ZEIT online: In der neusten Pressemitteilung schreibt ihr Institut: „Nie war es in Deutschland über einen Zeitraum von zwölf Monaten so warm wie zwischen Juni 2006 und Mai 2007“. Was ist damit gemeint?

Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe: Wir haben über jeweils zwölf Monate den Temperaturmittelwert berechnet. Und dabei kommt raus, dass im Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate die Temperatur um drei Grad höher lag als das langjährige Mittel.

ZEIT online: Aber war es wirklich „nie“ so warm? Waren die Temperaturen in der mittelalterlichen Warmzeit nicht höher?

Gerstengarbe: Ja, richtig, es ist eigentlich gemeint: Seit Aufzeichnungsbeginn. Das ist 1893 für unsere Potsdamer Messstation. Für ganz Deutschland haben wir Daten seit 1951. Auch für sie zeigt sich: Der langjährige Temperaturdurchschnitt liegt bei acht Grad, und für die letzten zwölf Monate bei elf Grad. Das ist ein Extrem, ein neuer Rekord.

ZEIT online: Drei Grad Abweichung nach oben, kann das nicht auch eine statistisch ganz gewöhnliche Schwankung sein?

Gerstengarbe: Nein, das kann man statistisch sichern, dass das ein Ausreißer ist, der mit dem, was wir vorher beobachtet haben, nichts zu tun hat.

ZEIT online: In der Pressemitteilung ist die Rede von einer "Beschleunigung der Erwärmung in Deutschland, wie sie von Klimaforschern nicht erwartet wurde." Glauben Sie als Forscher daran?

Gerstengarbe: Da würde ich gar nicht spekulieren. Hier geht es ja nicht um glauben. Ich würde abwarten, was in den nächsten Monaten passiert.

ZEIT online: Auf der Presseseite Ihres Instituts finden sich aus den vergangenen zwölf Monaten drei Meldungen zu neuen Wärmerekorden: Neben der aktuellen Meldung haben Sie bereits im November 2006 den wärmsten Herbst gemeldet und im vergangenen Juli spekuliert, ob es 2006 einen neuen Jahrhundertsommer geben wird . Ist das wirklich nötig?

Gerstengarbe: Sie haben natürlich Recht, daraus hätte man durchaus eine Meldung machen können – wenn man denn gewusst hätte, dass schon Schluss ist mit dem Temperaturanstieg. Aber wir gehen ja kontinuierlich durch die Datenreihen. Und nun beobachten wir schon ein gesamtes Jahr mit allen vier Jahreszeiten, die zu warm waren. Das ist schon etwas Neues.