Vattenfall Offene Fragen und ein Rücktritt

Die Mängelliste des AKW Brunsbüttel zeigt: Der Pannenmeiler weist noch immer zahlreiche Sicherheitslücken auf. Vattenfall Europe-Chef Klaus Rauscher trat zurück.

Wie gut ist das Atomkraftwerk (AKW) Brunsbüttel gegen außergewöhnliche Ereignisse gewappnet, also Erdbeben, Hochwasser oder Terroranschläge? Eine Antwort auf diese Frage soll die Mängelliste geben, die nun auf der Internetseite des Sozialministeriums Schleswig-Holstein veröffentlicht wurde. Seit Mittwoch, kurz vor 14 Uhr, ist das zuvor streng gehütete Geheimnis des Energiekonzerns Vattenfall publik: Auf 141 Seiten haben die Gutachter, unter ihnen der TÜV, pedantisch „offene Punkte aus der Sicherheitsüberprüfung für das Kernkraftwerk Brunsbüttel“ aufgelistet.

Nicht alle sind gleich wichtig. Die Experten teilen die rund 707 „offenen Fragen“ in vier Kategorien ein. In der knallrot eingefärbten Kategorie 1 (Sicherheitstechnisches Defizit – umgehend zu beseitigen) findet sich selbstverständlich kein Punkt – ansonsten müsste der Meiler sofort vom Netz gehen. Anders hingegen die gelbe Kategorie 2 (Nachweisdefizite – kurzfristig zu beseitigen). Vattenfall hat zwar zu allen 185 in dieser Kategorie offenen Punkten Stellung bezogen, doch aus Sicht der Gutachter nicht alle Fragen ausgeräumt. In der Sprache der Mängelliste heißt das: Für 85 Punkte liegen noch immer keine „abgeschlossenen positiven Prüfergebnisse“ vor. Unter Kategorie drei und vier schließlich werden für die Sicherheit weniger kritische Fragen zusammengefasst.

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Was sind nun die offenen Fragen aus der zweiten Kategorie? Unter anderem kann der Energiekonzern nicht nachweisen, welche Folgen ein Hochwasser oder ein Erdbeben im Einzelnen auf die Reaktorsicherheit hätte. Unklar ist beispielsweise, ob im Ernstfall das Absperren von Rücklaufkanälen per Hand wirklich der beste Weg ist, um eine Überflutung im Reaktorgebäude zu verhindern. Die Gutachter hinterfragen die Tragfähigkeit von Dübeln und die Belastbarkeit von Materialien. Zudem hat Vattenfall offensichtlich noch keine ausreichenden Schätzungen darüber vorgelegt, wie viel Radioaktivität freigesetzt wird, wenn etwa ein Behälter mit radioaktivem Wasser ein Leck hat.

Die für Brunsbüttel zuständige Landesministerin Gitta Trauernicht (SPD) erklärte nach der Veröffentlichung, die 85 noch immer offenen Punkte befänden sich „im laufenden Begutachtungsverfahren“. Spätestens zum Jahresende solle ein Abschlussbericht vorliegen.

Die Pannenserie der vergangenen Wochen forderte am Mittwoch einen weiteren Tribut. Nachdem am Montag bereits der Leiter der Atomsparte von Vattenfall, Bruno Thomauske, zurückgetreten war, gab nun auch der Chef von Vattenfall Europe, Klaus Rauscher, seinen Rücktritt bekannt. „Dieser Schritt hat nichts mit der technischen Sicherheit unserer Kernkraftwerke zu tun“, versicherte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek gegenüber ZEIT online.

Sicherlich ist Rauschers Rücktritt aber auch eine Reaktion auf die schwindende Unterstützung der Politik. Bundeskanzlerin Merkel hatte ebenfalls am Mittwoch erklärt, die Informationspolitik von Vattenfall sei „nicht akzeptabel“. Dass die Brunsbüttel- und Krümmel-Affäre inzwischen in den Chefetagen angekommen ist, zeigt auch die Tatsache, dass eigens Lars Josefsson, Präsident des Vattenfall-Konzerns und Merkel-Berater , nach Berlin kam, um Rauschers Rücktritt zu verkünden.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 18.07.2007 um 20:55 Uhr

    recherchiert doch mal, ihr zeit-journalisten!
    mit wieviel geld etc. wird dieser rausschmiss "geahndet"?
    und eine kleine korrektur: der meiler weist technische mängel auf, die von den betreibern samt aufsichtsbehörden und politikern unterm deckel gehalten wurden/werden. das ist die sicherheitslücke!
    da fällt mir doch der "katastropheneinsatzplan" von gerd Schinkel&Saitenwind ein:" Es besteht schon Grund zur Aufregung.
    Die Gefahren warten auf Beseitigung.
    Sie drohen uns allen - wer weiß schon wie lange...
    Die Katastrophe ist vielleicht schon im Gange..."

  1. Was sind diese Rücktritte denn schon wert? Als Bauernopfer mögen sie dem normal intelligenten Mitbürger noch als die Übernahme von Verantwortung erscheinen. Doch ist damit keine einzige der vielen Gefahren, die die Kernenergie produziert aus der Welt geschaffen.

    Um sicher zu gehen, dass diese Teufelstechnik in Deutschland nicht noch viele Jahrzehnte die Sicherheit von Leib und Leben beeinträchtigt, bedarf es schon sehr bald kluger Wahlentscheidungen.

    Unbedingt muss auch darüber aufgeklärt werden dürfen, dass man die Antiterrorgesetze schon allein deshalb so verschärfen will, damit die Atomlobby schnell wieder ruhig schlafen kann. Dem Aberglauben, die Union könne der Kernspaltung ihre Vernichtungskraft wegzaubern, ist deshalb durch umfassende Aufklärung zu begegnen.

    Jedenfalls lassen die Versuche, den politischen Einfluss der Kanzlerin auf die Atomwirtschaft als wichtiges Regulativ hervorzuheben, darauf schliessen, dass sich auf den oberen Entscheidungsebenen keinesfalls Vernunft durchsetzt. Vielmehr soll die Kulturtechnik, trotz weniger Kernenergie mehr Lebensqualität erzeugen zu können, von vornherein als Utopie gekennzeichnet werden. Das heisst aber auch, dass mit der Union kein moderner Staat mehr zu machen sein wird.

  2. Auch wenn es z.B. die FAZ nicht wahr haben will, das Konzept der friedlichen Nutzung der Kernenergie sieht den Katastrophenfall vor - ich glaube, es ist die Stufe 7 der Eskalationsleiter. Ein Gau in einem AKW bedeutet für Millionen von betroffenen Menschen den Tod oder schwere Verletzung auf Dauer. Wenn es in Biblis mal richtig knallt, dann ist z.B. ganz Frankfurt erledigt und auf dem Frankfurter Flughafen wird viele Jahrzehnte kein Jumbo mehr landen. Wäre doch eigentlich schade. Oder?

  3. Man hat sich ja schon dran gewöhnt, daß Schlamperei und Improvisation bei ehemaligen Staatsbetrieben, wie der Bahn, die ehemalige 'deutsche Gründlichkeit' abgelöst haben. Mag es noch hingehen, daß ein entnervter Lokführer seinen ICE irgendwo stehen läßt, derlei Haltung in der Atomtechnik ist Massenmord. Was der Mängelbericht offenbart ist, daß es die Addition vieler kleiner Mogeleien sind, die zu Störfällen, für die es in dieser Kombination eben auch kein 'Szenario' gibt, führen können. Wenn die Konzernleitung dann auch eher ihre Share Holder im Blick hat als die Millionen ihrer potentiellen Opfer, ist der sofortige Ausstieg aus dieser Technologie angezeigt. Und wenn Frau Merkel hundertmal Physikerin ist!

  4. In welcher Welt leben HenningHartwig und moosbach? Soweit ich mich erinnern kann, gab es in Mitteleuropa noch keine Atomtoten und in Tschernobyl redet man realistischerweise von rund 500 Menschen im Verlaufe von 20 Jahren.

    Dieses hysterische Getue ist ganz einfach lächerlich.

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    Im Zusammenhang mit dem Betrieb von sicherheitskritischen AKWs interessieren nur Fakten und keine Erinnerungen oder dummes Geschwätz.

    Wegen der Bedeutung dieses Themas einige Fakten, die irgendwann auch schon mal in den Zeitungen zu lesen waren.

    - Kontaminierte Gebiete:

    Gesamte nördliche Halbkugel.

    Besonders betroffen: Weißrussland, Russland, Ukraine - Skandinavien - Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland, Norditalien - Balkan, Griechenland, Türkei.

    Insgesamt wurden in Europa etwa 3.900.000 km² (40 % der Gesamtfläche) durch Cäsium-137 kontaminiert (mindestens 4 kBq pro m²).

    - Strahlenbetroffene Personengruppen:

    Zunächst 200.000 Aufräumarbeiter, davon ca. 1.000 mit sehr hohe Strahlendosen im Bereich von 2 bis 20 Gray (externe Gamma-Bestrahlung). Total sind 600.000 bis 800.000 Aufräumarbeiter betroffen. Die später eingesetzten Arbeiter erhielten deutlich geringere Dosen. Es wurden etwa 116.000 Personen aus der 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor evakuiert. Später wurden zirka 240.000 weitere Personen umgesiedelt.

    Bei der Katastrophe von Tschernobyl handelte es sich um einen Super-GAU 'leichterer Güte', der für kein AKW der Welt ausgeschlossen werden kann und im dichtbesiedelten Deutschland wesentlich erheblichere Folgen haben würde.

    - Gesundheitliche Folgen:

    . Akute Strahlenkrankheit
    Akute Strahlenkrankheit wurde zunächst bei 237 Personen vermutet und bei 134 Personen (insbesondere Kraftwerksbeschäftigten und Feuerwehrleuten) bestätigt. Von diesen sind 28 im Jahr 1986 und weitere 19 in den Jahren 1987 bis 2004 verstorben. Laut der ukrainischen Gesundheitsbehörde sind inzwischen 15.000 Liquidatoren gestorben (mit auffällig hoher Selbstmordrate) und 92,7 % erkrankt.

    . Langzeitfolgen
    Die Langzeitfolgen des Unglücks sind schwer abzuschätzen. Sie sind aber für die betroffenen Menschen Realität.

    . Schilddrüsenkrebs
    Schilddrüsenkrebs bei Personen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine, die zum Zeitpunkt des Unglücks Kinder oder Jugendliche waren: bis Anfang 2006 etwa 5000 Fälle diagnostiziert. Mit weiteren Fällen wird noch über viele Jahre gerechnet.

    . Leukämie
    Verdoppelung des Leukämierisikos.

    . Andere Krebserkrankungen
    Sie werden zum größten Teil erst nach einer Latenzzeit von mehreren Jahrzehnten auftreten. In Europa wird bis 2065 mit ungefähr 16.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs und 25.000 Fällen von anderen Krebsarten als Folge der Tschernobyl-bedingten Strahlenbelastung gerechnet. Unter den damals lebenden 570 Mio. Menschen kann es zwischen 30.000 und 60.000 zusätzliche Krebstodesfälle durch die Katastrophe von Tschernobyl kommen.

    . Genetische und teratogene Schäden

    Es hat einen deutlichen Anstieg von genetischen bzw. teratogenen Schäden wie Totgeburten und Fehlbildungen in der Unglücksregion, aber auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern gegeben. Der Anstieg wird auf Dauer anhalten.

    . Andere körperliche Gesundheitsschädigungen:

    In den am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Ländern ist ein erheblicher Anstieg auch bei vielen nicht bösartigen Erkrankungen zu beobachten. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist deutlich gesunken. Z.B. ist bei Erkrankungen der Augenlinsen (u.a. dem Grauen Star) ein Zusammenhang mit radioaktiver Belastung wahrscheinlich.

    . Mentale Gesundheit und psychosoziale Auswirkungen:

    Eine erhebliche Belastung für die Gesundheit durch die Katastrophe von Tschernobyl liegt in direkt oder indirekt von ihr verursachten mentalen und psychosozialen Folgen. Als mentale Folgen des Unglücks werden unter anderem Angst vor möglichen Folgen der Strahlung, das Drängen in eine Opferrolle, die zu einem Gefühl sozialer Ausgrenzung führt, sowie Stress in Zusammenhang mit Evakuierung und Umsiedlung genannt. Angst kann zu Krankheitserscheinungen und zu gesundheitsschädigendem Lebenswandel (Ernährung, Alkohol, Tabak) führen. Auch die hohe Suizidrate der Region wird damit erklärt. Inwiefern die fahrlässig oder bewusst falsche Informationspolitik (von welcher Seite auch immer) in Bezug auf die tatsächlichen Folgen des Unglücks die Unsicherheit der Menschen verstärkte, ist schwer abzuschätzen.

    - Schaden für die Wirtschaft:

    Die Katastrophe von Tschernobyl verursachte immense Kosten und hat der Wirtschaft in Europa schwer geschadet.
    Die Folge-Kosten haben ein großes Loch in die Budgets der drei beteiligten Länder gerissen. Besonders betroffene Zweige der lokalen Wirtschaft waren Land- und Forstwirtschaft. So konnten aufgrund der Strahlenbelastung knapp 800.000 Hektar (ha) Land und 700.000 ha Wald nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden.

    Im Zusammenhang mit dem Betrieb von sicherheitskritischen AKWs interessieren nur Fakten und keine Erinnerungen oder dummes Geschwätz.

    Wegen der Bedeutung dieses Themas einige Fakten, die irgendwann auch schon mal in den Zeitungen zu lesen waren.

    - Kontaminierte Gebiete:

    Gesamte nördliche Halbkugel.

    Besonders betroffen: Weißrussland, Russland, Ukraine - Skandinavien - Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland, Norditalien - Balkan, Griechenland, Türkei.

    Insgesamt wurden in Europa etwa 3.900.000 km² (40 % der Gesamtfläche) durch Cäsium-137 kontaminiert (mindestens 4 kBq pro m²).

    - Strahlenbetroffene Personengruppen:

    Zunächst 200.000 Aufräumarbeiter, davon ca. 1.000 mit sehr hohe Strahlendosen im Bereich von 2 bis 20 Gray (externe Gamma-Bestrahlung). Total sind 600.000 bis 800.000 Aufräumarbeiter betroffen. Die später eingesetzten Arbeiter erhielten deutlich geringere Dosen. Es wurden etwa 116.000 Personen aus der 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor evakuiert. Später wurden zirka 240.000 weitere Personen umgesiedelt.

    Bei der Katastrophe von Tschernobyl handelte es sich um einen Super-GAU 'leichterer Güte', der für kein AKW der Welt ausgeschlossen werden kann und im dichtbesiedelten Deutschland wesentlich erheblichere Folgen haben würde.

    - Gesundheitliche Folgen:

    . Akute Strahlenkrankheit
    Akute Strahlenkrankheit wurde zunächst bei 237 Personen vermutet und bei 134 Personen (insbesondere Kraftwerksbeschäftigten und Feuerwehrleuten) bestätigt. Von diesen sind 28 im Jahr 1986 und weitere 19 in den Jahren 1987 bis 2004 verstorben. Laut der ukrainischen Gesundheitsbehörde sind inzwischen 15.000 Liquidatoren gestorben (mit auffällig hoher Selbstmordrate) und 92,7 % erkrankt.

    . Langzeitfolgen
    Die Langzeitfolgen des Unglücks sind schwer abzuschätzen. Sie sind aber für die betroffenen Menschen Realität.

    . Schilddrüsenkrebs
    Schilddrüsenkrebs bei Personen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine, die zum Zeitpunkt des Unglücks Kinder oder Jugendliche waren: bis Anfang 2006 etwa 5000 Fälle diagnostiziert. Mit weiteren Fällen wird noch über viele Jahre gerechnet.

    . Leukämie
    Verdoppelung des Leukämierisikos.

    . Andere Krebserkrankungen
    Sie werden zum größten Teil erst nach einer Latenzzeit von mehreren Jahrzehnten auftreten. In Europa wird bis 2065 mit ungefähr 16.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs und 25.000 Fällen von anderen Krebsarten als Folge der Tschernobyl-bedingten Strahlenbelastung gerechnet. Unter den damals lebenden 570 Mio. Menschen kann es zwischen 30.000 und 60.000 zusätzliche Krebstodesfälle durch die Katastrophe von Tschernobyl kommen.

    . Genetische und teratogene Schäden

    Es hat einen deutlichen Anstieg von genetischen bzw. teratogenen Schäden wie Totgeburten und Fehlbildungen in der Unglücksregion, aber auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern gegeben. Der Anstieg wird auf Dauer anhalten.

    . Andere körperliche Gesundheitsschädigungen:

    In den am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Ländern ist ein erheblicher Anstieg auch bei vielen nicht bösartigen Erkrankungen zu beobachten. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist deutlich gesunken. Z.B. ist bei Erkrankungen der Augenlinsen (u.a. dem Grauen Star) ein Zusammenhang mit radioaktiver Belastung wahrscheinlich.

    . Mentale Gesundheit und psychosoziale Auswirkungen:

    Eine erhebliche Belastung für die Gesundheit durch die Katastrophe von Tschernobyl liegt in direkt oder indirekt von ihr verursachten mentalen und psychosozialen Folgen. Als mentale Folgen des Unglücks werden unter anderem Angst vor möglichen Folgen der Strahlung, das Drängen in eine Opferrolle, die zu einem Gefühl sozialer Ausgrenzung führt, sowie Stress in Zusammenhang mit Evakuierung und Umsiedlung genannt. Angst kann zu Krankheitserscheinungen und zu gesundheitsschädigendem Lebenswandel (Ernährung, Alkohol, Tabak) führen. Auch die hohe Suizidrate der Region wird damit erklärt. Inwiefern die fahrlässig oder bewusst falsche Informationspolitik (von welcher Seite auch immer) in Bezug auf die tatsächlichen Folgen des Unglücks die Unsicherheit der Menschen verstärkte, ist schwer abzuschätzen.

    - Schaden für die Wirtschaft:

    Die Katastrophe von Tschernobyl verursachte immense Kosten und hat der Wirtschaft in Europa schwer geschadet.
    Die Folge-Kosten haben ein großes Loch in die Budgets der drei beteiligten Länder gerissen. Besonders betroffene Zweige der lokalen Wirtschaft waren Land- und Forstwirtschaft. So konnten aufgrund der Strahlenbelastung knapp 800.000 Hektar (ha) Land und 700.000 ha Wald nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden.

  5. Im Zusammenhang mit dem Betrieb von sicherheitskritischen AKWs interessieren nur Fakten und keine Erinnerungen oder dummes Geschwätz.

    Wegen der Bedeutung dieses Themas einige Fakten, die irgendwann auch schon mal in den Zeitungen zu lesen waren.

    - Kontaminierte Gebiete:

    Gesamte nördliche Halbkugel.

    Besonders betroffen: Weißrussland, Russland, Ukraine - Skandinavien - Polen, Tschechien, Österreich, Süddeutschland, Norditalien - Balkan, Griechenland, Türkei.

    Insgesamt wurden in Europa etwa 3.900.000 km² (40 % der Gesamtfläche) durch Cäsium-137 kontaminiert (mindestens 4 kBq pro m²).

    - Strahlenbetroffene Personengruppen:

    Zunächst 200.000 Aufräumarbeiter, davon ca. 1.000 mit sehr hohe Strahlendosen im Bereich von 2 bis 20 Gray (externe Gamma-Bestrahlung). Total sind 600.000 bis 800.000 Aufräumarbeiter betroffen. Die später eingesetzten Arbeiter erhielten deutlich geringere Dosen. Es wurden etwa 116.000 Personen aus der 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor evakuiert. Später wurden zirka 240.000 weitere Personen umgesiedelt.

    Bei der Katastrophe von Tschernobyl handelte es sich um einen Super-GAU 'leichterer Güte', der für kein AKW der Welt ausgeschlossen werden kann und im dichtbesiedelten Deutschland wesentlich erheblichere Folgen haben würde.

    - Gesundheitliche Folgen:

    . Akute Strahlenkrankheit
    Akute Strahlenkrankheit wurde zunächst bei 237 Personen vermutet und bei 134 Personen (insbesondere Kraftwerksbeschäftigten und Feuerwehrleuten) bestätigt. Von diesen sind 28 im Jahr 1986 und weitere 19 in den Jahren 1987 bis 2004 verstorben. Laut der ukrainischen Gesundheitsbehörde sind inzwischen 15.000 Liquidatoren gestorben (mit auffällig hoher Selbstmordrate) und 92,7 % erkrankt.

    . Langzeitfolgen
    Die Langzeitfolgen des Unglücks sind schwer abzuschätzen. Sie sind aber für die betroffenen Menschen Realität.

    . Schilddrüsenkrebs
    Schilddrüsenkrebs bei Personen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine, die zum Zeitpunkt des Unglücks Kinder oder Jugendliche waren: bis Anfang 2006 etwa 5000 Fälle diagnostiziert. Mit weiteren Fällen wird noch über viele Jahre gerechnet.

    . Leukämie
    Verdoppelung des Leukämierisikos.

    . Andere Krebserkrankungen
    Sie werden zum größten Teil erst nach einer Latenzzeit von mehreren Jahrzehnten auftreten. In Europa wird bis 2065 mit ungefähr 16.000 Fällen von Schilddrüsenkrebs und 25.000 Fällen von anderen Krebsarten als Folge der Tschernobyl-bedingten Strahlenbelastung gerechnet. Unter den damals lebenden 570 Mio. Menschen kann es zwischen 30.000 und 60.000 zusätzliche Krebstodesfälle durch die Katastrophe von Tschernobyl kommen.

    . Genetische und teratogene Schäden

    Es hat einen deutlichen Anstieg von genetischen bzw. teratogenen Schäden wie Totgeburten und Fehlbildungen in der Unglücksregion, aber auch in Deutschland und in anderen europäischen Ländern gegeben. Der Anstieg wird auf Dauer anhalten.

    . Andere körperliche Gesundheitsschädigungen:

    In den am stärksten von der Tschernobyl-Katastrophe betroffenen Ländern ist ein erheblicher Anstieg auch bei vielen nicht bösartigen Erkrankungen zu beobachten. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist deutlich gesunken. Z.B. ist bei Erkrankungen der Augenlinsen (u.a. dem Grauen Star) ein Zusammenhang mit radioaktiver Belastung wahrscheinlich.

    . Mentale Gesundheit und psychosoziale Auswirkungen:

    Eine erhebliche Belastung für die Gesundheit durch die Katastrophe von Tschernobyl liegt in direkt oder indirekt von ihr verursachten mentalen und psychosozialen Folgen. Als mentale Folgen des Unglücks werden unter anderem Angst vor möglichen Folgen der Strahlung, das Drängen in eine Opferrolle, die zu einem Gefühl sozialer Ausgrenzung führt, sowie Stress in Zusammenhang mit Evakuierung und Umsiedlung genannt. Angst kann zu Krankheitserscheinungen und zu gesundheitsschädigendem Lebenswandel (Ernährung, Alkohol, Tabak) führen. Auch die hohe Suizidrate der Region wird damit erklärt. Inwiefern die fahrlässig oder bewusst falsche Informationspolitik (von welcher Seite auch immer) in Bezug auf die tatsächlichen Folgen des Unglücks die Unsicherheit der Menschen verstärkte, ist schwer abzuschätzen.

    - Schaden für die Wirtschaft:

    Die Katastrophe von Tschernobyl verursachte immense Kosten und hat der Wirtschaft in Europa schwer geschadet.
    Die Folge-Kosten haben ein großes Loch in die Budgets der drei beteiligten Länder gerissen. Besonders betroffene Zweige der lokalen Wirtschaft waren Land- und Forstwirtschaft. So konnten aufgrund der Strahlenbelastung knapp 800.000 Hektar (ha) Land und 700.000 ha Wald nicht mehr wirtschaftlich genutzt werden.

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