Halbzeitbilanz Die Montessori-Kanzlerin

Angela Merkel hält Machtworte für Unsinn. Nur Kompromisse böten Lösungen, sagt sie. Das wird ihr als Schwäche ausgelegt - dabei ist es ihre wahre Stärke.

Ich fordere dich, weil ich dich achte, war der Leitsatz des umstrittenen, aber berühmten sowjetischen Pädagogen Anton Makarenko. Mitverantwortung war sein Ziel. „Mein Credo ist: Ich will jedem ein Höchstmaß an persönlicher Entscheidung geben.“ Das sagt Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Es ist Tradition im politischen Berlin, dass sich der Regierungschef zu Beginn oder am Ende des Sommers allen Fragen der Presse stellt. Die Veranstaltung kann problemlos zwei Stunden dauern, kein Thema ist dabei tabu. Im Zusammenhang mit Angela Merkel gibt es derzeit vor allem ein Thema, und ihr wird bewusst gewesen sein, dass es vor allem darum gehen würde. Sie kam trotzdem und nahm sich viel Zeit. Es schien ihr sogar Spaß zu machen.

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Viel wurde sie gefragt. Um die Waldschlösschenbrücke in Dresden und die finanzielle Ausgestaltung der Agrarpolitik in den kommenden Jahren ging es, ebenso um Onlinedurchsuchungen und die Probleme in den Kernkraftwerken Vattenfalls. Doch im Kern war das Thema immer das gleiche: Wo stehen Sie, Frau Bundeskanzlerin? Was ist Ihre Meinung? Seit Monaten schon beklagen Kommentatoren, Merkel lasse „das klare Wort“ vermissen, wie beispielsweise die Süddeutsche Zeitung schrieb. Das stimmt. Sie neigt nicht dazu, an Toren zu rütteln oder mit dem Schuh auf den Tisch zu hauen, wenn sie etwas erreichen will. Viele jedoch scheinen das zu vermissen: die laute Stimme, die in einer komplexen Welt die Richtung vorgibt und sagt, wo es langgeht.

Man könnte diese Position als Schwäche interpretieren und sagen, sie beziehe keine Position, gehe in politischen Auseinandersetzungen nicht dazwischen und spreche kein „Machtwort“. Es gibt derzeit einige in Berlin, die genau das von ihr fordern. Bisher nämlich hat noch jeder Bundeskanzler irgendwann rumgebrüllt - doch bisher waren alle Bundeskanzler männlich. Merkel hat einen anderen Führungsstil, was ihr oft den Vorwurf einbringt, sie führe gar nicht.

„Können Sie ihren Führungsstil genauer beschreiben“, wurde sie gefragt. Und was sie dazu meine, dass der Koalitionspartner ihr Führungsschwäche vorwerfe. Wie sie mit der Behauptung umgehe, sie habe keinen „innenpolitischen Kompass“. Immer wieder schien in den Fragen die Unterstellung auf, sie - die Kanzlerin - sei in der Politik kaum sichtbar. Gerhard Schröder wäre bei der dritten entsprechenden Äußerung patzig geworden, hätte sich persönlich angegriffen gefühlt und den Kamm aufgestellt. Helmut Kohl hätte es impertinent genannt und es sich verbeten. Merkel nahm es gelassen, entschärfte mit Scherzen die Stimmung, blieb sachlich.

„Jeder führt auf seine Weise“, sagte sie und dass es ihr nicht darum gehe, „Meinungsunterschiede zu überbrücken“. Wolle man einen Kompromiss finden, seien Diskussionen sinnvoll und das Anhören aller Argumente wichtig. Darum geht es ihr. Sie glaubt, dass nur im Kompromiss Probleme beseitigt werden können, nicht im Kampf.

Wer Merkel lange genug nötigt, bekommt klare Aussagen. Dass sie die Nutzung von Atomenergie für sinnvoll hält, genau wie einen Raketenschild über Europa. Doch – und genau das scheint viele zu verwirren –, betont sie immer wieder, dass ihr eine solche Meinung überhaupt nicht wichtig sei, ja dass sie im politischen Entscheidungsprozess keine Bedeutung habe und Lösungen eher behindere als fördere. Denn Meinungen führten schnell zu Fronten, sagt sie. Sie aber will Verständigung. „Ich bin nicht dafür“, sagte sie beispielsweise zum Raketenschild, „dass wir das gegeneinander machen, sondern dass es eine Kooperation gibt.“ Sie wolle eine Lösung, mit der möglichst viele Menschen leben könnten. In dieser Haltung ist sie sehr konsequent und auch sehr klar – mit ihrer persönlichen Meinung hält sie sich aber zugunsten des Kompromisses zurück.

Leser-Kommentare
  1. Gerne wird ein Kanzler als autonome Instanz angesehen, welche die Geschicke der Nation leitet. Auf der Basis dieser Annahme werden dann gerne Interpretationen über den Führungsstil, die Persönlichkeit, den politischen Kurs und unendlich mehr am Fließband geliefert.
    Viel interessanter wird es jedoch, geht man in der Betrachtung von dieser personengebundenen Orientierung weg. Ein Kanzler hat in Wahrheit wesentlich weniger Freiheiten, sich irgendwo in irgendeiner Weise zu produzieren. Er ist durch Verfassung und damit Parlament gebunden, durch die Parteidoktrin, durch Meinungsumfragen, die mediale Präsens und viele weitere, unrühmlichere Einflussnahmen, ihr Ziehvater Kohl gibt hierfür ein unrühmliches Beispiel, dazu die Nebenberufe unserer Parlamentarier, deren Umfang sich auch nach der Aufdeckung ihres Einkommens in ihrer Dimension nur erahnen lassen.
    Nimmt man dies alles zusammen, verblasst die Rolle Kanzler und schrumpft auf ein kleines Quantum Bedeutungslosigkeit zusammen. Und wenn wir nun doch noch Merkels außen- und innenpolitische Bilanzen hinzunehmen, so verbleibt weniger als Nichts, ein absolut unverbindlicher G8 Gipfel, eine EU-Verfassung, deren Umsetzung sie in ihrer Regierungszeit nicht erleben wird, ein Aufschwung, den ihre Regierung nicht verschuldet und der sich bislang überall niederschlägt, nur nicht beim gemeinen Bürger.

  2. Typisch Medien: Immer wollen sie Meinungen. Egal welche, Hauptsache laut. Und wieso? Weil sich Meinung verkauft, unabhängig davon, ob sie vernünftig ist oder nicht. Hauptsache, einer streckt den Arm aus und weist mit dem Zeigefinger nach irgendwo: Da geht`s lang!

    Ich kann es bald nicht mehr hören, das Gejammer derer, die mit fester Hand geführt werden wollen. Was ist denn die Aufgabe einer Kanzlerin? Art. 65 GG weiß es: Die Kanzlerin hat die Richtlinienkompetenz. Bedeutet das, dass sie mit dem Kopf durch die Wand muss? Nein. Es bedeutet lediglich, dass sie sagen muss, was zu tun ist. Eine Richtlinie nämlich ist eine Handlungsanweisung, nicht mehr und nicht weniger. Frau Merkel sagt, wie zu handeln ist: mit Bedacht nämlich und in Abstimmung. Ich finde es seltsam, dass eine derart klare Anweisung offenbar von so vielen nicht verstanden wird. Dabei ist die Richtung ganz klar: Erst zuhören, dann denken, danach reden. Erneut zuhören. Anschließend wieder nachdenken. Wenn es sein muss, noch einmal reden. Und wieder zuhören. Erst dann handeln, wenn die Konsequenzen klar sind und eine tragfähige Mehrheit absehbar ist. Was daran ist verkehrt?

    Deutschland hat nicht länger einen allmächtigen Herrn. Mehr noch: Das Oberhaupt unserer Regierung hat nie öffentlich behauptet, es wäre allwissend. Ist das ein Drama? Kaum. Niemand, der bei klarem Verstand ist, wird ernsthaft behaupten wollen, eine Einzelperson, egal ob männlich oder weiblich, könnte Übermenschliches leisten und im Alleingang die letzten Fragen der (gesamtdeutschen) Menschheit abschließend klären. Wieso also verlangt man ausgerechnet von einer Regierungschefin, sie möge doch bitte zu allem und jedem eine Meinung haben, die man notfalls mit Gewalt umsetzen kann? Man sollte sich hüten, finde ich.

    Das einzige, was man von einer Kanzlerin unbedingt verlangen sollte, ist, dass sie weiß, wo welche Regeln zu befolgen sind. Und eine der Regeln, die in einer Ministerrunde gelten, sollte lauten: Minister denken, wenn sie denn im Kanzlerinnenauftrag denken, im Kopf und nicht in der Presse. Und wenn sie ihre aller ersten krausen Gedanken vortragen, dann bitte in einem Raum, der Türen hat, die man schließen kann. Damit die Debatte, die hinter den Türen geführt wird, das Volk nicht bereits in der ersten Denk-Runde heillos verwirrt. Wenn Frau Merkel nämlich noch vor den Mitgliedern ihrer Regierung ganz Deutschland an jeder Stelle in die Regierungsarbeit einbeziehen will, muss sie mit Komplikationen rechnen. Deutschland, schließlich, ist es noch immer nicht gewöhnt, im Streitfall um seine Meinung gebeten zu werden. Deutschland, die Medien allen voran, ist eher daran gewöhnt, dem ausgestreckten Arm zu folgen – im Zweifel an die Front.

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    Zu einem guten Artikel, der unserer Kanzlerin endlich mal gerecht wird ein guter Leserbrief.
    Ich kann dem allen nur zustimmen.

    Zu einem guten Artikel, der unserer Kanzlerin endlich mal gerecht wird ein guter Leserbrief.
    Ich kann dem allen nur zustimmen.

  3. Zu einem guten Artikel, der unserer Kanzlerin endlich mal gerecht wird ein guter Leserbrief.
    Ich kann dem allen nur zustimmen.

    Antwort auf "Hurrah!-Patrioten"
  4. Montessori-Kanzlerin? Da lachen wohl die meisten der Wahlbürger, die die FDJ-Kanzlerin nicht als Kanzlerin wollten und sie deshalb folgerichtig auch nicht gewählt haben. Merkel ist, im Sinne von Abiturwissen, nicht dumm. Nur, Einser-Abiture gibt es jedes Jahr in einer sehr grpßen Zahl. Merkels professionelle Erfahrungen, die für ihre Arbeit als Kanzlerin unterstützend hilfreich sein könnten, sind aber nur äußerst eingeschränkt vorhanden. Sie ist Deutschlands teuerster Lehrling. Jeder Headhunter hätte sie bereits in der Ident-Phase 'durchs Rost' fallen lassen bzw. er hätte sich nicht getraut, eine solch schwache Kandidatin seinem Autftraggeber zu präsentieren. In Merkels Kabinett sitzen eine Reihe von in der Regierungsarbeit sehr erfahrenen Profis - Jung und Glos meine ich dabei aber nicht - denen sie in der arbeitstäglichen Praxis nicht gewachsen ist. Eine ernsthafte Fachdiskussion im Kabinett steht sie nicht durch. Ohne die Unterstützung des regierungserfahrenen Vize-Kanzlers hätte sie die ersten 100 Tage im Amt nicht überlebt. Die zahlreichen SMS ihres Ehemannes haben ihr im Kanzleramt auch nicht immer helfen können. Sie war Kohls Mädchen. Heute ist sie, von BILD zwischenzeitlich zur Miss Europa geadelt, das kleine Mädchen von Bush, Sarkozy, Brown, Prodi, Juncker, ..., die ihr stets mit viel Mitleid begegnen und teilweise der Lächerlichkeit preisgeben. Merkel eilt nach eigenen Aussagen von Meilenstein zu Meilenstein. Nur, die sind immer aus Pappe und nur angetüncht. Mehr Wunsch als Wirklichkeit. Ich meine, Merkel kann es immer noch nicht. Sie lebt in ihrer eigenen Scheinwelt, gestützt von einigen Hofschranzen-Journalisten. Ohne den eigennützigen Support der Verleger-Presse hätte sie die erste Hälfte ihrer Amtszeit kaum überlebt. Mal sehen, was in der Sache FDJ-Kanzlerin noch so alles kommt. Armes Deutschland!

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    • cirone
    • 21.07.2007 um 22:17 Uhr

    Genau so ist es, "Eine ernsthafte Fachdiskussion im Kabinett steht sie nicht durch." Der Beweis ist, dass viele in den Ausschüssen schlampig ausgearbeiteten Gesetze oder Gesetzesnovellen von ihr abgenickt und durchgereicht wurden. Ich denke dabei an die Gesetzes-"Körbe" betreffend Urheberrecht oder den endlosen und populistischen Strafgesetzverschärfungswahn z.B. bei den Sittengesetzen. Deutschland ist mit dem alten Strafrecht
    unter Kohl gut gefahren, aber Frau Merkel sieht wieder
    "Gefahren" bei den Jugendlichen über 16 Jahre. Prompt wird mit einer undemokratisch zustande gekommenen US-EU-Richtlinie, *ein Zwangsgesetz*, der Jugendliche zu einem "Kind" gemacht, mit allen Gesetzesfolgen. Sehr hinterhältig gedacht von der Frau Kanzlerin bzw. der Zypries. Die Damen kennen den sehr humanistischen Code Napoléon offenbar nicht. Und aktuell ist gerade die unbefristete "Verwahrung" von schlimmen Straftätern, die man am liebsten Steinigen würde, um sie los zu werden. Es geht ja beileibe nicht nur um Kinderschänder!! Frau Merkel kommentierte nur, dass man jetzt endlich das mache, was ihr Vorgänger gefordert hatte: Wegschliessen. Da sieht man wie ihr das innenpolitische Fachwissen mangelt. Bekannte Strafrechtler sind schon längst zur Regierung auf Distanz gegangen. Quo vadis Deutschland.

    • cirone
    • 21.07.2007 um 22:17 Uhr

    Genau so ist es, "Eine ernsthafte Fachdiskussion im Kabinett steht sie nicht durch." Der Beweis ist, dass viele in den Ausschüssen schlampig ausgearbeiteten Gesetze oder Gesetzesnovellen von ihr abgenickt und durchgereicht wurden. Ich denke dabei an die Gesetzes-"Körbe" betreffend Urheberrecht oder den endlosen und populistischen Strafgesetzverschärfungswahn z.B. bei den Sittengesetzen. Deutschland ist mit dem alten Strafrecht
    unter Kohl gut gefahren, aber Frau Merkel sieht wieder
    "Gefahren" bei den Jugendlichen über 16 Jahre. Prompt wird mit einer undemokratisch zustande gekommenen US-EU-Richtlinie, *ein Zwangsgesetz*, der Jugendliche zu einem "Kind" gemacht, mit allen Gesetzesfolgen. Sehr hinterhältig gedacht von der Frau Kanzlerin bzw. der Zypries. Die Damen kennen den sehr humanistischen Code Napoléon offenbar nicht. Und aktuell ist gerade die unbefristete "Verwahrung" von schlimmen Straftätern, die man am liebsten Steinigen würde, um sie los zu werden. Es geht ja beileibe nicht nur um Kinderschänder!! Frau Merkel kommentierte nur, dass man jetzt endlich das mache, was ihr Vorgänger gefordert hatte: Wegschliessen. Da sieht man wie ihr das innenpolitische Fachwissen mangelt. Bekannte Strafrechtler sind schon längst zur Regierung auf Distanz gegangen. Quo vadis Deutschland.

  5. angenehm oder toll. Zur ihrer Politik äußere ich mich als Linker nicht, um mal nicht zu nörgeln. Sie tut es ja auch sehr selten.

    MfG

    • bierus
    • 19.07.2007 um 1:16 Uhr

    FDJ-Kanzlerin ist nun wiklich eine ziemlich dämliche Bezeichnung welche zunächst einmal ein bezeichnendes Licht auf den Verfasser des Kommentars wirft. Sie mögen es anders sehen, ich jedenfalls bin froh daß wir im Kanzleramt keinen populistischen Schaumschläger mehr haben. Bei Frau Merkel scheint Inhalt wichtiger als Verpackung zu sein, bei Gas-Gerd war es andersherum.

  6. Nach dem Zauderer Kohl und dem Basta-Blender Schroeder ist Frau Merkel eine angenehme neue Variante des Themas 'Bundeskanzler(in)'. Exemplarisch kann man nachvollziehen, welche Potentiale 'emotionale Intelligenz' in sich birgt. Schoen (fuer Deutschland) waere es nur, wenn das Bundeskabinett dieser Herausforderung gewachsen waere. Das ist nun leider nicht der Fall, bei keinem der Koalitionspartner. Also darbt Deutschland weiterhin durch das Jammertal unserer Durchschnittspolitiker - trotz Merkel.

  7. Mittlerweile verbinden die Bürger mit dem Begriff Reform - und alles was die Politik macht heisst ja seit zwei Jahrzehnten so -, dass ihnen was genommen oder ihnen eine neue Belastung aufgehalst wird. Deshalb wird auch einfaches Nichtstun schon als angenehm empfunden. Wie beim Zahnarzt, der nicht gebohrt hat. Eine Utopie, dass man mit Politik auch was zum Guten wenden kann ist nahezu aus den Köpfen verschwunden, bei den jetzt unter 40jährigen hat es diese Vorstellung erst gar nicht gegeben.

    Offenbar hat Frau Merkel dies erkannt. Ganz im Gegensatz zu den hyperaktiven Zappelliesen und -philippen auf den Ministerposten.

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