Sicherheit Erst Angst machen, dann beruhigen
Wie weit kann uns der Staat vor Gefahren schützen? Welche Risiken sind wir bereit einzugehen? Ein Interview mit dem deutsch-australischen Fotokünstler Boris Eldagsen über Angst und Sicherheit in der Demokratie.
Nie zuvor hat der deutschstämmige Fotokünstler Boris Eldagsen ein so starkes Bedürfnis nach Sicherheit erlebt wie in seiner derzeitigen Wahlheimat Australien. Seine Eindrücke hielt er fest in der Fotoserie "Safety by Numbers" , die die Allgegenwart der Angst im australischen Leben widerspiegelt. Im Interview mit ZEIT online spricht der 37-Jährige über seine Freude an Deutschland, wo die Freiheit und Selbstständigkeit des Einzelnen noch Vorrang hat vor dem Bedürfnis des Staates, die Sicherheit bis hinein ins Privatleben zu regeln. Und er spricht über seine Angst, dass Deutschland bald so werden könnte wie Australien: überängstlich, unkritisch und im Begriff, für vermeintlichen Schutz vor Terroristen wertvolle demokratischen Grundwerte aufzugeben.
ZEIT online:
Ihre Fotografien vermitteln ein Bild von Australien, das den wenigsten Deutschen bekannt sein dürfte: Ein Land, in dem an jeder Ecke Gefahren vermutet werden. Sie leben in Berlin und Melbourne. Wie erleben Sie das Sicherheitsbedürfnis "down under"?
Boris Eldagsen:
Als ich vor drei Jahren nach Australien kam, wollte ich wissen: Wo liegen Gefahren, die für mich neu sind? Was mache ich denn in einem Land, in dem Schlangen existieren, Krokodile, Haifische und giftige Spinnen? Die Australier haben mich ausgelacht. Die lernen das alles schon im Kindergarten. Darum habe ich angefangen, für mich privat Sicherheitshinweise zu sammeln, die ich in Touristenbroschüren gefunden habe, in Zeitungen, auf Postern und staatlichen Hinweisschildern. Dabei habe ich schnell bemerkt, dass diese Hinweise teilweise völlig absurd sind.
ZEIT online:
Zum Beispiel?
Eldagsen:
An manchen Flüssen gibt es Schilder, auf denen steht: "Hier bitte nicht reinspringen, das Wasser ist nicht tief genug." Im Park wird vor Vögeln gewarnt, in Cafés wird man nicht nur darauf hingewiesen, dass der Kaffee heiß ist, sondern auch aufgefordert, unter die Kaffeetasse einen Papieruntersetzer zu legen, damit die Tasse auf dem Tisch nicht wegrutschen kann. Und wenn Sie im Bordradio eines Flugzeugs der australischen Quantas-Fluglinie die Meditationsmusik anschalten, werden Sie gewarnt, dass diese Musik schläfrig machen kann.
ZEIT online:Für Ihr Fotoprojekt haben Sie 750 solcher Einträge sorgfältig durchnummeriert und in einer Gefahren-Fibel katalogisiert ...
Eldagsen:
Eineinhalb Jahre lang habe ich gesammelt. In dieser Zeit bin ich auch zweimal mit dem Auto quer durch Australien gereist und habe mit meiner Videokamera Aufnahmen gemacht.
ZEIT online:
... und dann haben Sie in Standbilder dieser Videos lauter Hinweisnummern aus Ihrer Fibel eingestreut. Was hat das zu bedeuten?
Eldagsen:
Dadurch mache ich sichtbar, dass man überall - selbst in harmlosen Situationen - Gefahren sehen kann, wenn man es will. Viele Australier sagen inzwischen, dass sich ihr Land zu einem "Nanny-State", also zu einem Kindermädchen-Staat entwickelt hat, in dem man vor allem und jedem gewarnt und geschützt wird. Durch die andauernden Hinweise erscheint die Gefahr allgegenwärtig. Ich halte das für ein großes Problem: Man impft den Leuten Misstrauen und Angst ein. Man traut ihnen nicht zu, dass sie auch auf sich selbst aufpassen können. Sie sollen immer mit dem Worst-Case-Szenario rechnen.
ZEIT online:
Ist das denn schlimm? Ihre Bilder zeigen ja eher harmlose Situationen ...
Eldagsen:
Im Politischen hat es tief greifende Konsequenzen: Die Regierung macht den Menschen erst Angst, um sie dann mit den Worten zu beruhigen: Lasst es euch gut gehen, wir kümmern uns um alles. Aber indem die Menschen Eigenverantwortung immer weiter abgeben, freunden sie sich mit der Rolle des Hilflosen an und möchten auch immer mehr beschützt werden.
- Datum 09.07.2007 - 12:11 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online, 9.7.2007 - 18:06 Uhr
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Sollte etwa Amerika, das lange genug die Vorbildfunktion für Wirtschaft etc. gemacht hat, von australien abgelöst werden? Gut, bei uns wird das System des Angst-Einimpfens etwas rabiater betrieben... Terror und Schutz und nicht Wanrschilder und gute Worte. Aber das System scheint doch wirklich verwandt! Hält der
Staat das Volk für so naiv oder wollen die politiker einfach mal die Grenzen abtasten, wie weit sie gehen können?
Es gibt keinen totalen Schutz .. Dii Frage ist, vor was wollen wir Bürger geschützt werden, wovor haben wir oder die Politiker eigentlich Angst? Wo ist die aktuelle Bedrohung .. in ein paar Ab/ngereisten Deutschen Muslimen aus Pakistan die in einer VideoBotschaft davor warnen hier Selbstmordanschäge zu verüben.ich hab noch kein Video gesehen!! Das sind alles veilleicht sogar erfundene Scenarien, die es jetzt endlich den Kriminalisten und Staatschützern ermöglichen soll unsere grundRechte zu beschneiden und Gesetze zu ändern, nur auf Grund von Mutmassungen und Gefährdungslagen.. Sich in unsere privatesten bereiche einzuschleusen um zu erfhren was der andere denkt !!! Ja wo leben wir denn eigentlich hier ??
In einer Bananenrepublik mit einem äusserst nervösen Innen Minister und Politikern die Angst haben aufzufliegen und nicht mal bereit sind ihre wahren Einkommen offen zu legen!! Die Frage ist nur wovor haben diese Herren eigentlich wirklich so eine panische Angst..
EIn paar mehr Polizisten würden hier erheblcih mehr für ein sicheres gefühl unter den Bürgern sorgen als so eine
Panik und Angst mache!
ich forder den Rücktritt von Hern Schäuble und Frau Zypries die in dieser ganzen Sache noch einmal nicht ihren "Rock" hochbekommen hat und sich immer schön heraushält wenn tacheless gesprochen werden muss!!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren