Wie viele studierte Frauen in Deutschland keine Kinder haben, das war in den vergangenen Monaten oft Kernpunkt hitziger Debatten : Es ging immerhin um die Zukunft einer angeblich vergreisenden Republik. Meist unbeachtet blieb dabei, dass tatsächlich niemand sagen konnte, mit wie vielen kinderlosen Problemfrauen man es da überhaupt zu tun hatte. Die genannten Quoten kinderloser Akademikerinnen schwankten zwischen 25 Prozent und 40 Prozent- je nachdem, welchen Forscher man fragte, und welche Datengrundlage dieser verwendete.

Denn eine einheitliche, korrekte Erfassung der Kinder durch das Statistische Bundesamt gibt es bislang nicht - weil zwei Statistikgesetze dies bisher verhinderten. Die Standesämter durften nur Kinder aus bestehenden Ehen zählen. Wenn eine Mutter also erstmals oder wieder heiratete, begann die Kinderzählung grundsätzlich bei Null, die Frau tauchte als Kinderlose in der Statistik auf, obwohl sie es nicht war. Angesichts der Tatsache, dass der Anteil nichtehelicher Geburten inzwischen fast 30 Prozent beträgt, im Osten der Republik gar noch mehr, sind diese erhobenen Daten zur Kinderlosigkeit also schlicht falsch.

Auch deshalb diente als amtliche Quelle für die Kinderzahl der sogenannte Mikrozensus. Die jährliche Befragung von einem Prozent der deutschen Haushalte gilt als hervorragende Basis für die demografische Statistik. Aber gerade in Bezug auf die Erhebung der Nachwuchsziffern gab es auch hier einen dicken Haken: Das Mikrozensusgesetz erlaubte nur, die aktuell im Haushalt lebenden Sprösslinge zu erfassen. Kinder, die zum Zeitpunkt der Befragung schon ausgezogen waren oder nach einer Scheidung beim Vater lebten, fielen bisher unter den Tisch. Die häufig zitierte, aus den Daten des Mikrozensus berechnete Ziffer von 40 Prozent kinderloser Akademikerinnen kann daher nicht stimmen, sie war sogar regelrecht diskriminierend - das hatten Recherchen von ZEIT online bereits im vergangenen Jahr offengelegt.

Zwei kleine Anpassungen im Mikrozensusgesetz und im Bevölkerungsstatistikgesetz haben das statistische Zähl- und Frageverbot nun auf einen Schlag aus der Welt geschafft. Demografen und Familienforscher jubeln, denn mit der aktuellen Initiative des Gesetzgebers hatte eigentlich niemand mehr gerechnet. "Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben", sagt Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Alle Versuche, die beschränkte Datenerhebung zu verändern, um endlich eine korrekte Grundlage für die heftigen Bevölkerungsdebatten zu schaffen, waren zuvor an der Blockadehaltung der Politiker gescheitert.

Zuletzt legte sich 2005 der Bundesrat quer. Die Länderkammer entschied gegen die Initiative der damaligen rot-grünen Bundesregierung, die Frage nach den leiblichen Kindern in den Mikrozensus aufzunehmen. Der Grund: Es sei unzumutbar für eine Frau, einem Interviewer - und das möglicherweise auch noch in Anwesenheit ihres Partners - die Zahl der von ihr geborenen Kinder zu offenbaren. Im Mikrozensus durfte weiterhin nur die Zahl der Kinder erhoben werden, die im Haushalt leben. Statistiker mussten die Anzahl tatsächlich und endgültig Kinderloser Frauen weiter grob schätzen .

Doch plötzlich kann sich die Politik mit der Frage nach den leiblichen Kindern anfreunden und auch der unehelichen Sprösslinge schämt sich offenbar niemand mehr. Ohne Debatte winkte der Bundestag die seit Jahren geforderten Änderungen am Donnerstag einfach so durch, mit den Stimmen von CDU, SPD und FDP. Was war passiert?

Ausgelöst hat das kollektive Umdenken die 29-jährige CDU-Abgeordnete Krista Köhler. In kurzer Zeit überzeugte sie zuerst dem Innenausschuss der CDU-Fraktion, in dem sie als Fachpolitikerin für Statistik und Demografie arbeitet. In Maik Reichel, dem 35-jährigen Kollegen im SPD-Innenausschuss fand sie einen begeisterten Mitstreiter, der seine eigenen Parteikollegen bearbeitete. Und schon war der Gesetzesinitiative der jungen CDU-Frau der Weg geebnet: Im Fragebogen des Mikrozensus steht ab Januar 2008 die Frage nach den eigenen Kindern, und die Standesämter zählen alle Neugeborenen gleichermaßen, ob ehelich oder nicht-ehelich.