsen saßen zu oft Leute, die auf den Gehaltslisten unserer Parteien stehen-und natürlich würde man in einer seriösen Sendung darauf hinweisen. Aber das Deutsche Fernsehen hat sich, wie Politik(er) auch, schon längst von der Seriosität verabschiedet.
Hoffentlich hält Frank Plasberg sein Credo - "Hart, aber herzlich" - weiter durch.
Diese lauwarme Sonntagssuppe der Großköchin Christiansen, am liebsten hat sie Westerwille gekostet, schmeckte von Anfang an recht fad. Genau so fad waren allerdings auch viele Gäste, die diesen Mainstream-Brei probiert haben. Und als Feigenblatt resp. Bärlauch diente Oskar L., der die Suppe versalzen oder würzen wollte/sollte.
Falls es wirklich stimmt, dass Christiansen mit ihrer Crew für diese Walkshow (da geh' ich hin) neun Millionen Euro pro Jahr erhalten hat, dann relativieren sich ja die Preise für eine Fußballländerspielübertragung...
Anne: Will es besser machen - drücken wir ihr die Daumen!
Frau Finger ist einer der wenigen Leuchttürme dieser Zeitung. Auch ihr Artikel über die Nazis fand ich sehr zutreffend, nur solche Sätze wie "... nicht nur in Ostdeutschland" wirken wie Persilschein für die Zonis. Apropos, ein paar kritische Worte zu der zitierten Studie der Ebert- Stiftung wären auch angebracht. Die Bahamas allein zu zitieren, wirkt nicht immer überzeugend.
Schauen wir darauf, wer S. Christansen zum Abscheid den stärksten Beifall spendete: Die Dauer-Talkshow-Tingler Henkel und Westerwelle. Dies allein bestätigt im Nachhinein eindrucksvoll das Niveau von Christiansen.
Herr Köhler bewies einmal mehr, dass er über einen "Sparkassendirektor" wohl nie hinauswachsen wird.
Dafür, dass sich ein paar Politgrößen ob mehr oder weniger neurotisch bei einer ausgebildeten Stewardess profilieren durften, fand ich das Jahressalär für Frau Christiansen in Höhe von € 9.Mio (in Worten: neun Millionen) im Sinne eines Kosten/Nutzen-Verhältnisses ein wenig übertrieben.
Zumal sich hier die Protagonisten stets im Ring der Political Correctness "bekämpften". Aber was will man schon von der obersten Zensurbehörde Deutschlands, der ARD, anderes erwarten. Von ihrer Nachfolgerin jedenfalls erwarte ich nichts.
Mit anderen Moderatoren wie Sandra Maischberger konnte sie nie konkurrieren. Ich wundere mich immer noch, wie sie diese Stelle von der ARD bekommen hat.
Die "altersmilde" Frau Christiansen kritisierte in ihrer letzten Sendung die stagnierenden und zurückgehenden Einkommen aus Arbeit und die explodierenden Gewinne, Managergehälter und Wertschöpfungen aus Kapitalerträgen.
Sie weicht den Folgen dieser Entwicklung allerdings aus und lebt fürderhin in Paris.
Das der-Wirtschaft-nach-dem-Mund-reden kam wohl nicht aus dem Innersten dieser Frau sondern war von Sachzwängen gesteuert. Wohl wie in allen Medien - der werfe den ersten Stein!!
Sympathisch war die Auswahl und ihre Reaktion zum Höhepunkt der Sendung: Dittsche, der mit Doppelklebeband seine Nachbarin mit "Merkel-Beinen" den Christiansen'schen -Beinüberschlag nachspielen ließ. Ein absolutes Highlight bei dem nur die laufende Christiansen-Reaktion in einem Split gefehlt hat. Sie hat sich sicher gebogen vor Lachen.
Chapeau Madame
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