Nun also Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz. Es fällt inzwischen schwer, anders als resignatorisch auf die Nachrichten immer weiterer jugendlicher NS-Verstrickungen einer Generation von Schriftstellern und Intellektuellen zu reagieren, die einst das empörte Gewissen der Nation zu sein beanspruchte.

Walter Jens in der NSDAP? Das war noch ein Schock. Günter Grass in der Waffen-SS? Das war schon nur mehr ein Ärgernis, genährt vom langen Schweigen über ein biografisches Detail. Aber Siegfried Lenz? Wir glauben seiner menschenfreundlich-moralisch-verschusselten Natur ohne Weiteres, dass er sich nicht mehr erinnern konnte, als 17-Jähriger der NSDAP beigetreten zu sein. Rechthaberei liegt ihm fern, anders als Grass hätte es ihn nicht angestrengt, eine jugendliche Torheit einzugestehen.

Ein wenig anders liegen die Fälle bei dem notorisch links engagierten Kabarettisten Hildebrandt und bei Martin Walser, der umgekehrt die linke „Instrumentalisierung“ der NS-Verbrechen gerne beklagt hat. Hier gibt es einen unglücklichen Link zwischen öffentlicher Rede und dem biografischen Faktum. Mag auch das eine mit dem anderen nichts zu tun haben und die Parteizugehörigkeit halber Kinder ohnehin kein Maßstab sein – es bleibt nicht aus, dass man sich fragt, woher Hildebrandt die höhnische Selbstgewissheit nahm, mit er den deutschen Normalspießer als ewig latenten Nazi karikierte. Hätte er sich nicht mit einschließen müssen?

Noch ärger könnte das jugendliche Parteivorleben bei Walser gedeutet werden: als habe er sich immer selbst verteidigen wollen, wenn er gegen die zwanghafte Beschäftigung der Medien mit der Nazizeit, gegen die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ wetterte. War „unsere“ Schande nicht zuvörderst seine? So könnte man, böse insinuierend, fragen.

Aber wir fragen nicht. Wir sind es leid. Wir glauben, dass die Herrschaften sich nicht mehr erinnern konnten, jemals der Partei beigetreten zu sein. Wir glauben, auch ohne jede historische Expertise, dass es kollektive Parteiaufnahmeverfahren gegeben hat, von denen der Einzelne nichts wusste. Wir glauben, dass unsere großmäuligen Großprominenten in ihrer Flakhelferpubertät die wollig weichsten Schäfchen waren.

Das alles glauben wir gerne und so großzügig, wie nur echte Resignation großzügig sein kann. Wir ziehen es nämlich vor zu glauben, weil wir nicht wieder und wieder belogen werden wollen.