EU-Finanzministertreffen Sarkozy probt den Machtkampf

Frankreichs neuer Präsident riskiert in der Finanzpolitik ein scharfe Konfrontation mit seinen europäischen Partnern. Bundeskanzlerin Angela Merkel warnt schon vor heftigem Widerstand gegen Sarkozys Pläne

Gleich in der ersten Sitzung der Gruppe der Euro-Länder unter portugiesischer EU-Ratspräsidentschaft will Nicolas Sarkozy an der Seite von Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde die längerfristige Politik seines Landes erläutern. Das Ungewöhnliche: Er hatte sich als erstes Staatsoberhaupt zu dem Treffen der 13 Finanzminister der Euroländer am Montagabend selbst eingeladen. Das tat Silvio Berlusconi als italienischer Regierungschef zwar auch schon. Aber er hatte damals die Ratspräsidentschaft inne.

Sarkozy hatte zuvor die politische Aufwertung der Euro-Gruppe und Schritte gegen eine zu starke europäische Währung gefordert. Seiner Meinung nach behindert ein hoher Euro die europäischen Exporte zu sehr. Der Präsident hatte zudem die Europäische Zentralbank (EZB) angegriffen, da sie sich zu sehr auf die Inflationsbekämpfung beschränke. Nun will er in Brüssel den Finanzministern der Euro-Gruppe Frankreichs Rückzieher von der gemeinsam vereinbarten strikten Sparpolitik erläutern. Dabei dürfte auch Sarkozys Forderung zur Sprache kommen, die Unabhängigkeit der EZB zu beschneiden.

Anzeige

In einem Interview äußerte Sarkozy nun schon, er sei "für die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank" und "für die Verringerung des Defizits". Um das Defizit abzubauen, müsse man aber die Einnahmen erhöhen und die Ausgaben senken. Die gleichzeitige Senkung der Einnahmen und Ausgaben führe zu nichts. Das wolle er in Brüssel erklären.

Er strebe zudem an, die Wirtschaftspolitik zu einem Gipfelthema der EU-Staats- und Regierungschefs zu machen. Er werde in Brüssel vorschlagen, eine solche Konferenz nach der Sommerpause einzuberufen, sagte Sarkozy der Pariser Sonntagszeitung Le Journal du Dimanche.

Damit ist der Streit in der Euro-Gruppe programmiert. Frankreich will sein Haushaltsdefizit erst 2012 ausgleichen und lieber erst die Steuern senken. Die 13 Euro-Länder hatten sich Ende April unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft darauf verständigt, bis spätestens 2010 das strukturelle, gesamtstaatliche Defizit weitgehend auf null zu bringen. Bei einem ausgeglichen Haushalt sind keine neuen Schulden nötig.

Konkrete Beschlüsse sind bei der Abendsitzung nicht zu erwarten. Nach Informationen des Spiegel ließ Merkel den französischen Staatspräsidenten wissen, er müsse mit entschiedenem Widerstand rechnen, falls er die Unabhängigkeit der Frankfurter Währungshüter angreife. Dennoch glauben Beobachter, dass Sarkozy trotz des Widerstandes nicht aufgeben wird. Der Euro-Vorstoß Sarkozys sei, so schreibt die Süddeutsche Zeitung am Montag, nur der Beginn einer Strategie, Frankreichs Machtanspruch in Brüssel zu festigen und gleichzeitig von den dringend nötigen internen Reformen in Frankreich abzulenken.

 
Leser-Kommentare
  1. Obwohl Herr Sarkozy seinen Vorschlag nur aus eigennützlichen Gründen durchfechten will, wäre es m.E. nach dringend nötig, der EZB neben dem absoluten Hauptziel ein zweites , gleichrangiges Ziel vorzuschreiben, nämlich stetiges ,ausreichendes Wachstum (wie die FED).Was nützt Geldwertstabilität allein, wenn eine nicht zu vertretende Arbeitslosigkeit in Kauf genommen wird?

  2. Nun, der französische Präsident scheint schneller lernen zu müssen, als er selber dachte, dass das, was man bei Tony Blair einst lernen konnte, eigentlich alles überhaupt nichts wert ist und man tatsächlich nicht die grossen Steuergeschenke machen kann und gleichzeitig, den Staatshaushalt saniert bekommt.

    Würde er die Franzosen jetzt gleich so quälen, wie man die Deutschen mit Hartz IV quält, dann würde die Banlieue wahrscheinlich schnell wieder in Flammen stehen und zwar unter tätiger Mithilfe vieler aufrichtiger Franzosen, die der Egalité niemals so schnell abschwören könnten, wie die Deutschen.

    Den Gedanken, dass Frankreich uns demnächst was vormacht, was man in Deutschland nachmachen könnte, sollten sich manche Meinungsmacher bei uns ganz schnell abschminken.

  3. Nachdem uns die polnischen Twin-Towels klargemacht haben, daß Deutschland in der EU möglichst gar nichts zu melden haben soll, wird Herr Sarkozy, von dem in diesem Zusammenhang kein Widerstand zu erkennen war, nun noch die von Deutschland immer geforderte (zumindest weitgehende) Unabhängigkeit der EZB zu einer hohlen Phrase verkommen lassen. Mit der absehbaren Folge einer weiteren drastischen Erhöhung der jetzt schon deutlich über den offiziell angegebenen 2% liegenden Inflation.

    Mit anderen Worten: Nachdem Deutschland politisch kein Gewicht mehr hat, wird ihm jetzt auch noch wirtschaftlich das Fell über die Ohren gezogen. Nur für die Nettozahlungsempfänger der EU darf dieses Land noch kräftig einstehen.

    Wer es sehen will, dem ist längst klar, daß Deutschland in der EU keine Zukunftschance hat. Es muß EU und Euroland verlassen, mit eigener Wirtschaftspolitik und Währung seinen Platz als Hochtechnologiestandort innerhalb Europas finden, wo es in Zweckbündnissen (z.B. Flugzeugbau/Atomkraft) mit den europäischen Nachbarn kooperiert zum jeweiligen bilateralen Nutzen. Dies führt im Endeffekt zu mehr gegenseitigem Respekt als ein gigantischer Klüngel, in dem durch Bildung von wechselnden Allianzen jeder nur versucht, möglichst viel der Europasteuer-Beute für sich selbst zu ergattern

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service