Kolumne Flüssiges Viagra für die Sinne

Früher galten Winzer als beschränkte Weinbauern in Gummistiefeln, heute werden sie verehrt und gehuldigt. Der Auftakt zu unserer neuen Weinkolumne »Eingeschenkt« über Wein, Winzer und ihre Welt

In der rheinhessischen Schweiz lässt man es sich wieder richtig gut gehen. Von Hügel zu Hügel zieht die Karawane durstiger Weinfreunde durch die berückende Landschaft, die Schwelger mit der Toskana vergleichen. Die Wochenend-Gourmets ziehen in die Weingüter ein, auf den Parkplätzen werden Limousinen ausgestellt, die nicht nur dafür bestimmt sind, gefahren zu werden. Diese Pferdestärken sind Bestandteil einer Leistungsschau von Wohlstands- und Statusgehabe.

Auch im Weingut Steitz in Stein-Bockenheim füllt sich der mediterran in Terrakotta-Farben gehaltene Innenhof, bald wird das Spargelmenü aufgetragen, Gernod Steitz erklärt dabei seine gefälligen Weine. Der Winzer gibt den Conférencier, den charmanten Plauderer, bei dem kaum ein Thema ausgespart bleiben muss. Die Klimakatastrophe? Die lässt sich angemessen zwischen Weiß- und Grauburgunder darstellen, die komplexen Zusammenhänge der Globalisierung werden viel leichter durchschaubar bei einem Glas des cremigen Spätburgunder Blanc de Noir.

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Weingüter zählen zu den florierenden Lust- und Debattierbetrieben der Nation. Wer tritt schon Sehnsuchtsfahrten nach Italien an, wenn in Deutschland die Toskana gleich mehrfach blüht: in der Pfalz, Rheinhessen und in Baden.

Die deutschen Winzer haben den größten gesellschaftlichen Aufstieg hinter sich, zählen inzwischen mehr als unsere Ärzte, diese tief gefallenen Halbgötter. „Vor wenigen Jahren waren wir noch die beschränkten Weinbauern mit den roten Nasen und den gelben Gummistiefeln“, wundert sich auch Gernod Steitz über die rapide angestiegene Wertschätzung seines Berufstandes. Es ist noch nicht allzu lange her, als Winzer hierzulande als kleinkriminelle Panscher geächtet wurden, neben Autoschiebern, Kreditbetrügern und Kleindealern weit unten in der gesellschaftlichen Bewertungsskala zu finden.

Heute wird den Winzern gehuldigt, als füllten sie in ihre Flaschen das Versprechen auf ein grenzenlos raffiniertes, genussreiches und nie enden wollendes Dasein: Flüssiges Viagra für die Sinne. Wer etwas auf sich hält, sucht die Nähe zu diesen beredten Visionären, die im Gegenzug von ihrer prestigebewussten und kaufkräftigen Klientel profitieren. Eine Symbiose, die augenscheinlich auf Genuss basiert, die aber viel weiter reicht. In den Kellern der angesagten Winzer trifft sich zum Austausch, was sich für die gesellschaftliche Elite hält.

Sie sind Stars geworden, unsere guten Winzer. Einer davon, Daniel Wagner, werkelt wenige Kilometer und Hügel weiter in Siefersheim im Weingut Wagner-Stempel . Unter Kastanien- und Orleanderbäumen berauschen sich Weinpilger an der Qualität des faszinierenden Rieslings vom vulkanischen Porphyrgestein, der einem schnell zum Tagträumer werden lässt. Vor kurzem kam auch der Ministerpräsident des Landes zu Besuch, um ausländischen Kollegen vorzuführen, was zu leisten man in Rheinland-Pfalz im Stande ist.

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