Schaltet man das Radio ein, bekommt man das Gefühl, dass kaum ein Musiker noch neue Lieder schreibt. Ein nachgespieltes Stück reiht sich an das nächste, hier die jährliche Neuaufnahme von Cat Stevens’ Father And Son , dort die aufdringlichen Rhythmen von Michael Minds Blinded By The Light , dargeboten im Doppelpack mit Manfred Mann und seiner Earth Band, die das Ganze schon bei Bruce Springsteen abgeschaut hatten.

Damit nicht genug. Bryan Ferry singt gerade auf Dylanesque elf seiner Lieblingsstücke Bob Dylans nach – seicht, langweilig, seelenlos. Knocking On Heaven's Door gerät in Ferrys Händen zu einer Schunkelnummer, das haben selbst Guns N' Roses vor einigen Jahren besser hinbekommen. Dylan dürfte sich in beiden Fällen wenig geschmeichelt fühlen. Abwechslungsreicher gelingt es der New Yorker Independent-Heldin Patti Smith , auf ihrem neuen Album Twelve kämpft sie sich durch alte Stücke von Jimi Hendrix, Tears For Fears und Stevie Wonder. Der finnische Düsterling Ville Valo und die dünnstimmige Ettlinger Jungschauspielerin Natalia Avalon bejammern den Summer Wine , ursprünglich von Lee Hazelwood und Nancy Sinatra dargeboten. Auch der Bremer Technoprolet Scooter und die Weichspülerfamilie The Corrs – gemeinsam mit Bono – versuchten sich bereits an Neuinterpretationen. Immerhin, auf dem Tiefpunkt der Liedgeschichte liegt die neue Version nicht, denn das von Nancy Sinatra mit Roland Kaiser aufgenommene Duett Summer Wine – Sie Sah Mich An von 1997 ist nicht zu unterbieten.

Warum das alles? Verdient man nur noch mit Coverversionen richtig Geld? Müssen die Plattenfirmen ihren vergilbten Lieder-Katalog aufbügeln? Mangelt es Ferry, Smith und Valo an Inspiration? Wollen sie lediglich ihren Idolen huldigen?

Bob Dylan jedenfalls war schon häufiger Ziel solch' zweifelhafter Ehrung. Joan Baez ( It's All Over Now, Baby Blue ) interpretierte ihn Ende der Sechziger kreischig leidend auf Joan Baez Sings Bob Dylan , zehn Jahre später nahmen The Byrds ( Mr. Tambourine Man ) fröhliche Neufassungen auf. Der BAP-Sänger und selbsternannte "deutsche Dylan" Wolfgang Niedecken versuchte sich Mitte der Neunziger an einem Liederzirkel des "Einstein der Musik" (W. Niedecken). Er sang auf kölsch, A Hard Rain’s A-Gonna Fall machte er zu Unfassbar vill Rään , aus Highway 61 wurde der Nürbürgring. Jedes Jahr erscheinen einige solcher Alben.

Auch Patti Smith hat natürlich ein Stück von Dylan im Programm, Changing Of The Guards . Insgesamt schlägt sie sich deutlich besser als Bryan Ferry, mitreißend ist ihre Platte Twelve dennoch nicht. Zwölf ursprünglich sehr unterschiedliche Stücke aus fast allen Dekaden der Popmusik trägt sie in typisch nöliger Manier vor, rockend mit akustischen Gitarren. Schließlich klingt alles gleich, am originellsten gelingt ihr noch Nirvanas Smells Like Teen Spirit . Sie spielt es mit Banjo und Kontrabass ein. Tori Amos sang das Lied schon im Jahr 1992, eigentlich ganz passabel. Ihr Coveralbum Strange Little Girls zehn Jahre darauf war allerdings ein Desaster. Zu aufgesetzt und absichtlich exotisch interpretiert kamen die Lieder von Eminem, Depeche Mode, Slayer, Neil Young und anderen daher.

Noch schlimmer ergeht es den Stücken auf dem aktuellen Album der Elektrokapelle Apoptygma Berzerk, erschienen Anfang dieses Jahres. Kim Wilde, U2, Keane, Kraftwerk, wen auch immer sie sich vornehmen: Stets klingt es platt und billig. 13 Stücke, düster, rockig, langweilig. In ihre hektisch dröhnende Darbietung von Velvet Undergrounds All Tomorrow’s Parties bauten sie die Originalstimme der Sängerin Nico ein, unpassender geht es nicht. Hier sind die Stücke nur das Vehikel, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

Glücklicherweise ist die Zeit vorüber, in der dubiose Komödianten mit Schlager- und Easy-Listening-Versionen von Popstücken Geld verdienen konnten. Diese von James Last in den Sechzigern erfundene und zur Perfektion getriebene Kunstform blühte in den neunziger Jahren wieder auf – Mike Flowers hatte mit Oasis’ Wonderwall einen veritablen Hit. Auf der dazugehörigen Platte A Groovy Place mussten The Doors, Björk und Velvet Underground dran glauben. Der deutsche Auswuchs dieser Spielart hieß Dieter Thomas Kuhn. Die ursprünglich ganz charmante Idee der französischen Band Nouvelle Vague , New-Wave-Klassiker ins Bossa-Gewand zu stecken, hat sich nach zwei Alben abgenutzt. Ebenso Rammsteins Versuch, Depeche Mode und Kraftwerk gerecht zu werden.