Welche Auswirkungen ein totales Abgleiten in die virtuelle Welt und vor allem brutale Ego-Shooter auf Gehirn und Psyche junger Menschen haben kann, erklärt der Psychiater Bert te Wildt von der Medizinischen Hochschule Hannover im Interview mit ZEIT Online.

Können Killerspiele die Persönlichkeit eines Menschen verändern?

Aus meiner Sicht spricht die momentane Forschungslage dafür. Bei Kindern und Jugendlichen, die schon früh mit diesen Spielen anfangen, können sich tatsächlich neuronale Wege bahnen, die bei entsprechender Disposition zu erhöhter Gewaltbereitschaft führen könnten.

Je jünger die Spieler, desto beeinflussbarer sind sie also?

Das ist ganz sicher so. Wir wissen, dass im Kinder- und Jugendalter die Bahnung von Nervenfasern im Gehirn für Reaktions- bzw. Verhaltensmuster besonders ausgeprägt ist. Die Verbindungen, die da geknüpft werden, sind nur schwer wieder rückgängig zu machen. Und sie stehen auch nicht mehr für das Erlernen von Fertigkeiten zur Verfügung, die wichtiger sind als Computerspielen.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Kinder und Jugendliche diese Gewalt auch in der Realität einsetzen?

Wenn man sich verschiedene Amokläufe ansieht, zum Beispiel die in Littleton oder in Erfurt, ist zu erkennen, dass die Abläufe von einem geradezu „perfekten Timing“ gekennzeichnet waren und die Schüsse äußerst präzise abgefeuert wurden. Man bekommt den Eindruck, dass diese jungen Männer wie „Kampfmaschinen“ funktionierten. Das haben ihnen letztlich die Computerspiele beigebracht. Ego-Shooter basieren ja ursprünglich auf Computersimulationen für das Militär. Diese wurden insbesondere dazu geschaffen, die Hemmung, andere Menschen zu töten, abzutrainieren. Wenn jemand diese Hemmung einmal überwunden hat, kann das in der Computersimulation gebahnte Programm im Extremfall "angeworfen" werden und sich im Sinne eines einfachen Reiz-Reaktions-Schemas auf fatale Weise "abspielen".

Viele Spieler wehren sich gegen den Vorwurf, dass Gewalt-Computerspiele ursächlich für Amokläufe oder andere Gewaltverbrechen sind. Immerhin reagiert der Großteil der Spieler in der Realität nicht gewalttätig.

Gewalthaltige Computerspiele allein machen niemanden zum Amokläufer. Für keine psychische Erkrankung und kein psychisches Phänomen gibt es einfache kausale Erklärungsmodelle. Das heißt aber nicht, dass man sich einzeln identifizierte Gründe, in diesem Fall die so genannten Ego-Shooter, nicht genau anschauen müsste. Da sehe ich durchaus Handlungsbedarf.