Atomkraft Transparenz tut weh
Wackelnde Dübel, Minischäden - jetzt wird alles gemeldet. Das sieht nicht gut aus, muss aber sein. Ein Kommentar
Nach den Pannen in Krümmel und Brunsbüttel reißt die Kette der Nachrichten von Zwischenfällen in den Kernkraftwerken des Vattenfall-Konzerns nicht ab. Was ist da los?
Es wurden Fehler gemacht, und nach bisherigem Wissen auch solche, aus denen organisatorische Konsequenzen für die Praxis des Reaktorfahrens zu ziehen sind. Fehler sind in einem komplexen Mensch-Maschine-System unvermeidlich, das weiß jeder nur zu gut, der - beispielsweise - eine journalistische Website betreibt. Doch wenn das Versagen der Technik im schlimmsten Fall Auswirkungen auf Natur und Gesundheit haben kann (und bei Kernkraftwerken heutigen, also traditionellen Typs ist das leider so), dann sind die Anforderungen an die technische und organisatorische Fehlerbekämpfung eben sehr hoch. Vattenfall muss lernen, ihnen besser nachzukommen.
Eine Konsequenz immerhin hat man bereits gezogen: Die Stromfirma schickt sich gegenwärtig an, Transparenz herzustellen und informiert auf ihrer Website über alle meldepflichtigen Vorkommnisse, mitsamt Erklärungen der technischen Begriffe.
Und erntet dafür nicht etwa Lob, sondern neue Probleme.
Denn zu den „meldepflichtigen Ereignissen“ gehören eben auch jene, die keinerlei Auswirkungen auf die Sicherheit haben, aber darauf hinweisen, dass hier oder dort etwas zu beachten oder zu verbessern ist. Da werden wackelnde Dübel entdeckt oder, wie jetzt geschehen, den Ingenieuren fällt ein zwei Millimeter kleines Loch in einem Entlüftungsstutzen auf. Eigentlich eine gute Nachricht, dass auch Kleinigkeiten erkannt werden. Ebenso, dass sie Veranlassung geben, nach Problemen ähnlicher Art zu suchen, die womöglich für die Sicherheit der Anlage relevant sind. Doch aus der guten Nachricht wird eine schlechte, denn sie passt in die Erzählung von der GAU-Gefahr in Norddeutschland, die derzeit die Öffentlichkeit schaudern lässt. „Pannenserie“ heißt das dann.
Tja, Transparenz kann weh tun . Die Verantwortlichen von Vattenfall müssen dieses Ungemach jetzt aushalten, und es wird noch lange anhalten, denn Vertrauen zu zerstören gelingt schneller, als es wieder aufzubauen. Der Fluch der bösen Tat!
- Datum 13.07.2007 - 14:01 Uhr
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 3
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Die deutschen Atomheiligen sind schon eine ganz besondere Familie.
- Auf Krümmel prangt dicke ein KKK (= http://www.kkk.com/).
- CO2-neutral ist der Meiler (wie die letzten Bilder bewiesen haben) ganz eindeutig nicht.
- Und bei einigen von Prof. Dr. Utz Claassens multimedialen Auftritten stellt sich ja schon die Frage, ob die Meldepflicht über wackelnde Dübel etc nicht doch auch auf die kernigen Atom-Manager im allgemeinen ausgeweitet werden sollte.
Ich wollte mich im Vattenfall Kunden-Center neulich mal über einen unverschämten Mitarbeiter beschweren. Der weigerte sich einfach, mir seinen Namen zu nennen. Ich fragte seine Kollegen - eine Mauer des Schweigens. Als ich einwenden wollte, dass es so ja wohl nicht geht, tauchte der Sicherheitsdienst auf und wies mir die Tür.
Eine Angestellte versuchte zu vermitteln und erzählte mir noch, dass sie Anweisung hätten keine Namen weiter zu geben, damit kein Kollege nach Dienstschluss unliebsamen Besuch von rachsüchtigen Kunden bekommt.
Das sagt wohl alles über das Selbstverständnis dieses Betriebes aus: Demnächst tragen meine Ansprechpartner wahrscheinlich eine Strumpfmaske und sprechen mit elektronisch verfremdeter Stimme. Albern!
Bravo und danke, Herr von Randow, für Ihren ausgewogenen und besonnen argumentierenden Artikel!
Sie zeigen eine hysteriefreie Haltung, die ich auf diesem Gebiet in der deutschen Medienlandschaft schon verloren geglaubt hatte. Es wäre ein Segen für Alle, wenn sich diese Haltung wieder mehr durchsetzen würde!
Und @dodomeister: LOL - so kann man CO2-Neutralität natürlich auch betrachten! Auch diese kleine Satire eine angenehme Abwechslung!
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