Frankreich Europa stoppt den Überpräsidenten
Nicolas Sarkozy hat mit seiner Kritik am Stabilitätspakt und an der EZB die Europäer verschreckt. Sie kennen nun die Methode des Präsidenten: Viel Wind, wenig Ergebnis.
Viel Lärm für nichts. Aber immerhin hat die europäische Öffentlichkeit während des Treffens der Euro-Finanzminister in Brüssel die Methode Sarkozy kennengelernt. Die kann man so zusammenfassen: Tue, als ob etwas Dramatisches geschehen wird. Dann präsentiere dich als Nothelfer und rette die Situation. Am Ende, wenn die Kameras und Mikrofone längst wieder weg sind, stellt das erstaunte Publikum dann fest: Da war doch gar nichts zu retten.
Die Dramatik des sonst eher gesetzten Finanzministertreffens der Eurogruppe hatten die Wirtschaftspläne des neuen französischen Präsidenten angeheizt. Wie die Europäische Kommission mussten die Minister befürchten, Frankreich wolle sich nicht mehr an den gerade erst reformierten Stabilitätspakt halten. Sarkozys Äußerungen zur Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) trieben diese Sorgen weiter an. Immerhin hatte der Präsident die EZB in seiner Wahlkampagne für die schlechte Lage der französischen Wirtschaft verantwortlich gemacht.
Kaum in Brüssel eingetroffen, hatte Sarkozy die EZB jedoch offenbar schon wieder vergessen. Jedenfalls war kein lautes Wort von ihm gegen die obersten Hüter der Euro-Währung mehr zu hören. Offensichtlich stieß der im eigenen Land mächtige Staatspräsident hier an seine Grenzen. Denn so wichtig nationale Souveränität und staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben manchen Franzosen sein mag, so sehr ist die europäische Einigung längst darüber hinweggegangen.
Sarkozy musste schon an der Konstruktion der Bank scheitern. Die gesteht der EZB nämlich eine institutionelle Unabhängigkeit zu. Die Bank darf keine Weisungen aus der Politik erhalten - ein Umstand, den die Deutschen bei ihrer Gründung durchsetzten, weshalb das Berliner Votum kurz vor dem Brüsseler Termin an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ: Die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank ist unverhandelbar.
Kritischer war da schon Sarkozys Angriff auf den Stabilitätspakt. In ihm haben sich alle Mitglieder der Eurozone zu einem ausgeglichenen Staatshaushalt hinweg verpflichtet. Verabredet hatten die Euroländer deshalb erst im April, die Neuverschuldung bis 2010 auf null zu drücken. Sarkozy wollte die Ziellinie jedoch bis 2012 hinausschieben - um Steuersenkungen im eigenen Land zu finanzieren, die er im Wahlkampf versprochen hatte. Allerdings liegt die französische Staatsverschuldung schon jetzt bei 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, fünf Prozentpunkte mehr, als nach dem Stabilitätspakt erlaubt. Keine gute Ausgangslage für seinen eigenmächtigen Vorstoß, was der Präsident dann auch deutlich zu spüren bekam. Dennoch sind Teile des Stabilitätspakts immer wieder zur Verhandlungsmasse im schwierigen Abstimmungs- und Ausgleichsprozess zwischen den europäischen Regierungen geworden. Auch Deutschland hat schon davon profitiert. Hier also kann in Zukunft noch einige Bewegungsmasse frei werden.
Was hat Sarkozy nun mit seinem Brüsseler Ausflug erreicht? In der Sache so gut wie nichts. Am Ende sah sich Sarkozy sogar gezwungen, die Runde zu beschwichtigen. Er werde alles daransetzen, das vereinbarte Ziel eines ausgeglichenen Haushalts 2010 einzuhalten. Dafür sind im Kreise der EU-Kollegen einige Irritation entstanden über einen, der von sich behauptet, Europa voranbringen zu wollen.
Hilft die Belgientour Sarkozy wenigstens in Frankreich? Zumindest zeigt sie, dass der Präsident seinem politischen Stil treu bleibt. Gnadenlos nimmt er den gesamten politischen Raum ein. In Brüssel hätte man beispielsweise die Anwesenheit seiner Ministerin Christine Lagarde fast vergessen.
Sarkozy ist zum Überpräsidenten geworden. Von einer "Regierung" kann man in Frankreich nicht mehr ernsthaft reden. Eher werden die Minister zu Beratern geschrumpft. Einer, der das System kennt, fasst es so zusammen: Wenn Sie wissen wollen, was Sarkozy machen wird, dann laden Sie Sarkozy ein. Wenn Sie wissen wollen, was Sarkozy denkt, dann laden Sie Guaino, seinen direkten Berater, ein. Wenn Sie wissen wollen, was Sarkozy machen wird, dann laden Sie Martinon ein (seinen Pressesprecher). Und wenn Sie wissen wollen, welches Wetter zu diesem Zeitpunkt herrschen wird, dann laden Sie Fillon, den Regierungschef, ein.
- Datum 10.07.2007 - 08:18 Uhr
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schreibt das mal jemand in der Presse. Der hat schon ganz am anfang angefangen zu nerven. Immer so "Platz da, hier komm ich". Und immer ganz wichtigtuerisch und "hemdsärmelig" - erreicht hat er ja trotzdem nix. Profilneurose?
Insofern können wir beruhgit sein, solang der seine Tricolore medienwirksam schwenken kann und man ihn aufsprechen lässt ist er zufrieden. Nur schade das zu den Briten jetzt auch die Franzosen und Polen gekommen sind mit "nationaler" Europapolitik und ihre egoismen und neurosen auf kosten der anderen Europäern durchsetzen. Darüber das z. B. die Spanier - auch ein großes Land - in einer Volksabstimmung ausdrücklich FÜR die Europaverfassung gestimmt hat wurde ja z.B. garnicht gesprochen. Die Bremser hatten alle aufmerksamkeit und saßen am längeren Hebel. DAS wird leider auch Methode bleiben, der Geist des Egoismus und des "Veto" ist aus der Flasche gelassen worden nachdem Stimmrechte in der EU früher nur pro-forma waren. De facto haben eh alle immer einstimmig entschieden, da alle wissen das man keinem Land eine wichtige veränderung "aufzwingen" kann ohne die EU zu zerstören. Die EU war eben eine Familie. Jetzt wurde in kürzester zeit ein Konkurrenzkampf daraus. Anstatt das eigene Land aber damit zu stärken für die Globalisierung wie diese kleingeister vielleicht denken schwächen sie die EU - und damit auch ihr eigenes Land. Winzige Länder wie Frankreich, Polen oder auch Deutschland haben im Spiel der Weltwirtschaftsmächte schon heute nix mehr zu sagen. Auch die EU als Block hätte es schwer genug zwischen China, USA, Indien, Russland,...
Aber zwischen den alten insignien europäischer Weltgeltung in den alten Hauptstädten Europas scheint wohl auch selbstüberschätzung sehr zuhause zu sein. Napoleon ist halt schon lange tot, das Empire gibts nimer. Und auch vergangenheitsbezogene auseinandersetzungen wie letztens zwischen Polen und Deutschland interessieren den rest der Welt kein bißerl.
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion]
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion]
da ist wohl jemand vor kurzem von der taz zur zeit gewechselt ?
Ich bin von solchen Sprüchen eigentlich enttäuscht: mir hat Sarkozy immer als ein strebender Typ gescheint. Als auch ein Typ, der glaubt an alles, was er auch tut. Persönlich denke ich, dass jeder, der irgendwas endlich mal bewegen will, immer wieder kritisiert wird, und Gott weiss auch, dass Frankreich massige Reformen braucht. Am Ende wird sich zeigen, dass Bewegung sich immer auszahlt.
(Btw: ich bin ein Pariser und wegendessen direkt vom Sarkozys Politik betroffen. Ich glaube nicht, dass Sarkozy so machtsüchtig ist, wie hier geschrieben worden ist; als Beweis würde ich die Links-Ministern, die er selbst ernannt hat, zitieren)
wie die Nationalstaaten an ihre natürlichen Grenzen stossen. Deshalb brauchen wir ja die EU, auch wenn nationale Politiker, die Medienfuzzis und das gemeine Volk immer noch dem Mythos der nationalen Souveränität nachhängen.
ich kann in allem nur zustimmen
[entfernt wegen Doppelposting/ Redaktion]
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