Sprache Das plappernde Geschlecht?

Männer reden gar nicht weniger als Frauen, behauptet eine neue Studie. Müssen nun die Beziehungsratgeber umgeschrieben werden?

Frauen reden, Männer handeln. So das Klischee. Fast dreimal geschwätziger als das männliche sei das weibliche Geschlecht, hieß es immer und dass Frauen am Tag etwa 20.000 Wörter absondern, Männer hingegen nur 7000. Die Neuropsychiaterin Louann Brizendine nannte diese Zahlen beispielsweise in ihrem viel beachteten Buch Das weibliche Gehirn - Warum Frauen anders sind als Männer . Allerdings ohne eine Quelle zu nennen.

Das ist auch gar nicht so einfach. Denn eindeutig nachvollziehen lässt sich nicht, wer diese Zahlen in die Welt gesetzt hat. Trotzdem kursieren sie oder andere mit einem ähnlichen Verhältnis seit über 15 Jahren durch Ratgeber und Medien. Ein Linguist der University of Pennsylvania, Mark Liberman , vermutet, dass ein Paarberater die Zahlen erfunden hat, um typische Streitereien zwischen Eheleuten anschaulicher zu machen. Etwa nach diesem Muster: „Ein Mann kommt nach der Arbeit nach Hause und hat schon 6850 seiner 7000 Wörter verbraucht, während die Frau ihn mit ihren noch übrigen 13.780 Wörtern empfängt. Er will seine Ruhe – sie will reden.“

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Tatsächlich hatte sich bisher niemand die Mühe gemacht, die Wörter zu zählen, die von beiden Geschlechtern den lieben langen Tag lang so gesprochen werden. Bis Matthias Mehl und seine Kollegen von der University of Arizona das nun endlich nachholten. In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins beschreiben sie, dass sie insgesamt 400 männlichen und weiblichen Studenten mehrere Tage lang ein Aufnahmegerät mitgaben. Das schaltete sich alle paar Minuten für 30 Sekunden ein. Die Probanden wussten nicht wann und konnten es auch nicht ausstellen.

Das Ergebnis der Zählung: Der Unterschied ist statistisch nicht signifikant. Die Frauen sprachen im Durchschnitt 16.215 Wörter während sie wach waren, Männer 15.669. Vergleicht man dagegen die individuellen Unterschiede zwischen dem gesprächigsten und dem schweigsamsten Mann, weiß man, was signifikant bedeutet: Der eine sonderte 47.000 Wörter ab, der andere kaum mehr als 700. Rechnet man das in Zeiteinheiten um, schwatzte der eine etwa elf Stunden am Tag, der andere sprach gerade mal 20 Minuten.

Berücksichtigen muss man dabei allerdings nicht nur den Charakter der Leute, sondern auch die Situation, in der sie sich befanden. Mehl erzählt von seinem Flug über den Atlantik. Er hatte zehn Stunden lang kaum mehr als „Vielen Dank“ und „Ein Glas Wasser, bitte“ gesagt. Umgekehrt kann man sich vorstellen, dass ein Kundenberater oder Lehrer in der gleichen Zeit sehr viel zu erzählen hat.

Müssen jetzt die Ratgeber in den Mülleimer wandern? Haben Männer und Frauen doch ein ähnliches Kommunikationsverhalten? Dazu müsste man natürlich wissen, was und wie die Leute reden. Plant er den Krieg während sie Streit schlichtet? Zeigt sie Verständnis während er Ratschläge erteilt? Matthias Mehl hat die Situationen noch nicht ausgewertet. Es bleibt offen, ob Männer bei der Arbeit mehr als zu Hause sprechen und umgekehrt, ob Frauen viel mehr Wörter mit ihrer besten Freundin als im Meeting verschwenden.

Aber er hat sich angesehen, worüber Männer und Frauen reden und fand rollentypische Muster durchaus bestätigt: „Männer sprechen mehr über Technik, Sport oder Finanzen und Frauen mehr über Mode, Partner, Familie und Freunde.“ Offensichtlich sind Frauen im Durchschnitt tatsächlich eher beziehungs- und Männer eher sachorientiert. Diese Interpretation unterstützt auch die Tatsache, dass die bespitzelten Männer häufiger konkrete Zahlen nannten und die Frauen mehr Personalpronomen („ich“, „wir“, „er“, „sie“) benutzten.

Auch wenn der Paartherapeut falsche Zahlen verbreitet hat, mit der Analyse typischer Konfliktsituationen in Beziehungen hatte er Recht. Relativ gut erforscht ist nämlich ein Phänomen, das Psychologen „Demand-and-Withdrawl“-Verhalten nennen: Die Frau fordert ein Gespräch nach dem Muster, „Wir müssen darüber reden“. Der Mann dagegen zieht sich emotional und verbal zurück. Dieser Zusammenhang könnte, glaubt Matthias Mehl, auch das Märchen von der geschwätzigen Frau erklären. Aus „Meine Frau will ständig über unsere Probleme reden“, wäre dann das verkürzte „Meine Frau redet ständig“ entstanden.

Doch ist das nur Spekulation. So wie Mehl auch davor warnt, die empirisch nachgewiesenen Unterschiede überzubewerten, die es in den Themen gibt, über die Frauen und Männern reden. „Die Größe der Effekte ist doch eher bescheiden. Es gilt wieder: Männer und Frauen sind sich im Durchschnitt deutlich ähnlicher als es zwei zufällig ausgewählte Männer oder zwei zufällig ausgewählte Frauen sind. Aus irgendwelchen Gründen neigen Menschen dazu, Geschlechtsunterschiede gerne mit einem Vergrößerungsglas anzuschauen.“

Vielleicht müssen die Ratgeber nicht komplett umgeschrieben werden, aber sie sollten doch anerkennen, dass es auch ein paar Männer auf der Venus und ein paar Frauen auf dem Mars gibt.

 
Leser-Kommentare
  1. ...wurde gestern fast der gleiche Artikel veröffentlicht. Lustig dabei:
    Am Anfang des SpOn-Artikels hat man darauf hingewiesen, dass die bisherigen Untersuchungen (die eben zum Schluss kamen dass Frauen viel mehr reden) eh sehr zweifelhaft waren, da die Gesamtanzahl der von Frauen bzw. Männer geredeten Worte pro Tag in diesen Untersuchungen teilweise krass voneinander abwich.

    So weit, so richtig - dumm nur, dass man dann zum Gegenbeweis zwei Untersuchungen angeführt hat, die zwar zum Schluss kamen dass Männer und Frauen fast genauso viel reden - die Gesamtanzahl der geredeten Wörter pro Tag bei diesen Untersuchungen aber ebenfalls um satte 50 bzw. 100% voneinander abwich... ;-)

  2. Mpfh, AHA!, Ähem, Ach!, Tätsachlich?, Is ja hoch interessant!

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