Wir waren wohl etwas zu voreilig. Vergangene Woche versprach diese Kolumne, nun würden endlich die Weichen gestellt für die nächste große Bewegung der Börsenkurse. Hopp oder Topp, Flug oder Fall, das schien die Frage. Unsere Hypothese: Sobald die wichtigen Indizes, also Standard & Poor’s 500, Dow und Dax neue Höchststände erreichen und, das ist wichtig, ihre Rekorde auch halten, steht eine neue Kursrally bevor. 

Am vergangenen Freitag brachen alle drei tatsächlich ihre alten Rekorde. Doch nur die US-Leitindizes hielten sich in ihren neuen Höhen, der Dax schaffte das nicht. Das zeigt, dass unter den Anlegern immer noch kein Übermut herrscht. Blinde, rauschhafte Aktienkäufe gab es kaum – das unterscheidet die gegenwärtige Situation von der Börseneuphorie des Jahres 2000.

Die Anleger sind derzeit immer noch in zwei Lager gespalten. Eine Gruppe, nennen wir sie die Satten, besteht aus jenen Anlegern, die ihr Kapital seit Langem investiert haben. Sie haben vom Kursanstieg der vergangenen Monate profitiert und können nun ihre Gewinne einstecken, indem sie Aktien verkaufen. Die andere Gruppe, nennen wir sie die Frustrierten, setzt sich aus jenen Anlegern zusammen, die seit Monaten keine Aktien halten und der Hausse nur hinterherschauen. Sie hoffen, die Kurse mögen endlich ein wenig fallen, damit sich ihnen ein günstiger Zeitpunkt auftue, endlich einzusteigen.

Satte oder Frustrierte, Verkäufer oder Käufer, eine der beiden Gruppen wird die Börsenkurse in naher Zukunft wohl bestimmen. Welche, ist jedoch noch immer nicht klar. Selbstverständlich spricht im Moment, nachdem der Dow Jones nachhaltig nach oben ausgebrochen zu sein scheint, einiges dafür, dass auch die anderen Indizes sich ihm anschließen. Doch ebenso gut ist es möglich, dass die Stimmung sich wieder dreht. Noch wenige Tage bevor Dax, Dow und der Standard & Poor's 500 auf neue Höhen kletterten, sah es schließlich an den Finanzmärkten ganz anders aus. Da fürchteten noch alle fallende Kurse.

Wie kann man in einem derart wechselhaften Umfeld wissen, wohin die Märkte streben werden? Auf das Sentiment zu schauen ist für die Analyse sehr wichtig, doch es reicht nicht aus.

Aktienkurse entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel aus Stimmungen, Erwartungen und Handlungen der Anleger. Wer erfolgreich investieren will, muss – ähnlich wie ein Schachspieler seinem Gegner – der breiten Masse immer einen Schritt voraus sein. Setzen beispielsweise alle auf steigende Kurse, kann eine Wette auf fallende Werte Gewinne versprechen und umgekehrt. Leider ist das im Moment nicht so einfach.