Lernen Schneller schreiben
Es gibt viele Wege, richtig lesen und schreiben zu lernen. Welcher aber ist der richtige? Automatisiertes Pauken oder freies Improvisieren?
Der Psychotherapeut Fritz Jansen aus München reist zurzeit mit seinem Lernkonzept durch die Bundesrepublik. „Meine Seminare sind extrem gut besucht“, sagt er zufrieden. An vier Tagen ist er in Hamburg, Berlin und in der Nähe von München vor knapp 800 Neugierigen aufgetreten.
Vor allem Lehrerinnen in den besten Jahren pilgern in Jansens Massenseminare. Sie tragen alltagstaugliche Schüttelfrisuren und Lesebrillen mit bunten Halsbändern. Zwischen 24 und 35 Euro haben sie für ein paar Stunden Jansen hingeblättert. Annett Arndt bereut es nicht. „Ich lerne hier eine völlig neue Sichtweise kennen“, sagt die Grundschullehrerin aus dem Berliner Osten. Sie hat von Jansen erfahren, dass Schüler angeblich nach „genetisch gegebenen Regeln“ das Lesen und Schreiben lernen. Der renommierte Springer-Verlag veröffentlicht Ende Juli Jansens Deutschkurs „Lesen und Rechtschreiben lernen nach dem IntraActPlus-Konzept“. „Schneller Lesen und Schreiben lernen – eine Antwort auf Pisa“, verspricht die Verlagswerbung.
Jansens Lernkonzept für Grundschüler wischt fast alles beiseite, was derzeit im Deutschunterricht an Grundschulen zum guten Ton gehört. Bunte Bilder neben Fibeltexten? Die lenken nur ab, sagt Jansen. Anlauttabellen, aus denen Erstklässler ihre eigene Buchstabensuppe zusammenrühren? Die verwirren nur. Schreiben nach Gehör? Das verzögert den Lernvorgang. Jansen predigt das Pauken. „Der Leseprozess muss automatisiert werden“, sagt er. Deshalb sei jeder Lernschritt so lange zu wiederholen, bis er richtig sitze. Außerdem müssten Aufgaben auf dem immer gleichen Weg gelöst werden. Jansen und seine Mitautoren leiten ihre Thesen aus Lernexperimenten der späten siebziger Jahre ab und entwickelten eine eigene Lernmethode, die auf Jansens verhaltenstherapeutischer Arbeit basiert.
IntraActPlus provoziert Widerspruch, bevor es auf dem Markt ist. Der Siegener Grundschulpädagoge Hans Brügelmann bezweifelt, dass Lernvorgänge nach dem Jansen-Schema ablaufen. „Das Schreibenlernen ähnelt dem Sprechenlernen“, sagt Brügelmann, „Kinder vereinfachen Regeln, um sich möglichst frühzeitig auszudrücken.“ Wer eine Sprache lerne, müsse sein Hirn immer wieder neu organisieren. Auch was schon 20-mal gepaukt worden sei, verändere sich durch neue Erfahrungen.
Brügelmann gehört zu den Fürsprechern des freien Schreibens. Die Methode ist sozusagen das Gegenteil von IntraActPlus. Der Schweizer Pädagoge Jürgen Reichen hat sie erfunden. Beim freien Schreiben dürfen ABC-Schützen Texte auf Papier kritzeln, ohne auf Rechtschreibregeln zu achten. Die passenden Buchstaben klauben sie sich aus einer Anlauttabelle zusammen. Richtig schreiben lernen sie später. „Wenn den Kindern von Anfang an gesagt wird, dass es eine Erwachsenenschrift gibt, fällt es ihnen nicht schwer, sich umzustellen“, sagt Brügelmann.
- Datum 02.07.2007 - 06:16 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Da hört mans mal wieder: Das Einzige, was ein besseres Schulergebnis bringt, ist ein besserer Unterricht. Es gibt sicher nicht nur eine, sondern mehrere Möglichkeiten einen guten Unterricht zu machen. An dieser Stelle werden immer wieder erfolgreiche Methoden vorgestellt. Wie gut oder schlecht ein Unterricht ist, lässt sich an der Summe der Leistungen aller Schüler ganz gut ablesen. (Oder am Mittelwert mit möglichst geringer Streuung.) In erster Linie muss die Schule aufhören, die Kinder für die erbrachten Leistungen verantwortlich zu machen. Die Kinder haben den geringsten Einfluss auf ihre Leistungen. Sie sind voll und ganz darauf angewiesen, was ihre Lehrer ihnen bieten. Ja, die Kinder brauchen einen Erfolgsnachweis, um die Motivation aufrecht zu erhalten. Aber Leistungsbeurteilungen sollten nicht die Kinder, sondern die Lehrer bekommen, denn die sind es, die Leistung erbringen sollen, dafür bekommen sie ein Gehalt.
Es genügt nicht, gute Unterrichtsmethoden vorzustellen, um es dann den Lehrern zu überlassen, ob sie diese anwenden, oder ignorieren, oder gar ins Gegenteil verkehren.
soll ein Kind, dass in den ersten Schuljahren freies Schreiben praktiziert, Rechtschreibregeln lernen? Meinem Sohn (2. Klasse) bimse ich tagein, tagaus die gängigsten Rechtschreibregeln ein, auf die in der Schule noch überhaupt kein Wert gelegt wird. Doppelkonsonanten (kurzer Vokal, langer Vokal), Endungserkennung (d,t) durch Beugung bzw. Mehrzahlbildung (z.B. blond, die blonde Puppem, Brot/Brote), e oder ä aufgrund von Einzahl-/Mehrzahlbildung (z.B. Zahn, Zähne), all diese Eselsbrücken gibt es bei uns nur daheim im ergänzenden Deutschunterricht. In der Schule schreibt er nach Gehör. Doch später fragt sich dann jeder, warum unsere Kinder nicht richtig schreiben können. Irgendwann werden sie für pisa-untauglich erklärt, weil sie "Tädiber" schreiben. Woher aber, wenn nicht aus der Schule und zwar von Anfang an, soll die Rechtschreibung denn kommen? Ganz übel sieht es bei dieser "Schreiben nach Gehör"-Methode für Kinder aus nicht Deutsch sprechenden Familien aus. Dort findet zu Hause kein "ergänzender Deutschunterricht" statt und - obwohl nicht minder intelligent - zeichnen sich bei diesen Kindern bereits jetzt enorme Defizite ab, mit denen sie dann allein gelassen werden. Für mich gibt es zum Erlernen der oftmals unlogischen deutschen Rechtschreibung nur pauken und vor allem Bücher lesen.
Es kommt nicht darauf an, ob jemand schnell schreibt, sondern darauf, daß er richtig schreibt. Und das geht oftmals nur über schlichtes Pauken. Da beißt keine Maus einen Faden ab. Mir scheint, daß sich Lehrprogramme und Lehrer gerne dieser mühevollen Arbeit entziehen. Wenn dann noch Eltern nicht Deutsch können, ist Feierabend. Und zwar auf Dauer. So erzieht man Sozialhilfeempfänger.
Wer nicht richtig schreiben kann, kann erst recht nicht lesen. Es bleibt das Geschriebene schlicht unverständlich. Da werden automatisch Bücher uninteressant.
Kann man nicht richtig schreiben und demzufolge auch nicht lesen, leidet die Ausdrucksfähigkeit und die Kommunikation eigener Gedanken. Das logische Denken leidet dann mit.
Wenn die technischen Fertigkeiten erlernt sind, dann kann es nur darum gehen, schneller zu lesen und zu erfassen. Das machte irgendwie Sinn.
Schreiben und rechnen lernt man in der Schule - oder eben auch nicht. Es ist eine tragische Crux, dass Bildungsjournalisten Jahr für Jahr Lehrmethoden anpreisen, die eher Ursachen der Störungen sind, deren Heilung sie vorgeben. Einzig die Empirie versagt nicht: Die Leistungen deutscher Grundschüler mindern sich von Jahrgang zu Jahrgang. Hat sich denn schon einmal einer der Bildungsjournalisten die Frage gestellt, weshalb die Schülerjahrgänge ca. bis zum Jahr 1965 weder in nennenswertem Ausmass Legasthenie noch Dyskalkulie kannten? Oder warum damals "Kinder mit Migrationshintergrund" das deutsche Schulsystem erfolgreicher durchliefen als heute? Und das bei größeren Klassenfrequenzen mit weniger Unterrichtsstunden und obwohl damalige Eltern als wesentliches nachmittägliches Erziehungsprinzip "Tür auf, raus zum Spielen bis zum Abendbrot" anwandten? Ohne individuelle Förderung, ohne Nachhilfezirkel, ohne den Lernstress, den heutige Schüler und Eltern über sich ergehen lassen müssen. Solange die Schule nicht echte Verantwortung für den Lernerfolg ihrer Schüler übernimmt, sondern sie an die Eltern delegiert - solange wird sich an der deutschen Schulmisere wohl nichts ändern und die soziale Leistungsschere immer weiter öffnen. Erst wenn Schulen verantwortlich für die Leistungen ihrer Schüler gemacht werden, wenden sie auch Verfahren an, die ohne Umwege und Zeitvergeudung und ergötzenden pädagogischen Schnickschnack zum Ziel kommen.Es gibt sie ja.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren