Am Wochenende war das Rauschen zunächst groß, als das Bundesarchiv in Berlin einen Bericht bestätigte, wonach drei bekannte Deutsche Mitglied der NSDAP gewesen seien. Schließlich ging es dabei um die beiden Schriftsteller Martin Walser und Siegfried Lenz sowie um den Kabarettisten Dieter Hildebrandt. Alle drei waren in ihrer Jugend in der nationalsozialistischen Partei NSDAP. Sie haben nach eigenen Angaben jedoch nichts von ihrer Mitgliedschaft gewusst. Bei Recherchen des Magazins Focus über die sogenannte Flakhelfer-Generation seien entsprechende Unterlagen aufgetaucht, sagte der zuständige Abteilungsleiter des Bundesarchivs.

Hildebrandt und Walser sagten, sie hätten keinen Aufnahmeantrag unterschrieben und auch nichts von einer NSDAP-Mitgliedschaft gewusst. Der Verlagsleiter von Hoffmann & Campe bestätigte das Gleiche für den schwer kranken Siegfried Lenz.

Der Abteilungsleiter des Bundesarchivs zweifelte diese Darstellungen jedoch indirekt an, indem er sagte, für die Aufnahme in die NSDAP seien schriftliche Anträge mit eigenhändiger Unterschrift vorgeschrieben gewesen. Derartige formale Vorschriften seien nach den Erkenntnissen seiner Behörde auch während des Krieges streng eingehalten worden. Auch der Historiker Michael Buddrus vom Institut für Zeitgeschichte kommt laut Focus zu dem Ergebnis, dass eine Aufnahme in die Partei ohne eigene Unterschrift unwahrscheinlich sei.

Hildebrandt, der im Februar 1944 als Luftwaffenhelfer in Oberschlesien war, sagte der Bild am Sonntag ähnlich wie zuvor schon in der NDR-Talkshow am Freitagabend: «Meine Mitgliedschaft in der NSDAP war ein Geschenk des Reichsjugendführers Axmann an den Führer zu dessen 55. Geburtstag. Das betraf meinen gesamten Jahrgang. Jedenfalls alle, die ehrwürdig waren. Das waren alle, die wie ich in der damaligen Zeit Luftwaffenhelfer waren. Da stand man automatisch auf der Liste, musste also keinen Antrag stellen, nichts unterschreiben.»

Walser verwies ebenfalls in der Bild auf einen vergleichbaren Erlass der Partei-Kanzlei vom 11. Januar 1944. Darin verfügte Reichsleiter Martin Bormann, alle Jahrgänge 1926 und 1927 der Hitlerjugend sollten eine Erklärung abgeben, welcher Gliederung sie beitreten wollen. Die Namen und Anschriften hätten danach «listenmäßig» den örtlichen Führern übermittelt werden müssen. «Ich hätte niemals die NSDAP gewählt», versicherte Walser.

Diese Aussagen unterstützte der «Chefhistoriker» des ZDF Guido Knopp, indem er sagte: «Es gab Fälle der kollektiven Aufnahme in die NSDAP ohne Wissen und ohne Zutun der Betroffenen.» So sei es nicht verwunderlich, dass der Zeitung eine Kopie der NSDAP-Zentralkartei Walsers vorliegt mit dem Namen Martin Walser, dem falschen Geburtsdatum 24.5.27 (Walser wurde am 24. März 1927 geboren), der Mitgliedsnummer 9742136, dem Ausstellungsdatum der Mitgliedskarte 5. April 1944, dem Aufnahmedatum 20. April 1944 (Hitlers Geburtstag) sowie der Ortsgruppe Wasserburg im Gau Schwaben. Dazu sagte der Schriftsteller: «Ich habe mich nie beworben, an dieser Partei teilzunehmen. Ich habe keinen Antrag gestellt. Stellen Sie sich vor, als 16-Jähriger würde ich in Wasserburg in die NSDAP eintreten. Das ist absurd.»

Erst im vergangenen Jahr hatte Literaturnobelpreisträger Günter Grass mit seiner Autobiografie Beim Häuten der Zwiebel für Aufregung gesorgt, in der er erstmals seine kurzzeitige Zugehörigkeit zur Waffen-SS als Jugendlicher gegen Ende des Zweiten Weltkriegs publik gemacht hatte. Zuvor waren bereits andere prominente Literaten beziehungsweise Literaturwissenschaftler mit der späten Entdeckung ihrer NS-Karteikarten konfrontiert worden wie Walter Jens, Walter Höllerer (Mitbegründer der «Gruppe 47») und Peter Wapnewski.

Höllerer gestand seine Mitgliedschaft ein, der Germanist Wapnewski hielt sie für möglich, obwohl er nie ein Parteibuch gesehen habe, und Jens hatte «keine Erinnerungsbilder» an seine Mitgliedschaft. Grass hatte sich damals gegen den «Hämeton» der Kritiker in diesen Fällen gewandt: Mit Enthüllungen dieser Art könne man «nicht ein Leben zudecken».