Innere Sicherheit

Zugriff verweigern!

Nach den Anschlägen in Großbritannien wird in Deutschland wieder einmal der Ausbau der Computer- und Videoüberwachung gefordert. Doch beides hilft nicht gegen Terror und schadet der inneren Freiheit. Ein Kommentar

Ständig lauert die Gefahr. Früher führten alle Wege nach Moskau, heute lauert hinter jeder Ecke ein Al-Qaida-Terrorist. Ständig ist die freiheitlich-demokratische Grundordnung bedroht. Oder etwa nicht?

Anzeige

Die freie Gesellschaft ist bedroht, aber in geringerem Maße von Terroristen, die am Hindukusch ausgebildet wurden. Die wahre Bedrohung geht von jenen aus, die vorgeben, es nur gut mit ihr zu meinen: Innenpolitiker und Sicherheitsexperten wollen die Freiheit zu Tode sichern; das, worauf wir stolz sein könnten, wollen sie opfern, in der Hoffnung, damit mehr Sicherheit zu erreichen und künftige Anschläge abwehren zu können.

Zwei Forderungen tauchen im Fahrwasser der Anschläge in Großbritannien wieder auf: Zum einen die Forderung nach einer rechtlichen Möglichkeit zur „Onlinedurchsuchung“ von Computern, zum anderen nach verstärkter Videoüberwachung. Beide Forderungen halten einer Prüfung nicht stand. Sie sind weder zielführend noch wünschenswert.

Noch vor der Sommerpause will Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) einen Gesetzesvorschlag für die sogenannte Onlinedurchsuchung ins Kabinett einbringen. Sogenannte, weil eine „Onlinedurchsuchung“ mit einer Durchsuchung im herkömmlichen Sinne nichts zu tun hat: Ohne Wissen des Computerbesitzers will man im Verdachtsfall auf Inhalte von dessen PC zugreifen können. Computerüberwachung wäre dafür wohl das angemessenere Wort.

Die Diskussion um diese Überwachungen ist einer der größten Schildbürgerstreiche der vergangenen Jahre. Technisch ist das Gerede vom Bundestrojaner weitgehend substanzlos. Der Fernzugriff auf Kommunikations- und Festplatteninhalte im trauten Heim befindlicher Computer ist in erster Linie technische Theorie und Wunschdenken. Es gibt viele Wege, auf den Computer eines Internetnutzers zu gelangen, und viel hängt von der Sorglosigkeit der Nutzer ab. Sie können es einem virtuellen Einbrecher leicht machen – keine Firewall, schlecht gepflegte Software, sorgloses Öffnen von E-Mail-Anhängen. In der Theorie ist jeder Computer, der am Internet hängt, potenziell hackbar. Praktisch ist das keineswegs so leicht, wie es klingt . Die Vielfalt verwendeter Kombinationen aus Hard- und Software macht es digitalen Einbrechern schwerer, als die Polizei es gerne sehen würde.

Skurril daran: Wer sich beispielsweise konsequent an die Ratschläge des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hält, das auf seiner Website umfangreiche Informationen zum abgesicherten Betrieb von Computerhardware und -software zur Verfügung stellt, dürfte für die Onlineschnüffler ein schwieriges Ziel werden. Zwar ist das BSI eine dem Bundesinnenministerium nachgeordnete Behörde, die dortigen Spezialisten sind laut BSI-Sprecher Mathias Gärtner jedoch "nicht zum Thema Onlinedurchsuchungen aktiv". Und wenn, dann arbeitet das Amt eher dagegen: Man beschäftige sich mit Abwehrstrategien gegen Trojaner aller Art.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. 1. Jup

    Dem Artikel lässt sich nichts hinzufügen. Sehr gut.

  2. http://www.youtube.com/wa...

    das sagt unsere liebe Frau Merkel dazu.

    Es geht nicht nur um Terrorismus, sondern auch ums "da mal was weggeschmissen", "hier mal einen angerempelt", "da mal auf den Bürgersteig gefahren"...

    Von Demokratie hält Frau Merkel nicht sonderlich viel:
    "das sind Dinge, über die darf man nicht diskutieren, die muss man einfach machen!"

  3. Ein Computermagazin hat dazu am 11. März dieses Jahres einen Artikel veröffentlicht:
    http://www.heise.de/secur...

    Er beschreibt, wie sich das einschleusen eines Trojaners sicher und einfach durchführen lässt. Zum Beispiel durch eine gesetzliche Verpflichtung der Provider, auf Anfrage der Polizei die Schadsoftware direkt in von der Zielperson heruntergeladene Dateien einzubetten. Genau diese Möglichkeit unterscheidet den Staat von Computerkriminellen; und gegen einen solchen gezielten Angriff hilft weder Firewall noch Virenscanner, wenn er geschickt durchgeführt wird.
    Obwohl es technisch sicher interessant ist, ist so etwas natürlich in keiner Weise wünschenswert. Ich begrüße sehr, dass neben vielen kleineren Internetnachrichten-magazinen jetzt auch die Zeit die Problematik so eindeutig und klar beschreibt.

  4. Nicht nur handwerklich sauberer Artikel , sondern auch inhaltlich mehr als gut getroffen . Wirklich klasse .

  5. Vielen Dank für diese Kritik zu Vorstößen der Politik in Richtung Überwachungsstaat! Nach Kameras mit automatischer Personenerkennung, Aufhebung des Bankgeheimnisses, Festplattenüberwachung und Gendatenbanken sehe ich schon die nächsten Ideen des Innenministeriums: implantierte Chips mit Lokaliserungsfunktion, automatische Mustererkennung in Internetsuchmaschinen, Schreibstilerkennung in anonymen Leserbriefen. Durch die Miniaturisierung von Kameras und deren Mobilfunkanbindung sowie Wearable Computers wird aber auch dem Bürger eine neue Möglichkeit geschaffen: "Souveillance" ("unterwachen") heißt das Zauberwort als Gegenteil zu "Surveillance". Die Kameraüberwachung der Autorität durch den Bürger. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht..

  6. Die präventive Wirkung der Videoüberwachung generell abzustreiten macht es den Anhängern dieser Technik zu leicht mit Kritikern umzugehen:

    Mitnichten jeder islamistische Terrorist ist ein Selbstmordattentäter und mitnichten jeder plant nur einmal zuzuschlagen (hier verhindert eine raschere Erkennung der Täter womöglich die 2. Tat).
    Nachträgliche Aufklärung bei allen Anschlägen, sowie zusätzliche Abschreckung bei denen, bei denen die Täter keinen Selbstmord begehen sind die positiven Effekte der Videoüberwachung.

    Die Aufgabe der Kritiker kann es daher nur sein, zu verdeutlichen, dass die negativen Folgen einer Generalüberwachung für die Zivilgeselschaft gegenüber diesen positiven Folgen für die innere Sicherheit überwiegen.
    Generelles Leugnen der Vorteile ist in der Argumentation zu kurz gegriffen

  7. Der Kommentator spricht mir aus der Seele!

    Die jüngsten Ereignisse in Großbritannien haben gezeigt, daß selbst die omnipräsente Kamerüberwachung auf der Insel nicht verhindert hat, daß die Attentäter ihre präparierten Fahrzeuge in Position bringen bzw. in die Abfertigungshalle des Glasgower Flughafens rasen konnten.

    Daß die Attentate letzlich nicht bzw. nur mäßig erfolgreich waren, ist nur dem Umstand zu verdanken, daß die Assassinen dilettantisch vorgegangen sind und daß aufmerksame Bürger reagiert und die Polizei gerufen haben.

    Kameras und Online-Durchsuchung werden einen Anschlag nicht verhindern können. Wer so etwas Abscheuliches durchführen will, findet Mittel und Wege, das zu tun, und läßt sich schon gar nicht von ein paar Kameras aufhalten.

    Das Argument der nachträglichen Aufklärung solcher Verbrechen zieht auch nicht, denn was nützt die Aufklärung einer solchen Tat, wenn schon viele Menschen gestorben sind? Die Erkenntnis, wer die Ausführenden einer solchen Tat waren, macht die Toten nicht wieder lebendig und verhindert auch keine zukünftigen Anschläge. Die Leute, die so etwas ausführen, sind nur Kanonenfutter, jederzeit ersetzbar. Fällt einer aus, rücken Hunderte nach, die sich der selben kranken Ideologie verschrieben haben.

    Der vielbeschworene "Kampf gegen den Terror" ist, wie er zur Zeit geführt wird, nur mäßig bis gar nicht erfolgreich; er ist eher kontraproduktiv. Die Vorschläge unserer Politiker sind in der Tat reiner Aktionismus und zeigen die wirkliche Hilflosigkeit, mit der dem Problem des islamistischen Terrorismus begegnet wird. Das einzige, was durch Kameras, automatische Gesichtserkennung, Online-Durchsuchung, bundeseinheitliche Steuernummer, biometrischen Reisepaß, Flüssigkeitsverbot in Flugzeugen und ähnlicher Scherze erreicht wird, ist, daß wir auf dem besten Weg zum Überwachungsgesellschaft, und zwar weltweit sind. Jeder wird potentiell verdächtig, die Unschuldsvermutung ist ausgehebelt und nicht mehr existent.

    Wenn man Schäuble und Co. so reden hört, ist leider anzunehmen, daß sich nichts zum Guten ändern wird. Orwell war gestern, die erschreckende Realität ist heute. Die wirklichen Probleme, die der Auslöser des Übels sind, z. B. im Irak, in Palästina und an anderen Brennpunkten in der Welt, werden nicht gelöst. Schöne neue Welt.

  8. Der normale Bürger wird unter Generalverdacht gestellt und soll mit hochentwickelter Technologie überwacht werden, wobei ”Demokraten” wie Herrn Schäuble die Phantasie zu
    immer neuen perfideren Methoden nie ausgeht.
    Trotz aller bereits zur Verfügung stehender High-Tech gelingt es jedoch nicht, Bin Laden und seine Anhänger oder z.B. Radovan Karadcic oder Radko Mladic dingfest zu machen !!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Falk Lüke
  • Datum 2.7.2007 - 06:10 Uhr
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT online
  • Kommentare 24
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Terrorismus | | | Innere Sicherheit | | Online | | |
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service