Tour de France

Doping über alles

Nach den Dopinggeständnissen einiger Radfahrer berichten ARD und ZDF nun kritisch über die Tour. Das tut dem Sport gut. Aber die Zuschauer wollen es nicht sehen.

Das Fahrerfeld kriecht eine Landstraße entlang. Nur wenige Zuschauer jubeln am Streckenrand. "Tja, das ist heute eine ganz gemächliche Tour", sagt der ZDF-Kommentator. In Nahaufnahme zeigt der Sender einen Fahrer mit rot gepunktetem Shirt. "Das ist David Millar, er trägt das Bergtrikot. Sein Vater ist Luftwaffenpilot, er wuchs in Malta und Hongkong auf, 2002 gewann er den Prolog. "Übrigens", fügt der Sprecher nebenbei an, "in Biarritz erwischte man ihn 2004 beim Epo-Doping".

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Auch 2007 übertragen die öffentlich-rechtlichen Sender die Tour de France. Die TV-Zuschauer sehen wie in früheren Jahren bunt gekleidete Radrennfahrer und erfahren viel Nebensächliches. Doch etwas ist in diesem Jahr anders. Im Rhythmus der Radumdrehungen hören die Zuschauer nun immer wieder die gleichen Worte: Dopingsumpf, Epo-Sünder, Neuanfang, positiv getestet ...

Eine ZDF-Umfrage ergab, dass 89 Prozent der Deutschen vor dem Tourbeginn glaubten, dass Doping im Radsport die Regel ist. ARD und ZDF überlegten, ob sie die Übertragung absagen sollten. Aber so kam es dann doch nicht: Diese Konsequenz aus dem Dopingsumpf, in dem die ganze Sportart versinkt, wollten die Verantwortlichen nicht ziehen – obwohl die Sender durch das Ausklammern des Themas selbst lange ein Teil des Problems waren. Jahrelang begleiteten sie das größte Radrennen aus der Sicht naiver Fans: Neue Bestzeiten wurden mit verbesserter Technik, verbesserter Betreuung oder verbessertem Training erklärt. Kritischer Journalismus hätte womöglich schon damals den schönen Schein entlarvt. Stattdessen wurde die ARD zum Toursponsor und ihr ehemaliger Rad-Moderator und Sportkoordinator Hagen Boßdorf verfasste als Ghostwriter Jan Ullrichs Autobiografie.

In diesem Sommer ist nun alles anders. Die öffentlichen Sender erheben das Dopingproblem zum Kernpunkt der Berichterstattung. ARD-Tour-Moderator Michael Antwerpes gibt das Motto aus: "Der Sport muss eine Zukunft haben." Er selbst identifiziert sich völlig mit der neuen "Ja-Aber"-Linie des Senders. "Es ist viel interessanter als meine erste 'Friede, Freude, Eierkuchen'-Tour. Wenn wir den Dopingskandal nicht thematisieren, können wir es gleich ganz sein lassen." Antwerpes rechtfertigt, dass ARD und ZDF auch in diesem Jahr übertragen, "weil es einen Fahrerkreis gibt, der eine saubere Tour möchte." Den wolle man unterstützen. Und wenn man abgesagt hätte, "dürfte man vielleicht auch die Olympischen Spiele oder überbezahlte, alte Fußballprofis nicht mehr im Fernsehen zeigen", gibt der Sportchef des Südwestrundfunkes zu bedenken.

Die Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen gleicht einer Sisyphusarbeit, sagt Antwerpes offen: "Heute dreckig, morgen sauber, das funktioniert leider nicht." Erst recht nicht, wenn ARD und ZDF die einzigen TV-Medien sind, die die Tour kritisch begleiten. Die Antworten auf eine Umfrage der ZDF-Online-Redaktion unter ausländischen Kollegen verdeutlicht, dass Doping scheinbar ein rein deutsches Problem ist: "Es wirkt, als hätte man sich in Deutschland in eine Sache verrannt, als hätte man etwas aufzuarbeiten, mit dem man nicht fertig wird. Wie mit dem Zweiten Weltkrieg", schrieb ein Journalist einer luxemburgischen Tageszeitung. "Mit dem Doping, dass ist schon witzig: Sind die Fahrer positiv, berichten die Medien negativ. Es scheint, als ob die Deutschen zu sehr Gerüchten statt Beweisen nachgehen", antwortete ein belgischer Redakteur. Ein Kollege der Aargauer Zeitung aus der Schweiz schreibt: "Doping im Radsport, viele wollen es gar nicht wissen." Auch in Japan, wo Radsport zum "großen Zirkus" geworden sei, sagt ein japanischer Redakteur, weiß man, dass es Doping bei der Tour gibt. Aber wenn zu viel darüber berichtet werde, wenden sich die Menschen ab.

Die Einschaltquoten von ARD und ZDF bestätigen dies. Im Vergleich zu den Vorjahren schalten weniger ein. Die zweite Etappe verfolgten im ZDF weniger als halb so viele Zuschauer wie im Vorjahr. Die ARD konnte am ersten Tag mit dem Boxkampf Klitschko gegen Brewster neunmal so viele Menschen vor den Fernseher locken wie mit dem Prolog. "Wir freuen uns über jeden, der zuschaut, aber das die Quote nicht stimmt, haben wir erwartet", sagt Antwerpes dazu. Für ihn stehe nicht die Einschaltquote, sondern die journalistische Arbeit im Mittelpunkt.

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Leser-Kommentare

    • 12.07.2007 um 9:26 Uhr
    • Kerzel

    Radsport und Doping
    Es mag schon sein, dass nur die "negativen" Deutschen wieder einmal mit "Aufarbeitung" beschaeftigt sind.....fuer mich, die in Italien lebt eher ein Grund zu sagen "Bravo"! Endlich! Als die Deutschen vor 30 Jahren mit ihrem Oekogenoergele angefangen haben, haben auch nur alle gelaechelt und mit dem Kopf geschuettelt....wer will schon Solarenergie und warum? Manchmal sind die Deutschen mit ihrem "Riecher" vorn und was die allgemein akzeptierte und verbreitete "Drogeneinnahme zur Leistungssteigerung" angeht ist das auch gut so und ein Grund zur Zustimmung....

  1. Der angebliche sportliche Tiefpunkt des Radsports ist der gleichzeitig der Tiefstpunkt der Medien und Funktionäre.

    Weshalb angeblich sportlicher Tiefpunkt? Weil Öffentlichkeit und Medien jahrelang die Augen vor dem Thema Doping verschlossen haben. Weil zur Medienhatz erst geblasen wurde als der Ewigverdächtige Nr. 1 nicht mehr angetreten ist.

    Weshalb Tiefstpunkt der Medien? Weil die gleichen Kommentatoren, die früher den gedopten Stars auf der Suche nach Geschichten nachgehechelt sind, heute die sittsamen Ankläger spielen. Die Journalisten sind die Hyänen des Radsports, die Fernsehreporter die Aasgeier der Berichterstattung. Denn auch die Medienvertreter tun für Geld alles. Heute Claquere, morgen schreiben sie den Verriss für die gestern bejubelten Stars. Zu allem Überdruß wird heute das langsame Tempo der Tour beklagt!!!
    Ja geht´s denn noch verlogener, liebe Angestellte und Freischaffende von der Presse, Funk und Fernsehen?

    Weshalb Tiefstpunkt der Funktionäre? Weil ein Swimmingpool-Minister heute den Sittenwächter über den Radsport geben darf.

    Es ist nicht so, daß der Autor dieser Zeilen das Übel des Doping schönreden möchte. Aber der vielgescholtene Jan Ullrich hatte nicht unrecht. Zabel und Rijs wurden mit Bedrohung ihrer Existenz zu beschämenden Selbstkritiken erpreßt. Bei den Pressekonferenzen hätten stalinistische Richter ihre Freude gehabt. Jaksche hat anscheinend aus seiner Not eine Tugend gemacht und sein Tagebuch verkauft.
    Andere dürfen sich heute als Saubermänner gerieren, obwohl allen Beteiligten klar ist, daß auch ihre Wäsche mindestens einen Grauschleier hat.

    Bedrückend sind aber nicht die Geständnisse der Fahrer, die sich mit dem "System" arrangieren mußten. Noch bedrückender ist der Einfluß der Außenwelt, die diese Gemengelage aus Heuchelei und Verlogenheit ermöglichen. Die Medienvertreter und Funktionäre höchstselbst.

    korfstroem

  2. Für den Wechsel der Zuschauer von ARD und ZDF zu Eurosport gibt es noch eine andere Erklärung. Vielleicht ist das die Rache der Zuschauer, die sich belogen fühlen? Von einem Privatsender wie Eurosport erwartet man keine kritische Berichterstattung. Wenn aber die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die mit ihrem angeblichen "Bildungsauftrag" immer höhere Gebühren rechtfertigen, jahrelang den Journalismus verweigern und die Jubelperser für einen Haufen Sportbetrüger geben, ist das ein Skandal. Ich kann verstehen, dass die Zuschauer keine Lust haben, ein solches Verhalten auch noch mit hohen Einschaltquoten zu honorieren.

    • 12.07.2007 um 10:49 Uhr
    • hal8k

    Es ist nicht ganz korrekt zu behaupten, dass die Zuschauer der ARD & ZDF nichts mehr über Doping hören möchten. Es kommt, wie so oft, auf die richtige Mischung an.

    Was sich die Kommentatoren allerdings für unverschämtheiten alleine beim Prolog erlaubt haben ist den Zuschauern nicht zuzumuten. Deswegen schalten viele ab oder um - zu Eurosport. Man muss nicht in jedem zweiten Satz das Wort "Doping" erwähnen, alle Fahrer als miese Betrüger verdächtigen und Unwahrheiten zum Thema Andreas Klöden und seinen Aussagen verbreiten.

    Wenn einem als Zuschauer andauernd ins Gesicht gesagt wird wie mies, verlogen und betrügerisch die ganze Veranstaltung angeblich sei, dann hat man darauf nach ein paar Tagen keine Lust mehr und wählt die Berichterstattung die sich dem sportlichen Inhalt widmet und Emotionen rüberbringt. Ich schaue mir die Tour an um Radrennsport zu sehen und nicht um andauernd mit den selben, inhaltslosen Floskeln belehrt zu werden.

    Im SPON war ein Zitat zu lesen, dass es ganz gut trifft. Das ging in etwa so:

    Die Tour bei ARD & ZDF zu schauen ist in etwa so, als schaue man Fussball gemeinsam mit seiner Frau die einem dabei andauernd erzählt wie primitv und sinnlos der Sport sei.

    • 14.07.2007 um 19:35 Uhr
    • Koppi

    nein, ich bin nicht enttäuscht von unseren medien. halten sie uns deutschen doch ununterbrochen das thema doping vor augen. sind sie doch in geradezu vorbildlicher art und weise engagiert und richten dabei einen fahrer nach den anderen, um letztendlich zum großen streich "dem radsport im allgemeinen" auszuholen. und wie dankt uns das ausland? es kümmert sich einfach nicht! doping in der internationalen presse? fast gänzlich fehlanzeige! und was musste ich heute bei der bergetappe sehen? zuschauer - zuschauer - zuschauer! wie soll das denn erst bei den großen bergankünften werden? ja sieht denn das ausland wieder einmal nicht die gefahr die auf sie zurennt - erkennt sie denn nicht unsere deutsche rolle - wie wir wieder etwas von etwas zu befreien versuchen? mit der besten absicht natürlich!
    und jetzt das: nicht genug, dass sich der zabel (dieser doping...) erdreistet, ins grüne trikot zu fahren (nachdem was im vorfeld alles passiert ist und vor allem in seinem alter!) -
    nein, nun gewinnt ein gewisser herr gerdemann die etappe und fährt morgen zu allem überfluss auch noch in gelb.
    ist das denn das alles allein mit jugendlicher unwissenheit zu entschuldigen. was sollen denn jetzt bitte schön die medien reagieren? nun sprich der herr gerdemann auch noch von "neuanfang".
    gott sei dank wurde er dann auch in der stunde seines größten triumphes sofort zum thema doping befragt. aber reicht das alleine aus? er ist noch so jung, da könnte man doch noch... wie soll denn nun morgen die berichterstattung bitteschön aussehen? nachdem was heute passiert ist, kann man doch nicht einfach zur tagesordnung übergehen. die internationale presse lacht ehe schon über uns deutsche. aber die werden schon noch sehen! mir ist jedenfalls nach dem heutigen tag die tour de france nichts mehr wert. wo soll das alles nur enden?

  3. eurosport macht seit jahren kompromisslos sportübertragungen mit einem angenehm zurückhaltenden kommentar: der sport bzw. das sport-event steht im mittelpunkt, personen und nationalitäten wirken zweitrangig.
    ganz anders die grossen tv-gesellschaften mit sport-sponsoring seit *jahrzehnten*: tennis mit boris, tourdefrance mit jan, skispringen mit den dsv-adlern, zuerst schmidt, dann hannawald, dann nichts mehr, boxen mit maske, schulz, klitschko....
    jetzt sollte die tourdefrance eben mittels dopingskandal an den zuschauer gebracht werden (weil die rechte für 2007 bereits lange gekauft waren?), welche einschaltquote hatten die *sondersendungen* zu den beichten der telekom-fahrer? in wahrheit garantiert doch der gedopte sieger höhere quoten solange er ein spektakulärer einzelfall bleibt. flächendeckend gedopter sport ist so wenig interessant und vermarktbar wie wrestling. das ahnen alle sportfuntionäre, deswegen jetzt die jugendolympiade als geldmaschine? im nachlassenden interesse der zuschauer liegt die gefahr für die tv-sender nicht im doping an sich. wie verlogen waren beide intendanten in den interviews nach den beichten: das übertragen der doping-tourdefrance ist ein öffentlich-rechtlicher auftrag unter vorbehalt, wir berichten unvoreingenommen und fragen jetzt nach.
    es ist nicht der sport, sondern die sensation die dort seit jahren immer unverschämter vermarktet wird. das das dem letzten zuschauer jetzt klar wird und er sich mit grausen abwendet, ist doch nicht überraschend, oder?

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