Literaturtage Gewellter Käse

Wenn für den Ingeborg-Bachmann-Preis drei Tage lang Literatur verlesen wird, kann das anstrengend sein. Gut, dass die Hoffnung auf Textfunde alle wach hält: Zuhörer, Schriftsteller und Jury. Ein Stimmungsbild aus Klagenfurt

Alice schwitzt. Sie rutscht auf der Holzbank hin und her und legt bald stöhnend ihre Jacke ab. Das Scheinwerferlicht drückt ihr aufs blonde Haar, auf den Bänken hinter ihr flüstert und tuschelt es aufgeregt. "Lange halt ich das hier nicht aus", sagt die Germanistikstudentin aus Wien. Dabei hat er erst angefangen, hier im Lesesaal des ORF-Theaters in Klagenfurt, einem Fernsehstudio, der erste Tag des Lesewettbewerbs der deutschsprachigen Literatur. Es ist neun Uhr am Donnerstagmorgen. Es wird der erste Text des Tages verteilt, auch an jene Zuschauer, die nur auf dem Boden Platz gefunden haben. Sie schauen vor sich zum beleuchteten Halbkreis, in dem elf Tische mit Wasserflaschen stehen. Dahinter sitzen die Juroren und Ernst A. Grandits, der Moderator des 31. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. Nur ein Platz ist noch leer.

Dorthin setzt sich Jagoda Marinic, die erste von siebzehn jungen Autoren, wie alle von einem Juror vorgeschlagen. In dem Videoporträt, das jeder der Eingeladenen von sich aufnehmen musste, sagt Marinic, ohne das Wort gäbe es nichts. Einen Augenblick später gibt es nichts außer ihrem Wort, unterbrochen hin und wieder nur vom synchronen Rascheln der Papierseiten, wenn der Saal umblättert. Das Publikum nickt stumm, runzelt angestrengt die Stirn. Mit fester Stimme liest Marinic vor, die Geschichte einer Bibliothekarin in Berlin, die nichts will außer ihrer Ruhe.

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Alice zeigt auf die Bänke und flüstert: "Die mit den Anzügen, das sind die Verleger. Die mit den Schirmmützen, die vom Fernsehen. Die, die mitschreiben, die Reporter." In einer der vorderen Reihen dudelt plötzlich ein Melodiehandy. "Und das sind die Schulklassen." Alice kennt das, sie ist zum dritten Mal in Klagenfurt. Marinics namenlose Heldin ist inzwischen auf Seite zehn angekommen. "Ich brauch einen Kaffee", sagt Alice. Auf der Treppe deutet sie zurück zum Saal: "Also das kann ich auch."

Das kann ich auch. Das hatte sich Kathrin Passig ebenfalls gesagt, bevor sie im vergangenen Jahr den Haupt- und den Publikumspreis gewann. Viele Kritiker sahen den Ernst der Veranstaltung gefährdet, andere fanden Passigs Herangehensweise erfrischend. Seit einiger Zeit geistert die Frage durch die Feuilletons, welche Bedeutung der Ingeborg-Bachmann-Preis überhaupt noch habe.

In der Cafeteria sitzen Besucher und gucken auf einem Fernseher dem zu, was ein Stockwerk über ihnen passiert. Die Jury ist an der Reihe. "Sprachlich war mir das zu flau", sagt Jurorin Ilma Rakusa. "Der Text trägt ein gymnasiales Gefühl", sagt der Österreicher Klaus Nüchtern und Kritiker Ijoma Mangold findet den Text "wut- und mutlos, nicht so wie Thomas Bernhard...." Die Espressomaschine knarrt in die Kritik, an den Computerplätzen klacken Tasten, Menschen drängen zu den Brötchen, auf denen sich der Käse wellt. "Hier ist’s viel angenehmer", sagt eine ältere Frau.

Alice steht vor dem Büchertisch im gefliesten Foyer und trinkt ihren Kaffee. Aus Lautsprechern spricht bereits der nächste Kandidat. Christian Bernhardt. Literatur im Halbstundentakt. Was sie hier haben heißt Bernhardts Text. Exemplare seines Buches Tagelang liegen ordentlich gestapelt auf dem Tisch, Buchrücken an Buchrücken mit denen seiner Konkurrenten. Auf der anderen Seite des Tisches: die gesammelten Werke von Ingeborg Bachmann, der Klagenfurter Heldin. Bachmann, Bachmann, Bachmann. Seit acht Uhr lehnt eine Buchhändlerin einer örtlichen Buchhandlung am Tisch und geht erst, wenn der letzte gelesen hat. Zum vierten Mal. Viele Bücher verkaufe sie nicht, sagt sie. "Es ist ja keine Literatur für ein Massenpublikum." Hier müsse man schon den Kopf anstrengen. "Es lesen oft stilbildende Autoren. Kein Coelho und auch keine Leon." Am besten liefen immer die Autoren, die von der Jury gut besprochen werden.

Leser-Kommentare
    • tremul
    • 29.06.2007 um 20:49 Uhr

    David,
    Karin heißt Kathrin. Ich weiß das du das weißt, aber das macht es nicht besser.

  1. Ist geändert. Danke für den Hinweis.

    Beste Grüße,
    David Hugendick

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